Kultur in der Corona-Krise Mit Puppen gegen die leeren Reihen

Wie kommen Theater, Schauspieler und Konzertveranstaltungen durch die Corona-Krise? Können die vom Bund versprochenen Novemberhilfen Verluste ausgleichen, die sich über Monate angehäuft haben? Welche Sorgen und Nöte werden in der Kulturlandschaft laut? Wir haben nachgefragt: beim Stadttheater Naumburg, beim WUK-Theater in Halle, beim Leipziger Schauspieler Peter Schneider und der Mawi Concert GmbH.

theater, corona
Wie geht es im Dezember weiter? Viele Theaterbetreibe hoffen auf eine verlässliche Aussage seitens der Poltik. Bildrechte: dpa

Theater Naumburg

Das Theater Naumburg ist das kleinste Stadttheater Deutschlands und vereint Schauspiel, Kinder-und Jugendtheater und Figuren- und Puppentheater. Vor dem Teil-Lockdown im November durften nur 27 Plätze besetzt werden und die freizuhaltenden Plätze wurden mit Puppen gefüllt, "damit es sich nicht so leer anfühlt", sagt Stefan Neugebauer, der Intendant des Theaters.

Theater Naumburg
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Das Theater kämpft durch den ersten Lockdown immer noch mit Einnahmeverlusten von 50.000 Euro. Gastschauspieler können dadurch nicht mehr eingeladen werden. Die aktuelle Förderung des Bundes geht am Theater Naumburg jedoch vorbei, weil es ein städtisches Unternehmen ist. Kurzarbeit zu beantragen, um die Personalkosten teilweise vom Bund erstattet zu bekommen, funktioniere aber auch nicht. Die Einnahmeverluste werden jedoch, so Stefan Neugebauer, auch durch behutsame Einsparungen in bestimmten Bereichen nicht gedeckelt werden können. Das größte Problem sei, dass es bisher keine verlässliche Aussage seitens der Politik gebe, sagt Neugebauer. "Wir tun so, als ob es am 1. Dezember weitergeht, aber nachdem schon unsere Hygienekonzepte nicht mehr zählen, ist es ja durchaus denkbar, dass auch diese Aussage wieder aufgeweicht wird."

WUK-Theaterquartier Halle

Das WUK-Theaterquartier in Halle feiert in diesem November seinen dritten Geburtstag. Es ist die jüngste Spielstätte Halles für professionelles Freies Theater, bietet Probenräume und kooperiert mit professionellen freien Schauspielerinnen und Schauspielern.

Sommerbühne des WUK-Theaters Halle
Im Sommer war das noch möglich: Freilufttheater. Bildrechte: Nicole Tröger

Künstlerischer Leiter ist Tom Wolter. Sein Haus setzt auf die Begegnung mit anderen freien Theatern aus Deutschland und aus dem Ausland. Von den weitgehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens während des ersten Lockdowns war das WUK-Theater in Halle als überwiegend nicht öffentlich gefördertes, freies Theater in Sachsen-Anhalt besonders stark betroffen. Im März hatte das Theater Soforthilfen beantragt und 9.000 Euro bewilligt bekommen. Dennoch beliefen sich die Umsatzeinbußen auf 40.000 Euro. Seit Anfang Juli konnte dann nur noch die Hälfte der 110 Plätze mit Zuschauern besetzt werden, aber es wurde, trotz Unterfinanzierung, wieder gespielt. Bis Mitte September konnte das Theater 4.500 Zuschauer begrüßen und man wollte, so Wolter, optimistisch in den Herbst gehen.

Im November musste das Theater 24 Veranstaltungen absagen. Für Wolter sind die Fördermaßnahmen des Bundes für den November ein Schritt in die richtige Richtung, zumindest für die Solo-Selbstständigen. Ob die Hilfen auch zielgenau bei seinem Haus ankommen, bleibe abzuwarten.

