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Im Park wieder Freunde treffen, ins Kino gehen oder in den Urlaub fahren – überall gelten gewisse Corona-Regeln. Aber braucht es die noch? Oder ist inzwischen jeder selbst für sich verantwortlich? Bildrechte: Kevin Müller

DebatteCorona-Pandemie: Schutzmaßnahmen versus persönliches Risiko

von Fanny Kniestedt, MDR AKTUELL

Stand: 16. August 2021, 10:54 Uhr

Die Corona-Maßnahmen beeinträchtigen das öffentliche Leben und das Leben jedes einzelnen. Die Diskussionen über die Schutzmaßnahmen laufen heiß. Begründet werden diese Maßnahmen mit der pandemischen Notlage. Aber trägt dieses Argument tatsächlich noch? Oder stellt Corona mittlerweile ein persönliches Lebensrisiko dar, das jeder selbst tragen muss? Wir haben bei zwei Philosophen nachgefragt.

Virologe Christian Drosten hat es in seinem Podcast vorgerechnet: Für Menschen unter 45 Jahren ist eine Corona-Infektion ungefähr genauso gefährlich wie eine Influenza-Infektion. Wirklich dramatisch ist das Risiko für Menschen über 65. Die sind jedoch mittlerweile zu 85 Prozent vollständig geimpft.

Nida-Rümelin: Neue Maßstäbe erforderlicher

Philosoph und Risikoethiker Julian Nida-Rümelin plädierte schon vor einem Jahr dafür, die Influenza als Maßstab für Maßnahmen zum Gesundheitsschutz anzusetzen. Mittlerweile sei die Datenlage eindeutig und man könne diese statistischen Daten, die schon vor einem Jahr vorgelegen hätten, jetzt überhaupt nicht mehr anzweifeln, sagt er. Für ihn zeigten sie eindeutig, dass, wenn man die Älteren schützt, eben durch die Impfung, dann sinke die Mortalität von Covid-19 unter das Niveau einer Influenza. Als Beispiel führt der Risikoethiker England an. Dort gebe es sehr hohe Inzidenzen, aber nur sehr geringe Hospitalitätsraten.

Für ihn sei klar, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern viel zu dogmatisch die Inzidenz als Maßstab ansetze. Museen zu schließen, um die Mobilität einzuschränken und Infektionen zu reduzieren, habe keinen Sinn ergeben, da sich in Museen niemand anstecke. Damit wäre nur eins erreicht worden: die Akzeptanz gegenüber den Maßnahmen in der Bevölkerung zu senken.

Zu wenig Wissen über Covid-19

Medizinethiker Prof. Urban Wiesing ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Er stimmt Nida-Rümelin zu und sagt: Man müsse mehr als nur die Inzidenz als Grundlage für Maßnahmen ansetzen. Corona mit der Influenza zu vergleichen sei hingegen falsch, findet er. Denn: "Vieles, vieles wissen wir bei Corona nicht. Wir haben bei der Influenza Jahrzehnte Erfahrung. Und gerade bei Corona werden wir fast wöchentlich mit neuen Fakten konfrontiert, mit neuen Erkenntnissen, die uns verwundern oder auch mit neuen Varianten." Deshalb könne man die zwei Krankheiten nicht gleichsetzen.

Ihn wundere zum Beispiel die niedrige Hospitalitätsrate trotz hoher Inzidenzen in England. Niemand wisse außerdem, was Long Covid für Auswirkungen habe – auch auf die Jungen. Oder auch, wie sich die Impfung langfristig auf die Sterberate auswirke. All das sei noch nicht klar.

Klares Handeln erforderlich

Solange, wie andere gefährdet sind, seien Maßnahmen, wie 2G legitim, findet Wiesing. So, wie mittlerweile auch das Rauchen in der Kneipe verboten sei – zum Schutze anderer.

Auch Philosoph Julian Nida-Rümelin räumt ein, für Long Covid brauche es weitere Erkenntnisse. Trotzdem plädiert er vor allem für klares Handeln. Denn das reduziere den Stress in der Bevölkerung. Für ihn gäbe es gesundheitspolitisch nur zwei Kriterien: die Sterberate und schwere Krankheitsverläufe.

Mein Vorschlag ist Mortalität und schwere Morbidität und Punkt.

Julian Nida-Rümelin | Philosoph und Risikoethiker

Abgesehen von AHA-Regeln müssten damit alle anderen Maßnahmen fallen. Wiesing geht mit den vorgeschlagenen Kriterien zwar mit. Doch für ihn reichen diese zwei nicht aus. Welche es noch benötige, sei Teil des Erkenntnisprozesses.

Restrisiko: das Leben selbst

Es gehe immer um das Einschränken von Freiheit versus den Schutz von anderen, erklärt Wiesing. Und dabei komme es in einem komplexen Staat wie Deutschland nun mal zu einer gewissen Inkonsistenz. Denn: "Eine Gesellschaft, in der immer mit ganz gleichen Maßstäben die Freiheitseinschränkung auf der einen Seite mit dem Schutz von anderen Menschen einhergeht – die gibt es nicht."

Risiko versus Freiheit – das sei in unserer Gesellschaft immer ein Aushandlungsprozess, sagt der Medizinethiker. Ob es nun um Corona, Tempolimit oder Rauchen gehe. Und während wir noch verhandeln, bestehe sowieso für alle ein Restrisiko: das Leben selbst.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 16. August 2021 | 08:11 Uhr