Long Covid Geschädigte Nervenbahnen Grund für Fatigue-Syndrom?

Viele Long-Covid-Erkrankte klagen über eine anhaltende Erschöpftheit. Mediziner haben dafür einige Hypothesen: Schäden an Nervenbahnen oder Immunsystem oder Durchblutungsstörungen. Ausgelöst durch das Corona-Virus! Die Erklärungen dafür gibt es hier.

Ein müder Mann am Schreibtisch reibt sich seine trockenen Augen.
Chronisch müde und abgeschlagen: Das sind Symptome des Fatigue-Syndroms. Bildrechte: Colourbox.de

Mehr als 400.000 Menschen leiden an Langzeitfolgen nach einer Covid19 Infektion. Long- oder auch Post-Covid wird die Krankheit genannt, welche die unterschiedlichsten Symptome aufweist. Was aber fast alle Post-Covid Patienten gemeinsam haben: Sie klagen über das chronische Fatique- oder auch Erschöpfungssyndrom (kurz CFS). Bleierne Müdigkeit, Antriebslosigkeit, körperliche Schwäche und Schlafstörungen bis hin zu Depressionen gehören zu der Palette an Symptomen, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

Dauerhaft erschöpft durch Viren

Dass Viren das CFS auslösen können, ist nicht unbekannt, sagt Professor Andreas Stallmach, Experte für Post-Covid Erkrankungen: "Wir kennen ähnliche Krankheitsbilder, zum Beispiel bei der Eppstein-Barr-Virus Erkrankung (Pfeiffrisches Drüsenfieber, Anm. d. Red). Und wir alle haben von Sportlern und Fußballern gelesen, die eine Viruserkrankung durchgemacht und dann über Monate auf der Ersatzbank gesessen haben, weil sie einfach nicht ihre Leistungsfähigkeit erreicht haben. Aber nach einer Covid19-Erkrankung tritt dieses Krankheitsbild besonders häufig auf."

Was macht das Corona-Virus mit dem Körper?

Ärzte und Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Thema und haben drei Hypothesen entwickelt, die eine Erklärung für das chronische Fatique-Syndrom sein können.

1. Die Nerven-Hypothese: Nervensystem aus dem Takt

Bei dieser Hypothese gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Leitfähigkeit der Nerven beeinträchtigt ist. Das Nervensystem, das auch unterbewusste Abläufe steuert, funktioniert dadurch fehlerhaft und gerät in einen Stresszustand. Das führt zu Funktionsstörungen im gesamten Körper. Professor Stallmach macht das an einem Beispiel plausibel: "Was man aber auch bei Patienten mit Post-Covid-Syndrom häufig sieht, sind Schlafstörungen. Das autonome Nervensystem ist für die cirkadiane Rhythmik verantwortlich. Cirkadiane Rhythmik bedeutet: Bestimmte Hormone werden zum Beispiel am Morgen freigesetzt, werden aber im Laufe des Tages dann immer weniger ausgeschüttet. Abends werden dann wieder andere Hormone ausgeschüttet, sodass der Schlaf gesteuert wird. Und wenn das autonome Nervensystem gestört ist, dann schläft ein Mensch nachts nicht durch, sondern wacht häufig auf. Und dieser gestörte Schlafrhythmus ist mit einer Erklärung für die verminderte Leistungsfähigkeit."

2. Die Immun-Hypothese: Immunsystem gestört

Diese Hypothese geht davon aus, dass das Immunsystem aus dem Gleichgewicht gerät. Es will das Corona-Virus bekämpfen, aber es überreagiert dabei – und zwar nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft. Denn obwohl das Virus irgendwann vom Körper zerstört wurde, kämpft das Immunsystem weiter dagegen an. Es entsteht eine ständig überschießende Immunantwort gegen die Virusreste: Der Körper produziert zu viele Antikörper und T-Abwehrzellen. Professor Stallmach erläutert: "Diese überschießende Immunantwort führt zu einer Entzündung an ganz vielen Stellen im Körper. Das heißt, es gibt einige Patienten, die im Körper an verschiedensten Stellen noch das Virus oder Virusreste haben, obwohl sie die akute Erkrankung schon lange überwunden haben. Dann entsteht gegen diese Virusreste eine Entzündungsreaktion."

3. Die Durchblutungs-Hypothese:

Eine weitere Hypothese, die eng mit der Immun-Hypothese zusammenhängt: Blutgefäße im ganzen Körper entzünden sich, bis in die kleinsten Strukturen und Adern im Körper.

Diese verlieren durch die Entzündung an Elastizität, sie können sich nicht mehr gut weiten bzw. verengen. Die Folge: Die Durchblutung funktioniert nicht mehr. Organe und Muskeln werden nicht mehr ausreichend versorgt und können nicht optimal arbeiten.

Was bedeutet das für die Therapie?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die drei Mechanismen einzeln oder auch gleichzeitig das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) auslösen könnten. Reha ist einer der wichtigen Bausteine, um das CFS zu behandeln und die Symptomatik zu verbessern, so Professor Stallmach: "Rehabilitation ist ein sehr sinnvolles Konzept. Auch die tagesklinische Betreuung von Patienten ist ein sehr sinnvolles Konzept. Denn dort erhalten Patienten verschiedene Einheiten: In denen wird dann zum Beispiel Gedächtnistraining und Physiotherapie durchgeführt; außerdem findet auch eine psychologische Betreuung statt, in der auch immer wieder Entspannungsübungen vermittelt werden, zum Beispiel Meditationsübung oder auch Yoga. Das sind sehr sinnvolle Konzepte für die Behandlung von Patienten mit schweren Post-Covid-Syndrom."

Wichtiger Baustein: Reha-Maßnahmen

Das Problem: bislang gibt es viel zu wenig Rehaplätze, wie Professor Stallmach aus eigener Erfahrung berichtet: "Wir haben hier zu lange Wartelisten. Ich habe eine Patientin, die ihr Leben praktisch nicht bewältigen kann, weil sie nach einer halben Stunde so erschöpft ist, dass sie sich wieder hinlegen muss. Für diese Patientinnen haben wir im April dieses Jahres eine Rehabilitationsplan beantragt. Und er ist für Dezember zugesagt worden. Hier gibt es ein Missverhältnis zwischen den verschiedenen Möglichkeiten und dem Bedarf."

Deswegen sei der Ausbau von Rehastrukturen und die Schulung von qualifiziertem Personal wichtig, um Menschen mit CFS auf Dauer sinnvoll helfen zu können, so Stallmach.

Mediathekstipp: "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen"

Die MDR-Reportage "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen" ist ab 16. September ein Jahr lang in der ARD-Mediathek zu sehen.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen (abrufbar in der ARD-Mediathek, bis einschließlich 15. September 2022)

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