Faktencheck Tödliches Virus oder Schnupfen – wie gefährlich ist die Delta-Variante?

Nikta Vahid-Moghtada
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Trotz insgesamt sinkender Corona-Zahlen ist die Delta-Variante in Deutschland auf dem Vormarsch. Mehrere Bundesländer melden bereits einen steigenden Anteil der Variante an den Neuinfektionen. Die Virus-Variante unterscheidet sich britischen Untersuchungen zufolge auch in der Symptomatik: Vor allem Schnupfen, Kopfschmerzen und Halskratzen soll das Virus auslösen. In den sozialen Medien wächst der Unmut über den "Delta-Schnupfen". Wie gefährlich ist die Mutation wirklich?

Ein Mann und eine Frau putzen sich die Nasen
Weil die Delta-Variante gängige Schnupfen-Symptome auslösen kann, wird sie oft nicht als Coronavirus erkannt. Bildrechte: Colourbox.de

Zwar sinken in Deutschland die Infektionen mit dem Coronavirus. Doch wenn man sich ansteckt, dann steigt derzeit die Wahrscheinlichkeit, sich mit der sogenannten Delta-Variante zu infizieren. Allerdings entfaltet die Variante hierzulande nicht denselben Schrecken wie in Indien. Auf Facebook, Twitter und Co. formulieren zwar viele Menschen Ängste vor der Variante, andere hingegen schreiben bisweilen zynisch vom "Corona-Schnupfen" oder "Delta-Schnupfen". Nichts als Panikmache der Regierung, um die Bürgerinnen und Bürger weiter zu unterdrücken, meinen manche Twitter-User.

Stimmt es, dass die Delta-Variante nur ein Schnupfen ist?

Wie schätzen Wissenschaftler die aktuelle Lage ein? Ist die Delta-Variante also ungefährlich? Oder sollten wir uns in Acht nehmen? Klar ist, die Delta-Variante des Coronavirus, auch bekannt unter dem Kürzel B.1.617.2, breitet sich in Deutschland schnell aus. Diese Erfahrung haben zuvor bereits Großbritannien und Indien gemacht.

Der Delta-Anteil in Deutschland verdoppelte sich in einer Stichprobe im Vergleich zur Vorwoche fast auf nun 15,1 Prozent, wie aus einem Bericht des RKI vom Mittwochabend hervorgeht. Die Angabe bezieht sich auf die Woche vom 7. bis 13. Juni. Das Robert Koch-Institut (RKI) stuft sie als besorgniserregend ein – weil sie die Immunantwort stärker schwächt als andere Varianten und weil sie leichter zu übertragen ist.

Fakt 1: Schnupfensymptome lösen Geschmacksverlust ab

Fakt ist, dass die Delta-Variante neue Krankheitszeichen mit sich bringt: Schnupfen, Niesen, Kopfschmerzen oder Halskratzen. Diese Erkenntnis geht auf eine Auswertung einer britischen App zum Monitoren von Corona-Symptomen zurück. Schnupfen wird dort zudem als eines der wichtigsten Symptome bei Geimpften angeführt. Daher sollten alle mit Schnupfen an einen Corona-Test denken, um schwächere Menschen nicht zu gefährden. Tim Spector, der die sogenannte ZOE COVID Symptome Study App mitgegründet hat und die Studie dahinter leitet, erläuterte Mitte Juni in der BBC, dass mit Ausbreitung der Delta-Variante andere Krankheitszeichen wie beispielsweise der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn seltener werden.

Belastbare wissenschaftliche Untersuchen hierzu fehlten aber noch, sagt der Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Achim Kaasch.

Vergleiche mit einem harmlosen Schnupfen sind dennoch "völlig daneben", stellt der Virologe Klaus Stöhr im Interview im MDR fest. "Es ist ein gefährliches Virus, das in Deutschland über 90.000 Todesopfer gefordert hat. Es ist dasselbe Virus, das bei Älteren eine hohe Todesfallrate hat."

