Pandemiebekämpfung Ein Jahr Corona-Warn-App: Ein Erfolg mit Schwächen

Die Corona-Warn-App wurde vor genau einem Jahr mit vielen Hoffnungen gestartet. Zwar konnte die App durchaus einige Erfolge verbuchen, doch es bleiben markante Schwachpunkte. Eine erste Bilanz.

Der digitale Impfnachweis auf der Corona-Warn-App ist vor einem Apotheken-Logo auf einem Smartphone zu sehen.
In einem Jahr Betrieb wurden über die Corona-Warn-App Zehntausende Infektionen gemeldet. Bildrechte: dpa

"Die App herunterzuladen und zu nutzen, das ist ein kleiner Schritt für jeden von uns, aber ein großer Schritt für die Pandemiebekämpfung" – mit diesen beim Astronauten Neil Armstrong geborgten Worten führte Kanzleramtsminister Helge Braun vor einem Jahr die Corona-Warn-App (CWA) ein. Seitdem wird viel über den Nutzen gestritten.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte im Oktober in einem Zeitungsinterview: "Die App ist leider bisher ein zahnloser Tiger. Sie hat kaum eine warnende Wirkung". Auf der anderen Seite stehen beeindruckende Zahlen: Das Robert Koch-Institut schätzt, dass durch die App 110.000 bis 230.000 Infektionsfälle entdeckt wurden. Mehr als 28 Millionen Mal sei die Anwendung heruntergeladen worden. In keinem anderen europäischen Land sei eine App zur Kontaktnachverfolgung so weit verbreitet.

App-Nutzer ändern ihr Verhalten zur Pandemiebekämpfung

 "Die CWA leistet somit einen wichtigen Beitrag, um Infektionsketten zu unterbrechen. Der Nutzen der CWA kann zudem mit jedem zusätzlichen Nutzenden weiter gesteigert werden", schreiben das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und das RKI in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Ein Mobiltelefon mit geöffneter Corona Warn App und der Anzeige Erhöhtes Risiko
Die "rote Warnung" überrascht App-Nutzerinnen und -Nutzer häufig Bildrechte: imago images / Bildgehege

Über Datenspenden und eine Nutzer-Umfrage wurde untersucht, wie effektiv die App ist. Denn da die Daten dezentral gespeichert werden, kann keine ganz exakte Auswertung erfolgen. Neben den vielen entdeckten Infektionen gibt es vor allem einen Befund: "Es zeigt sich, dass CWA-Nutzende häufig über die rote Warnung überrascht sind und infolge der Meldung ihr Verhalten anpassen und Maßnahmen zur Vermeidung einer Weitergabe einer möglichen Infektion ergreifen", bilanzieren BMG und RKI. "Insbesondere lassen sich Nutzende, die ein erhöhtes Risiko haben, testen."

Corona-Warn-App bleibt freiwillig

Die Corona-Warn-App sei der "Goldstandard", wenn es um Datenschutz gehe, sagt Achim Berg, Präsident des IT-Wirtschaftsverbandes Bitkom. Er sehe viel Licht, aber auch etwas Schatten: "Wir haben bei der Corona-Warn-App den Datenschutz vor die Gesundheit gestellt und das ist – glaube ich – das große Problem", sagt Berg.

Aus Angst vor einem möglichen Datendiebstahl werden die Informationen dezentral gespeichert. Das bringt mehr Datenschutz, andererseits können die Gesundheitsämter nicht darauf zugreifen. Die App und ihre Nutzung bleiben freiwillig. Bei einem positiven Testergebnis muss diese Information nicht in die App eingespeist werden.

Wir haben bei der Corona-Warn-App den Datenschutz vor die Gesundheit gestellt und das ist – glaube ich – das große Problem.

Achim Berg Präsident von Bitkom

"Wir hätten sagen können: Es ist ganz wichtig, dass wir uns schnell und optimal schützen, optimal die Gesundheitsämter informieren und da vielleicht auch ein bisschen mehr Flexibilität beim Datenschutz zulassen", findet Berg. "Das hätte dafür gesorgt, dass wir noch viel mehr hätten warnen können und Leben retten können."

