Analyse Die Inzidenz steigt, aber brauchen wir den Wert überhaupt noch?

Piet Felber
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Viele Corona-Infektionen werden nicht registriert, weil sich Betroffene nicht mehr testen lassen. Das sorgt für eine systematisch zu niedrige Inzidenz-Angabe. Sagt uns der Wert dennoch noch etwas? Und was kann man aus ihr für den Herbst ableiten?

Eine Montage aus einer Laborsituation und der Schriftbox "Corona-Daten, Hintergrund"
Zwar ist die Bedeutung der Corona-Inzidenz zuletzt gesunken – dennoch bleibt sie wichtige Kennziffer in der Pandemie. Bildrechte: MDR

An den meisten Wochentagen berichtet die Deutsche Presse-Agentur nach wie vor am frühen Morgen über die Corona-Neuinfektionen, die aktuell jeweils durch das Robert Koch-Institut (RKI) registriert worden sind. Unabhängig von den Fallzahlen nehmen einschränkende Begleiterklärungen immer größeren Raum in diesen Meldungen ein.

Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus.

Deutsche Presse-Agentur Meldung zu den Corona-Neuinfektionen am 22. Juni 2022

Aktuell (Freitag, 1. Juli) meldet das RKI eine gestiegene Inzidenz von 682,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Die DPA schob beim Bericht darüber sogleich nach: "Experten gehen seit einiger Zeit von einer hohen Zahl nicht vom RKI erfasster Fälle aus – vor allem, weil bei Weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zu einer Verzerrung einzelner Tageswerte führen."

Aber wenn die Daten doch so verzerrt und unvollständig sind: Was sagen Sie uns dann überhaupt noch? Long Story short: Die Inzidenz sagt uns über das Coronavirus alles – und nichts.

Wenn die Inzidenz steigt, steigt die Inzidenz

Zunächst einmal ergeben die Einzelmeldungen im Zeitverlauf einen langfristigen Trend. Das heißt, nun ja: Wenn die Inzidenz steigt, steigt die Inzidenz. Und das ist gar nicht mal so trivial.

Prof. Dirk Brockmann
Dirk Brockmann, Physiker an der Humboldt-Universität in Berlin und Leiter der RKI-Arbeitsgruppe "Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten" Bildrechte: imago images / teutopress

Letztlich ist der genaue Blick entscheidend. Dirk Brockmann, Physiker an der Humboldt-Universität in Berlin und Leiter der RKI-Arbeitsgruppe "Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten" sagt: "Insbesondere die Dynamik der Inzidenz ist immer noch essentiell, um Änderungen zu bewerten und zu sehen, wohin die Reise geht." Wenn die Zahlen steigen würden, heiße das, dass das Infektionsgeschehen wieder zunehme. "Und daraus kann man Informationen gewinnen."

Die Erfahrung zeigt zudem: Steigende Inzidenzen und die Berichterstattung darüber sensibilisieren die Gesellschaft dafür, dass die Pandemie nicht vorbei ist, sie führen zu Diskussionen auf politischer Ebene über die richtigen Schutzmaßnahmen und erlauben gemeinsam mit Kennziffern wie der Impf- und Genesenenquote sowie mit variantenspezifischen Erkenntnissen zu Krankheitsschwere und Behandlungsoptionen Prognosen für die zu erwartende Belastung des Gesundheitssystems.

Steigende Inzidenzen haben auch wegen des sich verändernden Virus an Schrecken verloren. Wenn selbst Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach keinen Grund sieht, "in Panik zu geraten", hat sich der Charakter der Pandemie möglicherweise tatsächlich verändert.

Ein Porträt-Foto von Virologe Alexander Kekulé. 62 min
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Dass der endemische Zustand (bei dem sich Virus und Mensch sozusagen aneinander gewöhnt haben, ohne dass noch viele Menschen sterben müssen) jedoch auch mit den nun dominierenden Omikron-Varianten BA.4 und vor allem BA.5 noch nicht erreicht ist, zeigt die Zunahme der intensiv-medizinisch zu behandelnden Fälle: Während am 23. Juni noch 807 Corona-Patienten auf Intensivstationen behandelt werden mussten, waren es eine Woche später 936.

Die Dunkelziffer wird größer

Mit dem Auslaufen der Testpflicht in den Schulen und am Arbeitsplatz bleiben viele asymptomatische oder mild verlaufende Coronavirus-Infektionen unentdeckt. In den ersten drei Wellen lag die Positivenquote bei Labortests auf das Coronavirus nie bei mehr als 15 Prozent.

