Kunsthandwerk in der Krise Existenzangst im Erzgebirge

Der Dezember ist der umsatzstärkste Monat für die Handwerkskunst im Erzgebirge. Doch wenn Weihnachtsmärkte ausfallen, stapeln sich Schwibbögen ungenutzt in Lagerhallen. Gundolf Berger aus dem erzgebirgischen Gahlenz hat im Zuge der Corona-Krise Kredite in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro aufgenommen und fürchtet nun um sein traditionsreiches Unternehmen.

Schwibbogen in Fenster
Adventsstimmung im Fenster. Die Weihnachtsmärkte aber haben geschlossen, die Lager der Händler sind voll: Das Kunsthandwerk im Erzgebirge leidet unter der Corona-Krise. Bildrechte: Oliver Kaufmann

Gundolf Berger blickt auf einen Haufen leerer, ungenutzter Weihnachtsmarkthütten. Die wären im Moment eigentlich im Hochbetrieb im Einsatz und stünden in Großstädten wie Dresden, Leipzig, Erfurt. Dieses Jahr werden sie nicht gebraucht.

Seit 30 Jahren leitet Berger einen Kunsthandwerksbetrieb im erzgebirgischen Gahlenz, stellt Schwibbögen, Rauchermännel und ähnliche traditionelle Holzkunst her. Er habe viele Krisen erlebt, sagt Berger – aber dass die Weihnachtsmärkte ausfallen, das habe es noch nie gegeben.

Einbußen im umsatzstärksten Monat

Der Verlust durch das ausfallende Weihnachtsgeschäft ist immens: "Dezember ist ja eigentlich unser umsatzstärkster Monat im Jahr", sagt der Erzgebirgler. Die Weihnachtsmärkte machten in der Regel mehr als die Hälfte des Monatsumsatzes aus.

Ein Blick in das Lager des Betriebs lässt das Ausmaß der Krise erahnen. Denn die Probleme fingen bereits im Frühjahr an. Gundolf Berger zeigt die vollen Regale im Lagerraum. Dort liegt noch das komplette Ostersortiment des Jahres. Die Händler hatten alle Oster-Bestellungen wegen des ersten Lockdowns storniert. Und nun stapelt sich in den Räumen auch die Weihnachtsware.

Eine Frau und ein Mann gehen, sich unterhaltend, durch ein Lager mit Kisten in vollen Regalen.
Gundolf Berger zeigt die vollen Regale in seinem Lager. Dort stapelt sich nicht nur Weihnachts-, sondern auch kistenweise Osterware. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Große Sorge um Angestellte

Er bekomme so langsam Existenzangst, sagt Berger. Bisher habe der Betrieb das Jahr nur überstanden, weil er Hilfskredite in Anspruch genommen habe. Kredite, die mit bis zu drei Prozent verzinst seien. "Das heißt also, dass wir in Zukunft noch bessere Jahre haben müssen, um das zurückzahlen zu können", sagt der Unternehmer mit sorgenvollem Blick. Gut schlafen könne er im Moment nicht. "In der Früh um drei ist die Nacht zu Ende."

Auch die Sorge um seine Angestellten lasse ihm keine Ruhe. Die ganze Belegschaft sei in Kurzarbeit, vier Mitarbeiter habe er bereits entlassen müssen. Und Spezialisten, die in Rente gehen, können zurzeit nicht ersetzt werden.

In der Werkstatt leimt Martina Hübler die sogenannten Sternkopf-Engel zusammen. Anspruchsvolle Handarbeit. Sie geht im Sommer in den Ruhestand. 

Eine Frau sitzt an einem großen Arbeitstisch und fertigt Holzfiguren.
Martina Hübler in der Werkstatt. Nächsten Sommer geht sie in den Ruhestand. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Dafür müsste ich jetzt schon wieder jemanden hier daneben sitzen haben, den sie anlernen kann", sagt Berger. Dazu fehlten aber die finanziellen Möglichkeiten.

Schon vor Corona sei es schwer gewesen, Personal zu finden. Jetzt gehe es vor allem darum, nicht noch mehr Personal zu verlieren. Berger fürchtet, dass ihm die Fachkräfte fehlen werden, um nach der Krise wieder durchzustarten. 

Kurz vor dem Ruhestand und sechsstellig verschuldet

Anfang des Jahres sei die Firma fast schuldenfrei gewesen, sagt der 65-Jährige. Mittlerweile habe er Hilfskredite in Höhe von 450.000 Euro aufnehmen müssen. Dabei steht er kurz vor seinem Ruhestand.

Doch aufgeben wolle er nicht. "Wenn wir der Meinung wären, es ist nicht schaffbar, hätten wir das Handtuch schon geschmissen", sagt Berger. Ein zweites volles Pandemie-Jahr überstehe seine Firma jedoch nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 15. Dezember 2020 | 20:15 Uhr

47 Kommentare

Denkender vor 40 Wochen

Was ist denn mit den anderen Politikern, die positiv getestet wurden?
Warum stürzen Sie sich immer nur auf die AfD?
Nicht Corona wird geleugnet, sondern die Maßnahmen werden kritisiert!
Aber das passt nicht ins Bild des SPD-Peter, dessen Partei nichts mehr mit einer Volkspartei gemein hat.

Willow vor 40 Wochen

Ich finde es beschämend, dass hier nur versucht wird dem einen oder anderen die Schuld für die derzeitige Lage zu geben.
Solch eine Pandemie ist in unserer Zeit neu und alle Politiker (egal welcher Partei) sollten mal über ihren Schatten springen und gemeinsam zusammenarbeiten. Das gilt auch für alle Menschen. Gegenseitige Rücksichtnahme, Respekt und Unterstützung. Jeder kann dazu was beitragen!
Leben war und wird nie leicht sein, aber wenn alle ein wenig zusammenhalten gehts meist besser.
Jeder kann seinen Beitrag leisten.
Und diejenige, die denken, dass Corona eine Verschwörung ist, empfehle ich, sich bei den Krankenhäusern freiwillig zu melden und zu unterstützen. Oder mindestens mal im Pflegeheim zu fragen, ob man eine. Beitrag leisten kann.

Meckern ist immer leichter als mal selbst mit anzupacken und nach Lösungen zu suchen.

MDR-Team vor 40 Wochen

Hallo Felix,
zu diesem Thema verweisen wir gerne direkt an das RKI:
"Der aus der real-time PCR bekannte Ct-Wert stellt nur einen semi-quantitativen und von Labor zu Labor nicht unmittelbar vergleichbaren Messwert dar, solange es keinen Bezug auf eine Referenz gibt. Ein exakt quantifizierter Standard kann dazu verwendet werden, die erhaltenen Ct-Werte in eine RNA- Kopienzahl pro Reaktion und ggf. pro Probenvolumen umzurechnen. Diese quantitative Auswertung der real-time RT-PCR kann dazu dienen,"
Mehr Informationen zur Testung erfahren Sie hier: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html
Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

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