Interview Quarantäne und Impfpflicht-Chaos: Infektiologe contra Politik

In der Politik wird gestritten um die Isolationspflicht von COVID-19-Infizierten, einer allgemeine Impfplicht oder dem Nutzen eines zweiten Boosters. Was sagt Prof. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Jena, dazu?

Blick durch eine Tür. Eine Frau sitzt auf ihrem Bett.
Die ab dem 1. Mai geplante Ende der Isolations- und Quarantänepflicht für Corona-Infizierte sorgte für viel Kritik und wurde schnell widerrufen. Bildrechte: dpa

Am Montag hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Isolation für Corona-Erkrankte ab dem 1. Mai für freiwillig erklärt – am Dienstag folgte die Rolle rückwärts: Erkrankte sollen sich doch weiterhin in Isolation begeben müssen. Auch bei der Impfpflicht herrscht weiter Uneinigkeit. Das MDR Magazin "Hauptsache Gesund" hat mit Prof. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Jena, gesprochen. Seine Meinung: Ein Wegfall der Isolationspflicht könnte besonders in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen "desaströse" Folgen“ haben.  

Fragen an Prof. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Jena

- War der Verstoß, die Isolationspflicht und Quarantäne aufzuheben, einfach übereilt?

Prof. Mathias Pletz: Folgendes muss man zunächst einmal unterscheiden: Ein Wegfall der Quarantänepflicht (Quarantäne bezieht sich auf Kontaktpersonen) ist aus meiner Sicht in Ordnung, ein Wegfall der Isolationspflicht (Isolation bezieht sich auf Infizierte) wird definitiv die Ausbreitung des Virus begünstigen. In Bereichen, in denen es keine vulnerablen Gruppen gibt, z.B. im Kindergarten, wäre auch das vertretbar – für Kinder ohne Symptome. Ein hustendes Kind setzt deutlich mehr Viren frei als ein asymptomatisch infiziertes Kind. In Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen mit vielen vulnerablen Personen kann ein Aussetzen der Isolationspflicht desaströse Folgen haben.

- Die Impfpflicht ab 18 ist gescheitert, sie soll nun für über 60-Jährige kommen. Ist das aus Ihrer sich sinnvoll?

Prof. Mathias Pletz: Das hängt von der Zielsetzung ab: Soll die Impfung einen Eigenschutz vor schweren Verläufen vermitteln – wie die Gurtpflicht – ist es sinnvoll, v.a. wenn zum Alter noch Begleiterkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus oder Krebserkrankungen hinzukommen. Es gibt zwar auch einen Fremdschutzanteil, da Geimpfte das Virus nicht so lange ausscheiden wie Ungeimpfte – aber der Unterschied ist unter Omikron deutlich geringer und rechtfertig aus meiner Sicht keine Impfpflicht mehr.

- Für über 70-Jährige ist die 4. Impfung laut Stiko empfohlen, es wird nun für die Gruppe ab 60 Jahren diskutiert. Könnte der 2. Booster grundsätzlich sinnvoll für alle sein?

Prof. Mathias Pletz: Es gibt derzeit nur klinische Daten – also zur Reduktion der Erkrankungshäufigkeit – für Menschen ab 60 Jahre: Hier wurde die Häufigkeit für schwere Erkrankungen gegenüber "nur" drei Impfungen geviertelt. Allerdings wurde die Studie nur wenige Wochen nach der vierten Impfung durchgeführt. Aus meiner Sicht brauchen jüngere Menschen keine vierte Impfung – es gibt dazu keine klinischen Daten zur Reduktion der Erkrankungshäufgkeit und es gibt Hinweise, dass die Verträglichkeit der Impfung abnimmt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 05. April 2022 | 19:30 Uhr

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