Infektiologe über Long-Covid "Wir wissen noch immer nicht, welches Kind ein Risiko hat"

Welche Kinder nach einer Erkrankung unter Long-Covid Symptomen leiden werden, ist völlig unklar. Es kann auch Kinder ohne Vorerkrankung treffen, betont der Infektiologe und Vorsitzende der Sächsischen Impfkommission Dr. Thomas Grünewald im Interview. Er erklärt auch, wie er zur Empfehlung der Stiko zur Impfung von Zwölf- bis 17-Jährigen steht und warum die Stiko auch eine Impfempfehlung für Schwangere aussprechen sollte.

Bild von schräg oben: Kind greift nach FFP2-Maske an Haken
Bislang wurden 400 Fälle von Kindern mit einem schweren Verlauf von COVID19 in Deutschland gemeldet. Bildrechte: imago images/Westend61

Wie stehen Sie dazu, dass die Stiko nun doch auch die Empfehlung ausgesprochen hat, Kinder von zwölf bis 17 impfen zu lassen?

Dr. Thomas Grünewald: Ich bin sehr froh, dass die Stiko zur gleichen Erkenntnis und zur gleichen Schlussfolgerung wie die sächsische Impfkommission gekommen ist.

Die Stiko hat ihre Empfehlung jetzt mit einer "geänderten Datenlage" begründet. Welche Daten liegen der Entscheidung der Stiko zugrunde?

Dr. Thomas Grünewald: Primär sind die Daten die gleichen, die wir auch in Sachsen benutzt haben, also wir als Sächsische Impfkommission. Dazu wurden von der Stiko noch Daten genommen, die die lokale Epidemiologie, die regionale Epidemiologie in Deutschland anbetreffen. Das heißt.: Wie viele Kinder erkranken? Wie viele Kinder erkranken deutschlandweit schwer? Und auch hier: Wie viele schwere Impfnebenwirkungen werden gemeldet in Deutschland? Das sind die zusätzlichen Daten, die jetzt noch in den letzten 14 Tagen, drei Wochen dazu gekommen sind.  Auch weitere europäische Daten, die letzten Endes das bestätigen, was wir aus den Daten in den USA und in Israel gesehen haben. Es gibt noch mal eine zusätzliche Evidenz, also zusätzliche Daten, die das Ganze verstärken.

Warum sollten sich Kinder impfen lassen? Steht das im Verhältnis, zum Risiko Impfnebenwirkungen zu erleiden?

Dr. Thomas Grünewald: Ja, wir sehen in der Tat auch schwere Nebenwirkungen, die sind aber extrem selten und sie haben in der Regel nahezu immer einen guten Verlauf. So wie eine Herzmuskelbeutelentzündung, die nach der Impfung tatsächlich auftreten kann. Die trifft dann Jungen fünf bis sieben Mal häufiger als Mädchen. Das kommt vor allem nach der zweiten Impfung. Das wissen wir heute mittlerweile. Dieses Risiko ist aber immer noch deutlich geringer als das Risiko ins Krankenhaus, auf eine Intensivstation, zu kommen, wenn man das auf eine Million Geimpfte hochrechnet.

Kinder und Jugendliche, gerade die Jugendlichen von 14 bis 15 Jahren, haben natürlich viele Kontakte. Wenn die erkranken, können sie die Krankheit auch gut weitergeben. Auch das ist ein wichtiger Punkt. Der letzte Punkt, der auch nochmal dazu kommt, ist die Frage: Wie viele Kinder und Jugendliche bekommen Long-Covid oder Post-Covid-Symptome? Wie viele werden da krank? Wir sehen, das ist in der Regel etwas milder, als am Anfang befürchtet. Das ist eins von 50 Kindern, welches dann ein Problem hat, das länger als vier bis fünf Monate dauert. Aber wenn sie 10.000 Kinder haben, dann summiert sich natürlich auch diese Zahl. Wir wissen aber noch immer nicht, welches Kind hat ein Risiko. Es kann ein Kind auch ohne Vorerkrankungen sein.

Wie viele Kinder mit schweren Verläufen sind bislang bekannt?

Dr. Thomas Grünewald: Es sind immerhin über 400 Fälle in Deutschland gemeldet. Es ist im Verhältnis zur Zahl der infizierten Kinder sehr wenig. Aber jeder Einzelfall produziert tatsächlich auch ein hohes Problem und eine hohe Krankheitslast. Nicht nur für die Kinder und Jugendlichen, sondern auch für die Eltern, Betreuer oder Sorgeberechtigten.

Spielt bei der der aktuellen Stiko-Entscheidung zu dieser Empfehlung der Aspekt des Erreichens der Herdenimmunität eine Rolle?

Dr. Thomas Grünewald: Da würden wir die Zahl der Kinder überschätzen, die wir in Deutschland haben, die in die Altersgruppe reinfallen. Die spielen für das Erreichen der Herdenimmunität keine sonderlich große Rolle. Trotzdem muss man sagen, wenn ich über eine Pandemie rede, wo jeder erstmal grundsätzlich empfänglich ist, dann muss ich auch akzeptieren, dass jede Gruppe so gut wie es geht geschützt werden sollte. Und dann reden wir wieder über die Zwölf- bis 17-Jährigen.

Wenn wir über die Impfung von Kindern reden, müssen wir aber auch erst recht über die Impfung von Älteren, von Erwachsenen reden, die sich immer noch nicht impfen lassen. Die nicht verstehen, dass es dort tatsächlich auch zu schweren Krankheitsverläufen kommen kann. Dass gerade die mobilen Erwachsenen eine hohe Kontaktrate haben und viele anstecken können. Das ist genauso wichtig und es darf nicht hinten runterfallen.

Welche Empfehlungen würden Sie sich von der Stiko noch wünschen, die die Siko schon gegeben hat?

Dr. Thomas Grünewald: Ich denke, was nochmal wichtig ist, dass sich auch die Stiko, so wie wir es auch bei der Sächsischen Impfkommission gemacht haben, wie viele andere Kommissionen weltweit, positioniert zur Impfung von Schwangeren. Da haben wir sehr viele Sicherheitsdaten. Die haben wir seit Monaten und wir wissen, dass die Schwangeren zunehmend erkranken, zunehmend auf Intensivstationen kommen, also lebensbedrohliche Erkrankungen haben, die sowohl die Schwangere schädigen können als auch das ungeborene Kind. Und ich denke, das ist wichtig, dass man sich da auch nochmal positioniert. Das wird auch sicherlich in absehbarer Zeit so kommen. Es gibt mittlerweile mehrere tausend Impfungen im ersten Drittel der Schwangerschaft in den USA ohne irgendein erhöhtes Risiko für Frühgeburtlichkeit, Fehlbildungen oder Aborte. Das ist eine sehr sichere Impfung in der Schwangerschaft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 16. August 2021 | 11:30 Uhr

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland

Prof. Nicole Harth, Sozialpsychologin Uni Jena 1 min
Prof. Nicole Harth, Sozialpsychologin Uni Jena Bildrechte: mdr
1 min 06.07.2022 | 12:12 Uhr

Psychologin Nicole Harth erklärt, welche Gruppen unter der Corona-Pandemie bisher psychisch besonders gelitten haben. Sie rät, den Sommer zu nutzen und sich möglichst viele schöne Erlebnisse zu schaffen.

Mi 06.07.2022 09:12Uhr 01:29 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/drei-fragen-corona-folgen-psyche-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video