Fakt 2: Übertragungsrate höher

Fakt ist, dass sich die Delta-Variante des Coronavirus schneller ausbreitet. "Die Delta-Variante erscheint grob 50 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante", sagt Achim Kaasch. Er beruft sich außerdem auf Daten aus England und Schottland, die eine höhere Hospitalisierungsrate beschreiben: So mussten zwischen dem 7. und 13. Juni mehr als 1.300 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung stationär behandelt werden – 43 Prozent mehr als in der Woche zuvor.

Bisher fehle jedoch die Datenbasis, um klare Aussagen bezüglich der Todesfälle zu machen, so Kaasch.

Vor allem im häuslichen Kontext ist das Risiko, sich zu infizieren, offenbar höher – 64 Prozent im Vergleich zu der Alpha-Variante. Das geht auch aus Daten einer britischen Studie von Public Health England hervor. Darin sieht Achim Kaasch auch die besondere Gefahr des Virus: "Das Besorgniserregende bei der Delta-Variante ist die schnelle Ausbreitung. So erreicht das Virus auch schneller Personen, die einen schweren Verlauf befürchten müssen."

Fakt 3: Impfung schützt Geimpfte und Andere

Die Impfstoffe von Astrazeneca und Biontech wirken auch gegen die Delta-Variante, sagt Achim Kaasch. "Allerdings braucht es einen vollständigen Impfschutz, um einen effektiven Schutz zu haben. Eine einmalige Impfung mit Astrazeneca bzw. einem mRNA-Impfstoff reicht nicht aus", so Kaasch. Für den Impfstoff von Johnson&Johnson lägen aktuell keine Daten vor.

Zweifachimpfungen schützen in hohem Maße, wie auch Daten aus Großbritannien zeigen. Im "Technical briefing 16" stellt die britische Gesundheitsbehörde PHE fest, dass die erste Impfdosis zu 30 Prozent Symptome und zu 70 Prozent einen Krankenhausaufenthalt verhindert und die zweite zu 80 Prozent die Symptome und zu 94 Prozent den Weg in die Klinik.

Hinzu kommt laut Christian Drosten von der Berliner Charité ein weiterer Vorteil der Immunisierung: Wer sich trotz Impfung infiziert, entwickelt demnach eine niedrigere Virenlast und stellt eine geringere Gefahr für seine Mitmenschen dar. Es sinkt also die Gefahr von Superspreading-Ereignissen.

Prognose: Erwartet uns dieselbe Entwicklung wie in England?

Ob sich alle Erkenntnisse aus Großbritannien auf Deutschland übertragen lassen, das bleibt abzuwarten. Den Wissenschaftlern bleibt nur das Abwägen verschiedener Faktoren auf Grundlage der Erkenntnisse aus dem Ausland. Die Delta-Variante werde sich ebenso wie in Großbritannien auch hierzulande durchsetzen, sagt Achim Kaasch. In welchem Tempo das geschehe, hänge aber von vielen Faktoren ab, etwa dem weiteren Eintrag, der Impfrate, der Effizienz der Nachverfolgung und den Corona-Schutzmaßnahmen.

  • Christian Drosten von der Berliner Charité verweist auf drei Faktoren: Die Delta-Variante erreicht Deutschland bei einem insgesamt niedrigeren Infektionsgeschehen und einem größeren Impffortschritt. Hinzu komme ein weiterer, historisch bedingter Faktor: In Großbritannien führen zahlreiche Bürger mit indischen Wurzeln zu einer höheren Anzahl der direkten Eintragungen aus Indien.
  • Der Virologe Klaus Stöhr, der viele Jahre bei der WHO gearbeitet hat und jetzt als freier Berater tätig ist und mit anderen Wissenschaftlern die Plattform "Coronastrategie" betreibt, warnt vor Panik. Die Variante lasse sich zwar höchstwahrscheinlich etwas leichter übertragen, aber die Erkrankungsschwere aber scheine vierfach geringer zu sein. Dabei bezog sich Stöhr am Donnerstag auf vorläufige Daten.
  • Dagegen kommt Public Health England am Freitag in einer Risiko-Einschätzung zu dem Schluss, die Delta-Variante gehe sehr wahrscheinlich mit einem höheren Hospitalisierungsrisiko einher als die Alpha-Variante. Auch eine Studie zum Auftreten der Variante in Schottland hält fest, für Infizierte der Delta-Variante sei das Risiko für eine Krankenhauseinweisung etwa doppelt so hoch gewesen wie im Fall der Alpha-Variante.

