Faktencheck Tragen Menschen mit Verwandten im Ausland das Coronavirus ins Land?

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki sagte MDR AKTUELL: "Wir werden erleben, dass über Ostern viele unserer Mitbürger mit Migrationshintergrund aus Bulgarien, Rumänien, der Türkei, aus Serbien, aus dem Kosovo nach Hause fahren werden. Und wir wissen aus dem Sommer, dass von dort dann die neuen Einträge gekommen sind mit den hohen Fallzahlen und nicht von Deutschen, die auf Mallorca Urlaub gemacht haben." Stimmt das? Ein Faktencheck:

Passagiere in einer Flugzeugkabine
Bei Auslandsreisen gilt meist eine Testpflicht. Bildrechte: imago/Frank Sorge

Zäumen wir das Pferd von hinten auf und blicken zunächst zurück in den Sommer 2020. Epidemiologen und das Robert Koch-Institut (RKI) haben untersucht, wie sich das Reisegeschehen im Sommer letzten Jahres auf die Inzidenzzahlen in Deutschland ausgewirkt hat. Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig sagt: "Es ist schon richtig, dass es dort nach Länderhäufigkeiten so war, dass die meisten Einträge aus dem südosteuropäischen Raum kamen. Da muss man natürlich noch einmal schauen, dass dort die Reiseaktivität am höchsten ist."

So lag der Kosovo mit 4.369 Corona-Fällen bei den Reiserückkehrern im Sommer auf Platz 1. Darauf folgte laut RKI-Bericht Kroatien mit 3.909 Fällen und danach die Türkei. Auf Platz 6 befindet sich dann Spanien mit 1.059 Corona-Fällen. Gut ein Drittel weniger positive Fälle stammten von Reiserückkehrern aus Bulgarien (693).

Reisen als "aktuell irrelevanter Effekt"

Die Statistik unterscheidet dabei nicht, ob es sich um Urlaubsreisen oder Familienbesuche handelt. Ländertechnisch hat Wolfgang Kubicki zunächst Recht.

Doch der Vergleich zur heutigen Situation mit dem Sommer 2020 hinke, sagt der Leipziger Epidemiologe Scholz: "Das war eine ganz andere Lage. Im Sommer hatten wir sehr niedrige Inzidenzen. Aktuell bei den im Moment hochpandemischen Geschehen, was wir in Deutschland haben, spielen die Einträge von außen kaum noch eine Rolle. Das ist im Prinzip ein aktuell irrelevanter Effekt bei den hohen Infektionszahlen, die wir im eigenen Land haben."

Tests machen Reisen sicherer

Hinzukomme, dass das Reisen durch die Tests viel sicherer und pandemisch nachvollziehbarer geworden sei, sagt Scholz. Alle Deutschen benötigen vor der Einreise nach Mallorca, Serbien, Bulgarien sowie in den Kosovo und die Türkei einen negativen PCR-Test. Egal, ob man per Luft-, Land- oder Seeweg einreist. Nur Rumänien bildet eine Ausnahme, da Deutschland derzeit nicht als Risikogebiet zählt. Zudem gelten Hygieneauflagen in den jeweiligen Ländern.

Die Türkei verlangt darüber hinaus vor Rückreise nach Deutschland nochmals einen negativen PCR-Test. Und da außer Mallorca alle von Kubicki genannten Länder entweder Risiko- oder Hochinzidenz-Gebiete sind, gilt in Deutschland anschließend Melde-, Test- und Quarantänepflicht.

Familienbesuche im Inland risikoreicher als im Ausland

Was uns zu dem zweiten Punkt in Wolfgang Kubickis Aussage bringt: Das Risiko von Familienbesuchen versus Urlaubsreisen. Markus Scholz: "Familienbesuch kann ja sein: ich besuche eine weitere Person oder eine große Familie. Das hat natürlich schon Auswirkungen. Je mehr Leute ich treffe, desto stärker ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich ansteckt, weil eben unter den vielen Personen jemand positiv sein kann."

In diesem Sinne sind Familienbesuche ein höheres Risiko für das Infektionsgeschehen als Urlaubsreisen  – allerdings mit Ausnahme von Familienbesuchen im Ausland, denn dann wird ja wieder getestet. Das Problem liegt laut Epidemiologe Scholz somit vielmehr bei Inlandsbesuchen. Dann sei man nämlich von der Eigenverantwortung der Leute abhängig.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: 26. März 2021 | 07:54 Uhr

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