Triathlet heute kraftlos Leiden unter Long Covid: "Aus dem Leben gerissen"

Der Triathlet Manuel Karger leidet wie schätzungsweise 400.000 Menschen auch in Deutschland an Long- oder auch Post-Covid. Seine Corona-Erkrankung liegt bereits zehn Monate zurück. Der 35-Jährige ist einer der Betroffenen, die in der MDR-Reportage "Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen" persönliche Einblicke geben. "Ich darf gar nicht dran denken, wie fit ich mal war", sagt er offen. Die webonly-Reportage ist exklusiv in der ARD-Mediathek abrufbar – und auch hier direkt unter dem Absatz.

Manuel Karger, ehemaliger Leistungssportler, jetzt Long Covid-Patient. 22 min
Manuel Karger, ehemaliger Leistungssportler, jetzt Long Covid-Patient. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn man Manuel Karger sieht, dann denkt man, man habe einen austrainierten, gesunden jungen Mann vor sich stehen. Und noch vor einem Jahr war Manuel Karger genau das. Der Triathlet hat sogar schon einen Ironman absolviert und dabei knapp vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen in weniger als zehn Stunden geschafft.

Manuel Karger
Manuel Karger vor Long Covid: Er brannte für den Sport, Long Covid hat ihn aber ausgebrannt. Lange Strecken zu schwimmen ist derzeit unvorstellbar. Bildrechte: privat

Dezember 2020 an Corona erkrankt

Dass er momentan nicht einmal mehr die Fitness hat, langsam ein paar Runden über den Sportplatz zu joggen, sieht man ihm nicht an. Der 35-jährige Familienvater erkrankte im Dezember 2020 an Corona. Die Erkrankung scheint irgendwann überwunden - aber körperlich kommt er seither einfach nicht mehr auf die Beine. Schon die einfachsten Sachen fallen ihm schwer, erzählt er im Interview: "Es ist einfach richtig hart, wenn man sich an den ganzen Tag nur Zuhause vergraben könnte und nur mal zum Luftschnappen rausgehen kann, weil alles andere zu vieles ist. Selbst kleinste Sachen: Geschirrspüler einräumen und ausräumen. Selbst das war mir zu viel."

Selbst kleinste Sachen: Geschirrspüler einräumen und ausräumen. Selbst das war mir zu viel.

Manuel Karger

Manuel Karger
Vor seiner Erkrankung fuhr der 35-Jährige zig Kilometer Fahrrad auf anspruchsvollen Strecken. Bildrechte: privat

Seit Monaten schlapp

Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelschwäche und Kraftlosigkeit: Diese Symtome begleiten ihn nun seit fast zehn Monaten – und zwar täglich. Zusätzlich zu den körperlichen Schmerzen macht ihm die Situation mental zu schaffen, erzählt er: "Ich musste mich auch von meinen Sportler-Freunden einfach abwenden, weil ich es nicht mit anschauen konnte. Es hat mir in der Seele weh getan, wenn ich andere beim Laufen gesehen habe, oder beim Schwimmen gesehen habe. Für mich war es furchtbar." Selbst Sport im Fernsehen kann er sich nicht mehr angucken.

Es hat mir in der Seele weh getan, wenn ich andere beim Laufen gesehen habe.

Manuel Karger, Long Covid-Patient

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena
Prof. Dr. Andreas Stallmach leitet die Post-Covid-Ambulanz in Jena, in der auch Manuel Karger Patient ist. Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Typisch für Long-Covid: "Dass man den Patienten die Beschwerden nicht ansieht"

Professor Andreas Stallmach ist Experte für Post-Covid, hat eine der ersten Ambulanzen in Deutschland an der Uniklinik Jena eröffnet: "Es ist typisch für Post Covid, Long-Covid, dass man den Patienten die Beschwerden nicht ansieht. Aber an diesem Beispiel wird deutlich, wie fatal so eine Erkrankung sein kann. Und wenn ein Triathlet, der ja wirklich total fit ist und für uns der Inbegriff der körperlichen Fitness. Wenn der sagt, ich kann jetzt nur noch zwei, drei, vier, fünf Minuten langsam laufen, dann ist der völlig aus dem Leben gerissen", sagt der Mediziner.

Manuel Karger
Bei Sportevents fühlte er sich wohl. Heute, mit Long Covid, hat er sich von seinen Sport-Freunden zurückgezogen. Bildrechte: privat

Kampf um mehr Kondition

Doch Manuel Karger kämpft dagegen an. Seine Familie und sein Arbeitgeber unterstützen ihn, wo sie nur können. Mit Physiotherapie und moderatem Krafttraining versucht er, wieder etwas Kondition zurückzugewinnen. Aber das ist ein mühsamer Prozess. Nach wenigen Minuten auf der niedrigsten Stufe des Hometrainers geht schon nichts mehr: "Ich merke jetzt wieder, wie es in meinem Kopf sticht. Und ich merke, dass der Körper wieder zumacht vor Müdigkeit. Das ist jetzt schon zu anstrengend. Das bin ich überhaupt nicht gewöhnt, ich darf gar nicht dran denken, wie fit ich mal war", sagt der 35-Jährige.

Ich darf gar nicht dran denken, wie fit ich mal war.

Manuel Karger, Long Covid-Patient

Physiotherapie und bevorstehende Reha

Wie man inzwischen weiß, werden bei Post-Covid Patienten feinste Strukturen im Körper nicht mehr richtig mit Blut versorgt und sterben ab. Die Folge: Muskeln erschöpfen schneller. Physiotherapie erweist sich als ein wirksames Gegen-Mittel, um dem Körper zu helfen, diesem Prozess langsam entgegenzusteuern und die Strukturen im Körper wieder neu aufzubauen. Dafür ist es zentral, dass die Patienten nicht mit zu hoher Belastung trainieren, im sogenannten "anaeroben" Bereich. Wichtig ist, dranzubleiben, Motivation zu finden, denn Post-Covid Patienten verlieren ihre aufgebaute Kondition auch wieder schneller als andere Patienten.

So versucht Manuel Karger, sich Stück für Stück in den Alltag zurück zu kämpfen. Der Weg dorthin ist lang. Im Oktober kann er eine Reha antreten und hofft, dass diese ihm der Normalität wieder ein Stückchen näher bringt. Denn seinen Traum, einen Ironman in unter neun Stunden zu schaffen, hat der 35-Jährige noch nicht aufgegeben.

Manuel Karger
So fit wie hier will Manuel Karger wieder werden und sogar seine persönliche Ironman-Bestzeit verbessern. Er hofft, dass ihn die besvorstehende Reha dabei hilft, sich sein Sportlerleben zurückzuerobern. Bildrechte: privat

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Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Long COVID – Leiden unter Langzeitfolgen (abrufbar in der ARD-Mediathek, bis einschließlich 15. September 2022)

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