Dennoch wird die zunächst in Indien aufgetretene Variante nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC im Laufe des Sommers zur dominanten Variante in Europa. Anfang August könnten bereits 70 Prozent aller Neuinfektionen in der Europäischen Union und den mit ihr verbundenen Ländern Norwegen, Island und Liechtenstein auf Delta zurückzuführen sein werden. Ende August dürften es dann bereits 90 Prozent sein. Die ECDC-Chefin Andrea Ammon erwartet, dass die Variante vor allem unter Kindern und Jugendlichen ohne Impfschutz zirkulieren wird. Sie warnt vor schweren Krankheitsverläufen bei geschwächten Kindern oder bei gefährdeten Erwachsenen im Umfeld.

Fazit: Kein banaler Schnupfen

Die Delta-Variante ist ein ernstzunehmender Krankheitserreger, der anders als die Virusvarianten zuvor zunächst neue Krankheitssymptome hervorruft: Schnupfen, Kopfweh und einen rauen Hals. B.1.617.2 hat mehrere besorgniserregende Eigenschaften: die Symptome können zunächst unscheinbar ausfallen – die Viren werden dadurch leichter weitergetragen, die Virenlast ist hoch und die Ausbreitung schnell.

Ist Delta gefährlicher als andere Virus-Varianten? Für geschwächte Personen mindestens genau so gefährlich wie die Vorgängervarianten. Wird es sich in Deutschland genauso schnell ausbreiten wie in Großbritannien oder Indien? Die Eigenschaften des Virus sprechen dafür. Doch das Virus trifft auf eine besser vorbereitete Bevölkerung – die Impfungen sind weiter vorangeschritten und hinzu kommt auch, dass das Ansteckungsgeschehen derzeit niedriger ist als beim Eintrag des Virus in Indien.

Bleibt also abzuwarten, ob sich die Virusvariante in Deutschland als genauso gefährlich erweist wie in Großbritannien oder Indien. Bis dahin ist es einfach besser, die AHA-Regeln einzuhalten.

Delta-Variante: So verbreitet ist B1.617

Die zunächst in Indien nachgewiesene Delta-Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 verbreitet sich inzwischen in vielen Ländern außerordentlich schnell. Als gesichert gilt, dass sie deutlich ansteckender ist als alle anderen bisher bekannten Varianten. Wie sehr sie auch Ansteckungen zwischen Kindern wahrscheinlicher macht, ist bisher nicht eindeutig klar.

In Deutschland war der Anteil der Delta-Variante an den Sars-CoV-2-Neuinfektionen zuletzt noch relativ gering. In Großbritannien ist sie bereits die dominierende Variante. Dort waren im April erste Fälle dieser Mutante nachgewiesen worden. Anfang Mai machte Delta bereits rund ein Viertel der Fälle aus, Anfang Juni gab es fast nur noch Delta-Fälle.

Vorläufigen Erkenntnissen der englischen Gesundheitsbehörde zufolge könnte Delta nicht nur ansteckender sein, sondern auch häufiger zu schwereren Covid-19-Erkrankungen führen als die davor dominierende Alpha-Variante. Daten aus England und Schottland legten ein erhöhtes Risiko für Krankenhauseinlieferungen nahe, ließ Public Health England Anfang des Monats wissen.

Vollständig geimpfte Menschen sind nach derzeitigem Kenntnisstand auch bei Delta gut gegen einen schweren Covid-19-Verlauf geschützt. (Quelle: dpa)

Corona Therapie in Moskau 3 min
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Quelle: MDR AKTUELL, dpa, afp, NDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 24. Juni 2021 | 08:20 Uhr

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