Experten-Bilanz Zwei Jahre Corona-Warn-App – "Zentrale Erwartungen erfüllt"

Seit zwei Jahren ist die Corona-Warn-App im Kampf gegen die Pandemie im Einsatz. Sie zeigt Risikobegegnungen, Testergebnisse und Impfzertifikate an und hilft beim Registrieren für Veranstaltungen. Während die App anfangs umstritten war und ihre Entwicklung als zu langsam eingestuft wurde, bewerten Experten sie heute als Erfolgsgeschichte. Kritik gibt es aber an der fehlenden kontinuierlichen Entwicklung.

Ein Mann hält ein Smartphone mit der Corona Warn App in der Hand auf dem eine Infektion positiv Angezeigt wird.
Experten ziehen trotz kleiner Kritikpunkte ein positives Fazit zur Corona-Warn-App Bildrechte: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Sie meldet sich schneller als jedes Gesundheitsamt, wenn ihr Nutzer einem Corona-Infizierten über eine bestimmte Zeit nah war: Die Corona-Warn-App. Seit zwei Jahren kann sie jeder nutzen, in Deutschland wurde sie nach Angaben von Thomas Renner aus dem Bundesgesundheitsministerium mehr als 45 Millionen Mal heruntergeladen. Herausgebracht wurde die App am 16. Juni 2020 in Deutschland, um Infektionsketten zu durchbrechen und den Kampf gegen die Corona-Pandemie zu unterstützen.

Wer die Corona App nutzt kann gewarnt werden und andere bei Covid-19-Infektionen warnen

Für viele ist sie seither ein selbstverständlicher Begleiter durch die Pandemie geworden, denn auch die Impfzertifikate und Testergebnisse lassen sich EU-weit in ihr anzeigen. Zudem nutzen einige die App zur Information über die aktuellen Corona-Zahlen. Lange Zeit wurde die App auch zur Registrierung bei Veranstaltungen genutzt. Experten halten die App trotz einzelner Kritikpunkte für eine Erfolgsgeschichte.

Was ist die Corona-Warn-App?

Die Corona-Warn-App ist ein Programm für das Smartphone, das durch die Bundesregierung unterstützt wird. Sie soll helfen, die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen. Sie dokumentiert, wenn sich zwei Smartphones sich über einen bestimmten Zeitraum in der Nähe voneinander aufgehalten haben (und somit vermutlich ihre Besitzer). Außerdem können Menschen anonymisiert angeben, wenn sie einen positiven Corona-Test haben. So kann die App Menschen darüber informieren, falls Sie sich in der Nähe einer Corona-positiv getesteten Person befunden haben (sofern diese die Corona-Warn-App ebenfalls benutzt). Dies soll dabei helfen, Menschen vor einer möglichen Ansteckung zu warnen und Infektionsketten zu durchbrechen. Zusätzlich kann man in der App sein Impfzertifikat anzeigen lassen, sich über aktuelle Zahlen informieren oder sich bei Veranstaltungen registrieren.

Wo kann ich die Corona-Warn-App herunterladen?

Die Corona-Warn-App kann kostenlos in allen 27 Mitgliedsstaaten der EU im "App-Store" oder bei "Google-Play" heruntergeladen werden.

Muss die Corona-Warn-App dauerhaft geöffnet bleiben?

Die App muss in der aktuellen Ausführung nicht aktiv geöffnet werden, sondern kann auch im Hintergrund aktiv sein, um Risiko-Kontakte zu ermitteln.

Besonderes Lob für frühe Warn- und Nachverfolgungsfunktion

Tino Sorge
Tino Sorge (CDU) betrachtet die Corona-Warn-App insgesamt als Erfolg. Bildrechte: Tino Sorge

Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion und Abgeordneter aus Magdeburg, teilte MDR SACHSEN-ANHALT mit, die App habe den Kampf gegen die Pandemie erheblich unterstützt. Positiv hervorzuheben sei, dass "es gelungen ist, innerhalb kurzer Zeit ein international angesehenes Tool zu entwickeln, das einfach in der Anwendung ist und für eine große Zahl von Nutzerinnen und Nutzern bereitgestellt werden konnte."

