Long Covid Ärztin erkrankt selbst – und verzweifelt

Kraftlos, müde, abgeschlagen: Für Long-Covid-Patienten wird oft schon der normale Alltag zur Herausforderung. Das kennt auch eine Ärztin und wurde dafür im Kollegenkreis belächelt. Hier berichtet sie über ihr Schicksal.

Ein Stethoskop hängt um den Hals einer Frau im Arztkittel
Zum Schutz ihrer eigenen Person möchte die Ärztin anonym bleiben. Bildrechte: colourbox.com

Viele Long-Covid-Patienten werden nicht ernst genommen, ihre Beschwerden abgetan. Das erlebt auch eine Ärztin, die anonym bleiben will. Sie leidet bis heute nicht nur an den Spätfolgen der Corona-Erkrankung – fast noch schlimmer als die Krankheit ist das Unverständnis, dass sie jeden Tag erfährt, von ihren eigenen Kollegen, anderen Ärztinnen und Ärzten. Eine unerträglich psychische Belastung für sie: "Ich war soweit, dass ich gesagt habe: Wenn das nicht besser wird, nehme ich mir das Leben. Mein Leben ist ohne Arbeit und ohne Karriere nichts mehr wert."

In der Klinik bei der Arbeit angesteckt

Die junge Klinikärztin arbeitet an einem großen Krankenhaus und sie lebt für ihren Beruf. Sechs Wochen nach der Geburt ihres Kindes stand sie schon wieder am OP-Tisch. Während der ersten Phase der Corona-Pandemie war sie bis zu 19 Stunden im Einsatz, um Menschenleben zu retten. Im Januar 2021 traf es sie dann selbst. Sie steckte sich in der Klinik bei der Arbeit mit dem Corona-Virus an.

Anfangs nahm sie es nicht besonders ernst, erzählt sie: "Am Anfang hab ich mich noch lustig gemacht. Ich dachte, ein kleines 'Grippchen', das ist doch nicht so schlimm. Am dritten Tag bekam ich plötzlich starke Luftnot. Ich bin nachts aufgewacht und dachte, ich ersticke. Ins Krankenhaus wollte ich auf keinen Fall, ich habe ja täglich die Corona-Station gesehen. Und dort wollte ich nicht hin.“

Leiden wird von den Kollegen belächelt

Zu Beginn der Erkrankung konnte sie noch auf das Verständnis ihrer Kollegen bauen, doch nach einiger Zeit hatte sie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden: "Zunehmend kamen Kommentare: Das kann doch nicht so lange dauern, das ist doch psychisch bedingt, was du da hast. Such dir doch mal lieber einen Psychologen, das ist doch sicher ein Burn-out."

Im Laufe der Zeit galt sie irgendwann wieder als genesen, aber war deswegen noch lange nicht gesund. Trotzdem wollte sie so schnell wie möglich zurück in den Job: "Ich habe versucht zu arbeiten, aber es ging nichts mehr. Ich habe die Kollegen nicht mehr wiedererkannt, Kollegen, die auch lange mit mir zusammen gearbeitet haben, vor denen ich gestanden habe und gedacht habe, ich habe keine Ahnung, wer das ist“, schildert sie ihre Schwierigkeiten.

Ich habe die Kollegen nicht mehr wiedererkannt, Kollegen, die auch lange mit mir zusammen gearbeitet haben.

Ärztin, an Long Covid erkrankt

Der Alltag geriet aus den Fugen

Die Symptome wurden von Tag zu Tag schlimmer, nicht nur auf der Arbeit hatte sie riesige Probleme. Es sei mehrfach zu Stürzen, Schwierigkeiten beim Lesen und Wortfindungsstörungen gekommen. Zunehmend habe sie unter Desorientierung gelitten, sogar in der unmittelbaren Umgebung ihrer Wohnung fand sie sich nicht mehr zurecht.

"Ich habe den Herd angelassen, bin aus der Wohnung gegangen, habe am Tag dreimal Zähne geputzt, weil ich nicht mehr wusste, ob ich das schon gemacht habe. Ich habe dann die Zahnbürste angefasst, ob sie trocken ist, um mir da zu helfen. Dann hab ich zweimal hintereinander geduscht, weil ich vergessen hatte, dass ich schon geduscht habe. Ich konnte selbst 'zwei plus zwei" nicht mehr rechnen. Ich konnte nicht mehr schreiben, alles war mir plötzlich fremd. Meine Erinnerung war ausgelöscht. Meine ganze Lebensgeschichte, Urlaubserinnerungen, Geburtstage – alles war weg."

Meine Erinnerung war ausgelöscht. Meine ganze Lebensgeschichte, Urlaubserinnerungen, Geburtstage – alles war weg.

Ärztin, an Long Covid erkrankt

Neue Kraft durch Reha-Platz

Die Hoffnungen der jungen Ärztin lag darauf, eine Reha zu machen, aber zunächst waren alle Plätze ausgebucht. Nach langem Kampf bekam sie endlich einen Platz in der Median-Klinik in Flechtingen, Sachsen Anhalt, die sich auf Long Covid Patienten spezialisiert hat. Hier fand sie endlich Ärzte, die Long Covid ernst nehmen und hier traf sie auf andere, denen es ähnlich geht.

Dr. Per Otto Schüller, Arzt in der Median-Klinik, hat schon viele Long Covid-Patienten behandelt: "Es ist tatsächlich kein Einzelfall. Wir hören das immer wieder, gerade von jungen Patienten, dass wenig Verständnis vorhanden ist für die Symptome und sie relativ schnell in den Bereich 'depressiv' oder 'Burn-out' gerückt werden, was tatsächlich gar nicht der Fall ist. Meistens sind die Long Covid-Patienten hoch motiviert, und wollen auch wieder zurück an den Arbeitsplatz und gerade für diese Patienten ist es dann niederschmetternd, Vorwürfe zu hören, man würde simulieren oder man soll sich nicht so anstellen."

Mediziner: Unverständnis gegenüber Long Covid-Patienten auf Arbeit "kein Einzelfall"

Genau deshalb sind viele Selbsthilfegruppen, z.B. in sozialen Netzwerken, zwar offen für Leidensgenossen, doch sie bleiben anonym. Man befürchtet Nachteile im Job oder in anderen Lebensbereichen. Das ist keine übertriebene Vorsicht, findet Dr. Schüller: "Wir haben in dem Zusammenhang Kontakt mit vielen Patienten bundesweit im Rahmen einer Selbsthilfegruppe und auch dort hören wir von den überwiegend jungen Patienten, dass es massive Probleme auch mit den Arbeitgebern gibt, dass die Patienten ihre Arbeit nicht mehr aufnehmen können. Und dass wenig Verständnis von Seiten der Arbeitgeber und auch von Seiten der Kollegen vorhanden ist."

Ein Hoffnungsschimmer: Die junge Ärztin, die ihre Geschichte mit uns geteilt hat, arbeitet mittlerweile wieder stundenweise in der Klinik. Nach einem Dreivierteljahr geht es jetzt langsam wieder aufwärts.

Mediatheks-Tipp: Leiden unter Langzeitfolgen

Ein Jahr abrufbar Die MDR-Reportage "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen" ist ab 16. September ein Jahr lang in der ARD-Mediathek zu sehen.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen (abrufbar in der ARD-Mediathek, bis einschließlich 15. September 2022)

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