Corona-Mutationen Experte: "Das Virus ist aggressiver geworden"

Die Bundesregierung hat diese Woche 200 Millionen Euro für den Kampf gegen Mutationen des Coronavirus bereitgestellt. Am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig wird seit Beginn der Pandemie nach solchen Mutationen gesucht. Professor Friedemann Horn erklärt, warum die Ausweitung der Virus-Sequenzierungen dringend notwendig ist.

Sequenzierkartusche
Die Untersuchung auf Virusmutationen, die sogenannte Sequenzierung, können bisher nur Speziallabore machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pro Woche werden in Deutschland rund eine Million PCR-Tests durchgeführt. Kann man mit diesem Test herausfinden, ob es sich um ein mutiertes Coronavirus handelt?

Professor Friedemann Horn: Mit einem normalen PCR-Test können Sie nicht automatisch sehen, welche Virusvarianten vorliegen. Sie können nur das Virus an sich identifizieren. Man kann aber glücklicherweise genau diese Proben nehmen und in einem speziell dafür ausgerüsteten Labor darauf untersuchen. Die sogenannte RNA-Sequenzierung ist schon etwas, was technologisch anspruchsvoll ist, das gehört nicht zur Routinediagnostik dazu.

Wird in Deutschland bisher ausreichend auf mutierte Varianten getestet?

Also, in Deutschland werden diese Untersuchungen seit Beginn der Pandemie gemacht. Aber wenn man es vergleicht mit anderen Ländern, wie Dänemark oder Großbritannien zum Beispiel, viel weniger. Es wird geschätzt, dass in Großbritannien jeder 15. positive Fall auf eine Mutation untersucht wird. In Deutschland ist das nur jeder 900. Fall. Das ist natürlich etwas, wo man wirklich befürchten muss, bestimmte Weiterentwicklungen des Virus oder Varianten, die aus dem Ausland hier hereinkommen, zu übersehen. Deswegen, ist es sehr begrüßenswert, dass die Bundesregierung hier mehr Geld zur Verfügung stellt, um solche Sequenzierungen häufiger machen zu lassen.

Was wird bei einer solchen Sequenzierung gemacht?

Die Virusvarianten werden dadurch analysiert, dass man das Virusgenom, das Erbgut des Virus, entschlüsselt. Sie müssen sich das so vorstellen, das Genom des Sars-Cov-2-Virus hat etwa 30.000 Buchstaben. Da steckt die ganze Information drin, die das Virus braucht, um bestimmte Eiweißmoleküle herzustellen, mit denen es Zellen infiziert und sich vermehrt. Diese Buchstaben muss man wie ein Buch lesen, um zu wissen, ob sich das Virus verändert hat im Lauf der weiteren Infektionen. Das machen bisher Speziallabore, wie das bei uns der Fall ist, auch die Universitätskliniken können häufig sequenzieren, bundesweit das Robert-Koch-Institut, die Charité und große Forschungsinstitute.

Friedemann Horn
Prof. Dr. Friedemann Horn ist Professor für Molekulare Immunologie an der Universität Leipzig und Leiter der Abteilung Diagnostik am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Könnten Mutationen hier weiter verbreitet sein, als wir bisher annehmen?

Das kann sein, wir können es im Moment nicht ausschließen. Wenn man sich das in anderen Ländern anschaut, muss man schon annehmen, dass es bei uns mehr verbreitet ist, als wir es bisher wahrgenommen haben. Ich glaube aber nicht, dass es bei uns schon eine vorherrschende Variante ist, so wie das in England oder Südafrika bereits der Fall ist. Aber ausschließen kann man selbst das nicht. Deswegen finde ich es sehr wichtig, dass das jetzt bald breiter und auch regional verteilt untersucht wird.

Für wie gefährlich schätzen Sie die neuen Mutationen ein?

Offenbar haben die neuen Mutanten die Eigenschaft, dass sie das Virus leichter übertragen lassen, infektiöser sind. Das liegt zum einen daran, dass sie sich offenbar einfacher an die menschlichen Zellen binden können, mit ihrem Spikeprotein. Das ist das Protein, mit dem das Virus an bestimmte menschliche Zellen andockt. Das kann es in dieser neuen Variante jetzt besser und intensiver als bei früheren Varianten. Und das führt offenbar dazu, dass der Infizierte eine höhere Anzahl von Viren im Mund-Rachen-Raum hat und dadurch mehr Viruspartikel in die Umwelt ausstößt.

Sequenzierer
"Die sogenannte RNA-Sequenzierung ist schon etwas, was technologisch anspruchsvoll ist, das gehört nicht zur Routinediagnostik dazu", erklärt Professor Horn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ist Sachsen durch die Grenznähe zu Polen und Tschechien besonders für neue Virus-Varianten gefährdet?

Gerade in Polen weiß ich von polnischen Kollegen, dass viele Menschen in Großbritannien arbeiten. Da sind viele über die Weihnachtsfeiertage nach Hause gekommen. Auch dort muss man befürchten, dass diese neue Variante eingeschleppt worden ist und über den kleinen Grenzverkehr nach Sachsen hereinkommt. Dasselbe mag für Tschechien gelten. Und wenn wir es nicht kontrollieren, könnten wir die Kontrolle verlieren. Für sinnvolle Maßnahmen der Regierung ist es elementar wichtig, abschätzen zu können, wie weit die Verbreitung des Virus ist. Und deswegen müssen wir schon möglichst bald wissen, wie die Situation im Moment im Land ist.

Momentan wird darüber diskutiert, wie genau die Gelder verteilt werden sollen. Wie sollte sich die Testung jetzt ändern?

Also ich denke, es geht darum, zu schauen, wie die regionale Verteilung ist und dass man das nicht nur in bestimmten Großstädten macht, sondern auch Stichproben über das ganze Land verteilt. Die wichtige Herausforderung ist, schnell die Labore zu identifizieren, die das machen sollen und zweitens die Logistik herzustellen, dass flächendeckend diese positiven Proben erfasst und verarbeitet werden. Wir sollten da nicht viel Zeit verlieren. Und ich denke, das sollte auch nicht nur eine kurze Phase sein, in der man das mal schnell macht, um Sicherheit zu haben. Sondern man sollte es auch in der Zukunft weiter verfolgen, weil so wie das Virus jetzt mutiert hat, ist es aggressiver geworden. Niemand kann sagen, ob es sich irgendwann anderweitig verändert, so dass es dann von der Impfung nicht mehr erfasst wird und möglicherweise noch gefährlicher wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 14. Januar 2021 | 21:00 Uhr

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