Alkoholkrankheit Corona-Pandemie: Mehr Alkoholsüchtige holen sich Hilfe

Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland trinken in der Corona-Krise mehr Alkohol als davor. Das hat im vergangenen Jahr das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg festgestellt. Auch bei den Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen in Sachsen und Sachsen-Anhalt melden sich mehr Menschen.

Rotwein wird in den Ausguß geschüttet
In der Corona-Pandemie konnten sich Selbsthilfegruppen nicht treffen. Bildrechte: dpa

Unter der Michaeliskirche in Leipzig befindet sich ein kleiner Teekeller mit einer Küche und ein paar Tischen. Hier treffen sich die Anonymen Alkoholiker Leipzig, zumindest in Nicht-Corona-Zeiten. Für Präsenztreffen ist der Raum zu klein. Und doch bedeutsam für Daniel, der nur seinen Vornamen nennen möchte. Er erinnert sich an sein erstes Mal hier im Teekeller: "Ich bin erst drei Mal um die Kirche gelaufen, bevor ich mich durch die Kellertür getraut habe. Und dann hieß es: 'Schön, dass du da bist'."

Viele Menschen melden sich früher als vor der Pandemie

Seitdem ist er trocken. Das ist mehr als 14 Jahre her. Die Gruppe hilft ihm weiterhin, jeden Tag trocken zu bleiben und er hilft anderen, durchzuhalten. In Leipzig betreut Daniel das Kontakttelefon. Wer Hilfe sucht, landet also zuerst bei ihm. In der Corona-Pandemie hat er beobachtet, dass sich häufiger Menschen meldeten, die sich schon sehr früh alarmiert fühlten.

Wie Daniel erzählt, rufen auch mal Menschen mittleren Alters an, die in Lohn und Brot stehen, zu Hause sitzen und sich fragen, "ob es schlimm ist, wenn man regelmäßiger trinkt oder wenn man sich beispielsweise um 10 Uhr nach der Dienstbesprechung eine Flasche Wein aufmacht, um entspannter über den Tag zu kommen." Aber bei dieser Flasche Wein bleibe es nicht, betont Daniel.

Rückfälle durch fehlende Präsenztreffen

Insgesamt würden ihn aber nicht unbedingt mehr Leute anrufen als vor der Krise. Das liege daran, dass diejenigen, die bereits richtig tief in der Sucht seien, sich in der Krise noch mehr zurückziehen würden, sagt Daniel.

Dass die sonst täglichen Treffen der Gruppe im Lockdown nicht in Präsenz stattfinden konnten, sei auch ein Problem für diejenigen gewesen, die schon trocken gewesen seien. Treffen seien nur mit Spaziergängen, Telefonaten und Online-Meetings möglich gewesen: "Wir haben in den Gruppen einige gehabt, die rückfällig geworden sind." Zum Beispiel solche, die am Anfang ihrer Trockenheit gestanden hätten, sagt Daniel.

Angehörige bekommen im Lockdown mehr mit

Der Blick über Leipzig hinaus zeigt aber noch ein anderes Bild. Insgesamt sind bei den Anonymen Alkoholikern in Sachsen und Sachsen-Anhalt in der Corona-Pandemie drei Mal mehr Anrufe eingegangen als vor der Krise, so der Verein auf Landesebene.

Auch die Landesstelle für Suchtfragen Sachsen-Anhalt bestätigt, dass mehr Menschen bei den Suchtberatungsstellen anrufen. Leiterin Helga Meeßen-Hühne vermutet, dass Angehörige durch das viele Zuhause-Sein und Homeoffice in der Pandemie schneller mitbekämen, wenn jemand in der Familie trinke: "Es gibt die Einsamkeitstrinker, die etwa aus Langeweile und wegen fehlender Struktur mehr trinken. Und es gibt die Entlastungstrinker mit, sozusagen, normalem Freizeitkonsum, die zur Stressbewältigung einen heben."

Entlastungstrinker werden in der Pandemie stärker von Angehörigen gesehen und lassen sich in ihrem Verhalten in Frage stellen.

Helga Meeßen-Hühne Landesstelle für Suchtfragen Sachsen-Anhalt

"Entlastungstrinker werden jetzt aber stärker gesehen – von ihrer Ehefrau, von ihrem Ehemann, von ihren Kindern – und lassen sich in Frage stellen mit ihrem Verhalten." Auch deshalb habe sich das Klientel verschoben, sagt Meeßen-Hühne. Menschen, die früher länger gewartet hätten, suchten nun Hilfe.

Anonyme Alkoholiker treffen sich wieder in Präsenz

Bei den Anonymen Alkoholikern in Leipzig können die Treffen seit Kurzem wieder in Präsenz stattfinden. In größeren Räumen als der Teekeller und mit Mundschutz. Daniel ist erleichtert, denn egal, welche Krise die Welt im Griff hat, ist für ihn persönlich immer die Sucht die größte Krise: "Sobald ich wieder anfange zu trinken, werde ich handlungsunfähig."

Seine Strategie: Finger weg vom ersten Glas. Und kleine Ziele: Auch nach 14 Jahren ist sein Ziel noch jeden Tag, die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben.

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Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 19. Juni 2021 | 06:00 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 22 Wochen

Das blendet leider die Regierung aus. Es gibt seit fast zwei Jahren nur eine Krankheit... Und die muss mit allen, mit allen Mitteln bekämpft werden (Ironie Ende). Alles andere ist zweitrangig.
Aber gerade das ist das Fatale: Alle Minister haben einen Eid geschworen "... Schaden vom Volk abzuwenden..." Dazu gehört auch, dass darauf geachtet wird, das "anderer" Schaden - nicht nur eine mögliche Infektion - vom Volk abgewendet wird.
Auch Bildungsnotstand ist ein Schaden, ebenso wie Pflegenotstand, mangelnde Sicherheit etc. pp.

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