Die größte Herausforderung für sein Haus sieht er in der Organisation des Spielplans, der sich nicht einfach kurz aussetzen und dann wieder hochfahren ließe. Eine Schließung bedeute auch immer eine Unterbrechung von Arbeitsprozessen, aktuell von sechs Produktionen. Hinzu komme die Entwicklung von alternativen Plänen durch Online-Angebote, die parallel laufen müsse.

Peter Schneider, Schauspieler

Peter Schneider ist ein Schauspieler und Musiker aus Leipzig, er ist bekannt aus zahlreichen Filmen wie "Nackt unter Wölfen" oder "Gundermann". Schneider dreht aktuell wieder, in der beschäftigungslosen Zeit konnte er von Reserven leben. Vielen Kollegen gehe es jedoch finanziell wie mental an die Substanz, sagt der Schauspieler. Die Hilfen kamen nicht an oder seien zu bürokratisch gewesen.

Porträt von Peter Schneider
Peter Schneider Bildrechte: unicato | MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Politik habe bisher nicht zwischen den Betriebsformen der einzelnen Kunstschaffenden unterschieden, bemängelt Schneider. Den Solo-Selbstständigen sei seit März nicht geholfen worden, da die Bundeshilfen bisher nur für die Betriebskosten, nicht aber für die Lebenshaltungskosten vorgesehen waren – viele Solo-Selbstständige hätten aber kaum Betriebskosten. Obwohl für die Novemberhilfen nun auch die Lebenshaltungskosten einbezogen werden sollen, bleibt Schneider skeptisch: "Allein in der Schauspielbranche arbeiten ca. 20.000 Schauspielerinnen und Schauspieler als kurzfristig bzw. unständig Beschäftigte. Sie gelten nicht als Solo-Selbständige, haben aber aufgrund der kurzen Anstellungszeit auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und sind daher nach wie vor auf sich alleine gestellt."

Seine Forderung: Die Hilfen müssten auch über den Monat November hinaus gelten und über eine Art Grundeinkommen für alle Anstellungsverhältnisse abfließen. Damit wäre auch denen geholfen, die keine soziale Absicherung haben.

Mawi Concert GmbH

Die Mawi Concert GmbH, eine Leipziger Konzert- und Eventagentur bespielt u.a. die Parkbühne im Clara-Park in Leipzig und die Freilichtbühne auf der Peißnitzinsel in Halle. Hier fand seit Mitte Juni wieder ein breit aufgestelltes Programm aus Kino, Konzerten und Talkrunden unter Corona-Bedingungen statt. Nun die erneute Ernüchterung. Pierre Gehrmann von Mawi findet die angekündigte Maßnahme für den Monat November durchaus hilfreich, gibt aber zu bedenken: "Wir sprechen hier über eine Hilfsmaßnahme für einen Monat, während wir im Grunde seit März nichts verdienen können und seit dem nahezu keinerlei finanzielle Hilfen erhalten haben".

Pierre Gehrmann, mawi concert
Pierre Gehrmann Bildrechte: Pierre Gehrmann

Entscheidend sei, ob der Novemberumsatz von 2019 komplett oder nur bis zu 75 Prozent ausgezahlt werde. Auch andere Hilfsleistungen, wie z.B. das Kurzarbeitergeld, würden mit der "Novemberhilfe" verrechnet. Damit, so Gehrmann, handele es sich nur um eine punktuelle Überlebenshilfe. Der November sei für die Veranstalter ein umsatzstarker Monat, da in der Vorweihnachtszeit ein Großteil der Tickets für das folgende Jahr verkauft werden. Weil die Kunden jedoch stark verunsichert seien, würden kaum Tickets für bereits verlegte Shows verkauft.

In der Veranstaltungsbranche werden momentan viele Termine von 2020 in die Jahre 2022 und 2023 geschoben, sagt Gehrmann. Seine Prognose besagt, dass das Geschäft von ein bis zwei Jahren fehlen wird. Die Kompensation für die Veranstalter funktioniere nur über eine Umsatzerstattung, die sich an den durchschnittlichen Vorjahresumsätzen orientieren müsse. 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 05. November 2020 | 22:10 Uhr

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland