Wegen Personalmangels Wartezeit für Pflegeplätze in Mitteldeutschland wieder länger

Raja Kraus, Autorin, Reporterin
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

In der zweiten Coronawelle vor einem Jahr waren vor allem Pflegeheime stark vom Ausbruch des Virus betroffen. Das wirkte sich mancherorts stark auf das Pflegepersonal aus – erschöpft und teilweise selbst infiziert. Der Ausfall vieler Pflegekräfte hat nun zur Folge, dass sich Wartezeiten für einen Heimplatz wieder verlängern.

Vorstellung Besuchszimmer in städtischen Pflegeeinrichtungen. Eine Pflegerin schiebt einen alten Mann im Rollstuhl.
Pflegeeinrichtungen werden von der vierten Coronawelle stark getroffen. Viele Heime sind personell unterbesetzt. Bildrechte: imago images/localpic

Ein Pflegeheimplatz für ihren Schwiegervater im thüringischen Schleusingen – und nur dort, denn seinen Heimatort will er nicht verlassen. Seit anderthalb Jahren schon wartet eine Familie aus dem Süden Thüringens und hofft, dass irgendwann ein Platz frei wird: "Es geht halt auch irgendwann nicht mehr. Zumal er es ja wirklich selber möchte, er merkt ja, dass wir an unsere Grenzen kommen und will uns dahingehend auch entlasten."

Karsten Stüber ist für den Bereich Altenhilfe und Palliativversorgung beim Diako Thüringen, das auch ein Heim in Schleusingen betreibt, verantwortlich. Gerne würde er in den zwölf stationären Pflegeheimen mehr Menschen aufnehmen.

Wartezeiten in der vierten Coronawelle wieder länger

Nach der vergangenen Coronawelle waren die Wartezeiten im Durchschnitt kurz, die Nachfrage zögerlich. Jetzt werden die Wartelisten dagegen immer länger: "Die Situation hat sich sehr radikal geändert: Wir können nur so belegen, wie wir Personal haben. Die Nachfrage ist groß, also Wartelisten sind da. Aber wir können teilweise nicht aufnehmen, weil einfach die Personalsituation mehr als angespannt ist."

Das größte Problem laut Stüber: In der aktuellen Welle fallen immer wieder Pflegekräfte aus, weil ihre Kinder in Quarantäne müssen. MDR AKTUELL hat erneut Träger von Pflegeeinrichtungen in ganz Mitteldeutschland zu ihrer Situation befragt.

Träger von Pflegeeinrichtungen: Viel Personal in Quarantäne

Alle, die geantwortet haben, berichten von Personal in Quarantäne, mitunter auch von längeren Krankheitszeiten der Pflegekräfte, die ausgelaugt seien. Die Arbeiterwohlfahrt Sachsen schreibt gar: "Die Sicherstellung von Pflege kann nicht mehr immer und überall gewährleistet werden. Es geht schon jetzt nur um "satt und sauber"! Es gibt Regionen – vor allem ländliche Räume – wo ein bis zwei weitere Ausfälle dafür sorgen würden, dass die Einrichtung bzw. der Pflegedienst schließen muss."

Auch das DRK Sachsen schreibt, dass die Versorgungssicherheit durch Personalmangel immer öfter gefährdet ist. Zugleich berichten die meisten Träger von einer Nachfrage, die überwiegend wieder zunimmt.

So erlebt es auch Kati Völkel. Sie leitet eine Pflegeeinrichtung der AWO Sachsen-Anhalt in Sangerhausen. Im Sommer noch hatte sie von einer kürzeren Warteliste erzählt, dafür von einer größeren Nachfrage in der Kurzzeit- und ambulanten Pflege.

Homeoffice ermöglicht Pflege durch Angehörige

Viele haben versucht, länger zuhause zu pflegen, was durch Homeoffice und Kurzarbeit möglich war. Jetzt können auch viele Angehörige nicht mehr: "Das Homeoffice, in dem viele Angehörige sind, das ist ja auch eine Belastung. Viele haben Kinder, Enkelkinder, die sie betreuen müssen. Dann ist ja auch die Länge dieses Homeoffice vielen an die Substanz gegangen."

Kati Völkel kann im Moment noch gut neue Bewohnerinnen und Bewohner aufnehmen. Vier bis acht Wochen müssen sie im Schnitt warten. Das sei zwar immer noch weniger Wartezeit als vor der Pandemie, aber schon wieder doppelt so viel wie im vergangenen Frühjahr.

Auch die Familie aus dem thüringischen Schleusingen würde einen Pflegeheimplatz für den Schwiegervater mit Kusshand nehmen: "Klar macht man sich Gedanken, wegen Ansteckung und eventuellen Besuchsverboten, die dann kommen. Aber ich ziehe eigentlich auch den Hut vor den Leistungen der Mitarbeiter, die jeden Tag ihr Bestes geben."

Die Freude über einen Heimplatz in Schleusingen wäre auf jeden Fall größer als die Sorgen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. Dezember 2021 | 07:06 Uhr

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