Gera setzt auf alternative Lösung

Zwar ist die Inzidenz in Mitteldeutschland massiv zurückgegangen, aber dennoch werden vielerorts Kontaktdaten gesammelt. Gastronomen, Museen und Händler setzen dabei auf unterschiedliche digitale Lösungen. Mehr als 50 sind mittlerweile deutschlandweit auf dem Markt. Die bekannteste ist wohl die Luca-App.

In Gera hat sich das Rathaus für "darfichrein.de" entschieden. "Datenschutz ist gewährleistet, einfach Handhabung, keine Installation einer App auf dem Handy", fasst Julian Vonarb (parteilos), Oberbürgermeister von Gera, die Vorteile aus seiner Sicht zusammen. Die Software wurde allen Unternehmen, Händlern und Gastronomen kostenfrei zur Verfügung gestellt.

"Die Corona-Warn-App funktioniert ja nur dann, wenn ich der App auch sage, dass ich tatsächlich ein positiver Fall bin", sagt auch Vonarb. Deshalb hat sich die Stadt für "darfichrein.de" entschieden. "Ich glaube, dieser Weg ist sicherer und schneller", meint Geras Stadtoberhaupt. Entwickelt wurde "darfichrein.de" von der Anstalt für kommunale Datenverarbeitung im Auftrag des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Datenwirrwarr entsteht

Weil aber die verschiedensten Anbieter am Markt sind, ist ein Datenwirrwarr entstanden, das es den Gesundheitsämtern wieder schwer macht. Die über 50 Systeme zur Kontaktdatenerfassung müssen alle mit den Gesundheitsämtern verknüpft werden. Die allermeisten Gesundheitsämter nutzen zur Kontaktnachverfolgung die Software "SORMAS".

Damit nun die Kontakte-App und "SORMAS" miteinander kommunizieren können, braucht es eine Schnittstelle, ein sogenanntes Gateway. In Thüringen wird dafür seit einer knappen Woche die Software IRIS genutzt, andere Bundesländer nutzen andere Lösungen. 

"In Kürze wollen wir die Kontaktdaten vollkommen digital, sicher und verschlüsselt an die Gesundheitsämter übermitteln", wird Thüringens Finanzstaatssekretär Dr. Hartmut Schubert in einer Pressemitteilung dazu zitiert. "Menschen im Freistaat werden so bei einem Risiko-Kontakt schneller benachrichtigt. Wir können eine rasche Verbreitung des Virus bei einem lokalen Ausbruch verhindern".

Damit die Daten der Gäste aus einem Restaurant im Gesundheitsamt landen, braucht es drei Schritte: Zunächst registriert sich der Gast mittels App, diese Daten werden dann von einer Schnittstelle quasi übersetzt und laufen schlussendlich im "SORMAS"-System der Gesundheitsämter ein.

Warn-App ersetzt gelbes Heft

Trotz des Nachteils bei der Kontaktdatenerfassung bietet die Corona-Warn-App zwei Funktionen, die wichtig bleiben dürften. Einerseits bietet sie weiterhin eine Kontakterfassung im Hintergrund. Das ist vor allem in Alltagssituationen wichtig, in denen sich Menschen unbewusst begegnen, etwa in Bussen oder Bahnen. Zudem ist sie ein digitaler Speicherort für den Impfausweis und ersetzt so den gelben Impfpass.

Die Entwicklung der App war dabei finanziell aufwendig: Auf 67,45 Millionen Euro bis Ende 2021 summiert der Bundestagsabgeordnete Uwe Kamann (ehemals AfD, jetzt fraktionslos) die Kosten. Demnach hat die Entwicklung bei der SAP rund 7 Millionen Euro gekostet, die Telekom-Tochter T-Systems rechnete 7,8 Millionen Euro für digitale Infrastruktur und den Aufbau der Hotlines ab. Dazu kommen monatliche Folgekosten für den Betrieb. Weitere Millionen flossen ins Marketing.

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Mit Hilfe einer App sollen die Infektionsketten des Coronavirus frühzeitig bemerkt und durchbrochen werden. So funktioniert die Smartphone-App.

Do 11.06.2020 14:49Uhr 00:51 min

https://www.mdr.de/nachrichten/app-aktuell/video-417706.html

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 16. Juni 2021 | 19:30 Uhr

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