Pflegenotstand in Mitteldeutschland Was den Kollaps auf den Intensivstationen bremsen könnte

Der Mangel an Pflegekräften auf den mitteldeutschen Intensivstationen wird immer gravierender, gleichzeitig steigen durch Corona die Einweisungen. Die Folge: Ein drohender Kollaps der Intensivkapazitäten. Vertreter der Pflegeberufe und Opposition erheben schon seit Jahren Forderungen an die Politik, um das Berufsbild wieder attraktiver zu machen. In der aktuellen Krise könnten die Maßnahmen aber zu spät kommen.

Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid-19 Intensivstation im SRH Waldklinikum.
An Intensivpflegekräften – wie hier im Geraer Waldklinikum – herrscht nicht nur in Mitteldeutschland Mangel. Bildrechte: dpa

Mehr als 1.000 weggefallene Intensivbetten in Mitteldeutschland. Diese Zahl, ermittelt von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), sorgte Anfang der Woche für Aufsehen. Was nach Sparmaßnahmen und Klinikschließungen klingt, hat jedoch einen ganz anderen Hintergrund: Die Betten existieren weiter, müssen aber gesperrt werden, weil der Mangel an Intensivpflegekräften zu groß ist.

Beliebt und doch unbeliebt

Dabei haben die Pflegeberufe in Deutschland eigentlich einen guten Ruf. Beliebt und doch unbeliebt – so könnte man ihre Situation zusammenfassen. Denn während nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung 95 Prozent der Deutschen den Pflegekräften vertrauen – populärer sind nur Feuerwehrleute –, herrscht unter Pflegekräften selbst oft eine ganz andere Stimmung. 31 Prozent von ihnen tragen sich mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln. Das ergab eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK).

Gründe für diese Unbeliebtheit gibt es viele. Marliese Biederbeck ist Regionalvorsitzende des DBfK und sie steht mit Intensivpflegekräften aus ganz Mitteldeutschland in Kontakt. Corona sei auf vielen Ebenen eine große Belastung, etwa durch den Umgang mit Impfverweigerern und Corona-Leugnern, sagt sie im Gespräch mit MDR AKTUELL: "Die Pflegenden sind mittlerweile müde und ausgelaugt davon. Das Verständnis wird gerade auf eine große Zerreißprobe gestellt." Hinzu komme der zusätzliche Aufwand im Klinikalltag: "Das zusätzliche Testen, aber auch das mit Haube, mit Mundschutz, mit Maske, mit Handschuhen und Kittel arbeiten müssen. Das belastet und kostet Zeit, die in der Arbeit mit den Patienten fehlt. "

Das zusätzliche Testen, aber auch mit Haube, mit Mundschutz, mit Maske, mit Handschuhen und Kittel arbeiten müssen. Das belastet und kostet Zeit, die in der Arbeit mit den Patienten fehlt.

Marliese Biederbeck Vorsitzende DBfK Südost

Die Pflege war allerdings schon vor Corona kein beliebtes Berufsfeld. Die Techniker Krankenkasse gab 2017 die Verweildauer im Beruf Krankenpflege mit nur 13,7 Jahren an. Und 2019 zeigte das Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhaus Instituts (DKI): Drei Viertel der Krankenhäuser hatten Probleme, offene Stellen in der Intensivpflege oder auf den Allgemeinstationen zu besetzen.

Mehr Anstrengungen gefordert

Aus eigener Anschauung weiß das Susanne Schaper. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linken im Sächsischen Landtag war selbst 20 Jahre lang Krankenschwester, unter anderem in der Intensivpflege. Aus ihrem persönlichen Umfeld berichtet sie MDR AKTUELL: "Es ist nicht in erster Linie das Geld, sondern die Überbelastung derjenigen, die da sind. Die Pflegekräfte fallen dadurch auch selbst durch Krankheit und Überarbeitung aus." Eine ihrer zentralen Forderungen ist daher eine Erhöhung der Platzzahlen in Aus- und Weiterbildung.

Mehr Geld für die Ausbildung: Das fordern auch Berufs- und Fachverbände wie Divi, DBfK oder die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege (DGF). Durch ihre Positionspapiere ziehen sich wie ein roter Faden weitere Forderungen an die Politik:

  • Bessere Arbeitsbedingungen durch mehr Personal: Die Unterbesetzung der Intensivstationen wirkt wie ein Teufelskreis – überarbeitete Pflegekräfte fallen aus, wodurch sich die Situation weiter verschärft. Mit mehr Geld für Schulungen an Beatmungsgeräten könnten Pflegekräfte von den Normalstationen auch auf Intensivstationen einspringen. Für nachhaltige Verbesserungen brauche es aber höhere Personaluntergrenzen. Derzeit liegt die Grenze tagsüber bei einer Pflegekraft für zwei Intensivpatienten.
  • Weiterbildung, die zu besserer Bezahlung führt: Intensivpflegekräfte übernehmen schon heute oft Aufgaben, die im ärztlichen Verantwortungsbereich liegen (man spricht hier von Delegation). Damit bewegen sie sich in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone. In vielen anderen Ländern, etwa den USA, haben speziell ausgebildete Pflegekräfte ganz offiziell mehr Handlungsautonomie – und ein höheres Gehalt.
  • Die Unterstützung von Pflegekammern: Die sollen, analog zu Ärztekammern, Organ der Selbstverwaltung der Pflegeberufe sein und in der Öffentlichkeit Druck für bessere Arbeitsbedingungen machen. In vier Bundesländern gibt es Pflegekammern bereits – die mitteldeutschen Länder gehören nicht dazu.

Langfristige Maßnahmen

Welchen Beitrag kann bei der Umsetzung die Landespolitik leisten? Die mitteldeutschen Länder betonen auf Anfrage von MDR AKTUELL ihre Bemühungen in der Ausbildung. Das Thüringer Gesundheitsministerium etwa verweist auf gestiegene Zahlen bei den Auszubildenden: Diese seien 2020 rund 23 Prozent höher als 2019 gewesen – Platz drei bundesweit. Für bessere Löhne sehen dagegen sowohl Sachsen als auch Thüringen die Tarifpartner in der Pflicht: "Der Freistaat ist in die Verhandlungen nicht eingebunden", heißt es dazu aus Dresden. Sachsen-Anhalts Sozialministerium ließ eine Anfrage bislang unbeantwortet.

So oder so: Die Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, mittel- und langfristig den Pflegenotstand zu lindern. Kurzfristig heißt es: Aus wenigen Ressourcen das Beste machen, um einen Kollaps zu verhindern. So teilt etwa das Sächsische Sozialministerium MDR AKTUELL mit, zentrale Maßnahme in der vierten Welle sei die Wiedereinsetzung von Krankenhaus-Koordinatoren. Sie sollten Corona-Patienten gezielter auf Kliniken in der Region verteilen. Als weiteres Mittel "stünde zudem erneut auch die Verlegung von Patientinnen und Patienten in andere Bundesländer zur Verfügung" – eine Strategie, die bei deutschlandweit steigenden Fallzahlen schnell an ihre Grenzen stoßen dürfte.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. November 2021 | 09:00 Uhr

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