Auf dem Höhepunkt der Omikronwelle im Frühjahr dieses Jahres betrug diese Quote dann mehr als 50 Prozent – und derzeit entwickelt sie sich wieder in diese Richtung, bei deutlich weniger durchgeführten Tests als in den ersten Wellen. Bei hohen Inzidenzen lässt sich daraus ableiten, dass die Zahl unentdeckter Infektionen aktuell zunehmen muss. Sie genau zu modellieren ist dabei aufgrund des veränderten Test-Regimes kaum möglich, wie auch Dirk Brockmann bestätigt: Es lasse sich schlecht abschätzen, "welcher Anteil Infizierter sich noch PCR-testet".

Das erschwert Brockmann zufolge allerdings auch die Modellierung des weiteren Pandemie-Verlaufs im Herbst und Winter. Die Auswertung von Sekundärdaten, wie zum Beispiel der Hospitalisierung, erlaube Rückschlüsse auf die Dunkelziffer von vor einigen Wochen. Wenn sich aber bei neuen Varianten die Relation zwischen Hospitalisierung und Inzidenz verändert, ohne die Inzidenz genau zu kennen, dann ist das erschwert.

Wie geht die Pandemie im Herbst weiter?

Dass es eine Herbstwelle geben wird, da sind sich Fachleute im Grunde einig. Der Expertenrat der Bundesregierung arbeitet derzeit an einem Gutachten, auf dessen Grundlage die Bundesregierung das Infektionsschutzgesetz erneut anpassen will. Diskussionen gibt es bereits darum, ob es erneut eine Maskenpflicht etwa im Einzelhandel geben sollte.

Wie schwer die Welle ausfallen wird, lässt sich aus den genannten Gründen schwer vorhersagen. Dass es eine schwerere Welle wird, hält aber auch Dirk Brockmann für möglich: "Ich halte wenig davon, exakt prognostizieren zu wollen, was genau geschehen wird im Herbst, und dann sowieso daneben zu liegen – statt sich auf viele mögliche Szenarien vorzubereiten." Und dazu gehöre eben auch eine mögliche starke Belastung des Gesundheitssystems in einer starken Herbstwelle.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 22. Juni 2022 | 21:45 Uhr

3 Kommentare

Freies Moria vor 1 Wochen

Komisch, Versicherungs-Mathematiker können sehr genau ausrechnen, was Unfälle zukünftig (!) kosten werden, nach Regionen und Eigenschaften des Fahrers gestaffelt - kann man beim Kfz-Versicherungsantrag heute online sehr detailliert nachvollziehen, je nachdem was man eingibt.
Das Corona-Problem ist nicht unähnlich: Man hat unterschiedlich gute Daten für bestimmte Aspekte der Vergangenheit und soll daraus Erkenntnisse für die Zukunft ziehen.
Jedoch ist das Ergebnis so ganz ganz anders.
Irgendwie immer vage.
Und immer zum Vorteil von irgendjemand in der Gesundheitsbranche.
Zufälle gibts, die gibts gar nicht!

Shantuma vor 1 Wochen

Kurze Textanalyse:
Es wird das wiederholt was schon lange bekannt. Die Dunkelziffer ist unbekannt, dass man das Konzept, welches im Mai 2020 vorgeschlagen wurde nicht einsetzt ist weiterhin verwunderlich. Die Bereitschaft zu wissenschaftlichen Begleitung dieser Pandemie scheint nicht vorhanden zu sein.

Es geht dann oberflächlich weiter. Wieviele der 609 Patienten sind wegen Corona und wieviele sind mit Corona im Krankenhaus?

Eine Lösung zur Dunkelziffer-Ermittelung fällt dem Experten nicht ein. Schon traurig für einen Studierten. Habe von der "Elite" der Gesellschaft mehr erwartet.
Wenn man keine Daten sammelt, dann kann man auch nicht modellieren, dies sollte eigentlich das 1x1 der Modellierer sein.

Die Aufgabe der Modellierer besteht darin, nicht nur Modelle zu erstellen, sondern auch die Daten zu erhalten und auf ihre Brauchbarkeit zu analysieren, sowie die Modellierung mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Evaluation nennt man dies.

aus Sachsen und denkt vor 1 Wochen

Viele Konjunktive. Aber das kann ja auch nicht anders sein. Wissenschaft ist keine Diktatur, sondern Tasten nach der Wahrheit. Valide Ergebnisse gibt es immer nur im Rückblick.

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