Sie hat geholfen, zahlreiche Infektionsketten schnell zu unterbrechen. Vielen Menschen hat sie den Alltag über die Bereitstellung digitaler Test- und Impfzertifikate erheblich erleichtert.

Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU

IT-Expertin Bianca Kastl, die das Gesundheitsamt Bodensee berät, sagte dem MDR, die Corona-Warn-App sei inzwischen ein stabiler und guter Digitalbegleiter dieser Pandemie, der teilweise wichtige Funktionen übernommen habe, wenn Teststellen und Gesundheitsämter überlastet waren. Sie hebt besonders die schnellen Warnungen hervor.

Anfang 2021 war die Corona-Warn-App der einzige halbwegs verlässliche Weg, wie ein Test oder Risikowarnungen bei sehr hoher Fallzahl überhaupt an große Teile der Bevölkerung einigermaßen zeitnah gelangen konnten.

IT-Expertin Bianca Kastl

Anke Domscheit-Berg
Anke Domscheit-Berg (digitalpolitische Sprecherin für die Linke) sagt, die Corona-Warn-App habe insbesondere in der Durchbrechung von Infektionsketten wichtige Funktionen übernommen. Bildrechte: Kay Blaschke

Ähnlich äußerte sich Anke Domscheit-Berg, digitalpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. In einer bestimmten Phase der Pandemie sei es darum gegangen, schnellstmöglich Risikokontakte über eine potenzielle Infektion zu informieren, um die Pandemie beherrschbar zu halten. Dabei habe die App eine wichtige Rolle gespielt, die andere Behörden nicht allein hätten stemmen können.

Geschwindigkeit und Transparenz in gemeinschaftlicher Entwicklung

Den Erfolg der Corona-Warn-App verortet Thomas Renner, Leiter der Unterabteilung "Digitalisierung und Innovation" im Bundesgesundheitsministerium, in der gemeinschaftlichen Entwicklung der App, an der viele unterschiedliche Experten und Akteure mitgewirkt hätten.

Weiterhin hieß es vom Bundesgesundheitsministerium, die App habe die zentralen Erwartungen als Werkzeug im Kampf gegen die Pandemie erfüllt. Sie sei in einer hohen Geschwindigkeit von 50 Tagen realisiert worden. Dazu habe die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen verschiedenen Ämtern, Ministerien und insbesondere auch der Zivilbevökerung und des Chaos-Computer-Clubs (CCC) beigetragen.

Ein gelber Impfausweis sowie der digitale Impfpass in der Corona-Warn-App
Die Corona-Warn-App ist unter Mitwirkung vieler Beteiligter entwickelt und kritisch begleitet worden (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Die Corona-Warn-App sei das größte in Deutschland je umgesetzte Open-Source-Projekt im Auftrag der Bundesregierung. Die hohe Transparenz und öffentliche Einsehbarkeit des Programmcodes hätten zu einer guten Nutzerakzeptanz beigetragen und neue Maßstäbe für zukünftige Projekte gesetzt.

Anke Domscheit-Berg lobte: "Als öffentlich finanzierte Software gehört die App der Allgemeinheit. Die generierten Daten liegen wiederum nicht bei einem Unternehmen, sondern in öffentlicher Hand. Diesen Prozessgrundsatz würde ich mir auch für Entwicklungen in der öffentlichen Verwaltung wünschen."

Kritik an fehlender kontinuierlichen Entwicklung der App

Trotz eines insgesamt positiven Fazits hätte Bianca Kastl sich gewünscht, dass die App koninuierlicher weiterentwickelt worden wäre. Ihrer Meinung nach hätten Teststellen und PCR-Labore noch besser in den App eingebunden werden sollen. Zudem hätte die App nach ihrem Start besser begleitet werden sollen.

Letztlich hat die lange Untätigkeit nach dem Start Mitte 2020 zum Luca-Fiasko geführt.

Bianca Kastl, IT-Expertin

Anmerkung der Redaktion: Die Luca-App ist eine App, die besonders zu Beginn der Corona-Pandemie als Alternative zur Corona-Warn-App genutzt wurde. Viele Bundesländer waren Kooperationsverträge mit der Luca-App eingegangen. Die App sollte die Kontaktpersoneneverfolgung und Registrierung bei Veranstaltungen erleichtern. Die Verträge kosteten die Länder oft Millionen. