Fazit und Ausblick Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie in Alten- und Pflegeheimen

Alten- und Pflegeheime waren von der Corona-Pandemie in mehrfacher Hinsicht besonders schwer betroffen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner und Angestellte sind erkrankt. Der Dienstplan musste trotzdem gefüllt und Schutzausrüstung organisiert werden. Und die Besuchsmöglichkeiten wurden massiv eingeschränkt, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Das alles wirkt nach.

Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch das Seniorenheim.
In einzelnen Pflegeeinrichtungen sind bis zu 30 Prozent der Bewohner an oder mit Corona verstorben. Bildrechte: dpa

Brigitte Braun aus Leipzig ist immer noch verunsichert: "Nicht zu seinen Eltern zu können und das über viele Wochen. Und dann, als es langsam wieder losging, draußen auf dem Parkplatz zu stehen und zu versuchen über ein Gaze-Fenster mit den Eltern zu reden, also das hat mir schon ziemlich zugesetzt." Sie hat sich in Pandemie-Zeiten nicht nur um ihre Eltern im Heim gekümmert, sondern auch ihren dementen Mann zu Hause gepflegt. Gerade jetzt möchte sie es unbedingt vermeiden, ihn in ein Heim zu geben.

Verkürzte Wartelisten wegen hoher Todeszahlen

Vertrauen sei verloren gegangen, sagt Karsten Stüber. Er verantwortet den Bereich Altenhilfe und Palliativversorgung beim Diako Thüringen, das zwölf stationäre Alten- und Pflegeheime betreibt. Über die zurückliegenden Pandemie-Monate sagt er: "Das wirkt noch nach. Wir haben in einigen Häusern schon die Situation, dass die langen Wartelisten, die wir hatten, sich reduziert haben." Um etwa die Hälfte, sagt Stüber. Jetzt hätten Angehörige viel mehr Fragen, bevor sie einen Heimplatz annähmen. Vor allem zu Besuchsregelungen, aber auch dazu, was bei einem möglichen Corona-Ausbruch passiere.

MDR AKTUELL hat Alten- und Pflegeheimbetreiber in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu den Nachwirkungen der Pandemie befragt. In einzelnen Pflegeeinrichtungen in Mitteldeutschland sind demnach bis zu 30 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner an oder mit Corona verstorben. In manchen besonders von Corona betroffenen Heimen wären Wartelisten in der Folge zeitweise verkürzt, heißt es etwa beim DRK in Thüringen und in Sachsen-Anhalt. Beim DRK in Sachsen spricht man dagegen von einer noch immer zögerlichen Nachfrage und Anmeldungen, die zurückgezogen worden seien.

Anträge bald wieder auf Vor-Pandemie-Niveau

Ein klares "Nachfrage-Tief" zeigen die Versicherungsdaten der AOK PLUS für Sachsen und Thüringen. Schriftlich teilt die Gesundheitskasse uns mit: "Coronabedingt ist in den Monaten November 2020 bis Februar 2021 ein Rückgang bei den Anträgen und damit ein Rückgang der Anzahl der Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen von circa 15 Prozent zu verzeichnen, so dass aktuell freie Heimplätze zur Verfügung stehen."

Man erkenne aber schon jetzt, dass sich die Anträge wieder auf das Vor-Pandemie-Niveau einpendelten. Kati Völkel ist bei der AWO in Sangerhausen für eine Pflegeeinrichtung, einen ambulanten Pflegedienst und altersgerechte Wohnungen verantwortlich. Im Dezember hatten sich in ihrem Heim 35 Bewohnerinnen und Bewohner und 25 Angestellte mit Corona infiziert. Es habe aber auch einen tollen Teamzusammenhalt gegeben und Motivationspakete und -briefe von Angehörigen.

Homeoffice erleichtert Pflege zu Hause

Trotzdem sei auch ihre Warteliste jetzt um gut die Hälfte kürzer als üblich, die Nachfrage eine andere, sagt Völkel: "Was eben ein sehr hoher Anteil geworden ist, ist diese Kurzzeitpflege. Also viele Bewohner möchten erstmal zur Kurzzeitpflege kommen, eventuell nochmal Verhinderungspflege und möchten dann wieder nach Hause. Also da haben wir einen enormen Ansprung seit letztes Jahr September."

Auch der ambulante Pflegedienst sei jetzt gefragter. Eine Pandemie-Folge, von der auch andere Betreiber MDR AKTUELL berichten. Wer jetzt ins Heim komme, sei mitunter schon deutlich pflegebedürftiger. Viele Familien versuchen offenbar, ihre Angehörigen so lange wie möglich zu Hause zu pflegen – Kurzarbeit und Homeoffice haben es möglich gemacht. Auch die pflegende Angehörige Brigitte Braun kann ihren Mann durch das Arbeiten im Homeoffice noch immer zu Hause betreuen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juli 2021 | 06:08 Uhr

5 Kommentare

ElBuffo vor 8 Wochen

Wozu stringente Regeln? Wenn die Risikogruppe gefährdet ist, werden die Kitas und Schulen wieder geschlossen und viele Pflegekräfte sind gar nicht da und können die Bewohner gar nicht gefährden. Das hatte doch super geklappt und klappt bestimmt auch wieder.

wo geht es hin vor 8 Wochen

Zur Aufarbeitung gehört auch, daß die Tatsache, daß viele Alte in den Pflegeheimen bei positivem Test (meist ohne Symptome) aus Angst in die Krankenhäuser eingewiesen worden. Dort füllten die dann die Belegungsstatistik der Coronaliste, wurden teils völlig unnötig an Beatmungsmaschinen gehängt und sind so elendiglich allein gestorben. Die Warnungen aus New York letztes Frühjahr wurden einfach nicht zur Kenntnis genommen, aber zum Glück setzt jetzt auch in den Krankenhäusern so langsam ein Umdenken in dieser Hinsicht ein. Ich mache den Pflegeheimen nicht mal einen Vorwurf - auch diese wurden von der ständigen Wechseltaktik der Politiker völlig im Regen stehen gelassen. DORT sind die Hauptverantwortlichen für die katastrophalen Zustände (dazu gehört auch der Mangel an Pflegekräften) zu suchen. Und wenn es irgendwann mal möglich sein sollte, auch vor einem wirklich unabhängigem Gericht zur Verantwortung zu ziehen.

Wagner vor 8 Wochen

Die Pflegeheime trugen eine der Hauptlasten der Pandemie . Warum ist man da jetzt vorsichtig ? Weil sich nichts ändert. Ein-Bett.Zimmer Standard,Lüftungskonzepte und Lüftungsanlagen,Patientendichte und hygienische Regeln —alles muss in ein ander greifen. Aber das Vor-Pandemie-Niveau der baulichen und Infrastrukturen wurde beibehalten .Sind alle Pflegerinnen und Pfleger geimpft,gibt es da stringente Kriterien? Wohl kaum . Also bleibt die Gefährdungslage bestehen. Viele Worte — wenig Taten. Wie schon oft gesagt : eine Verordnung der Staatsregierung ändert die Welt nicht,Papier ist geduldig.Es muss angepackt werden. Das fehlt.

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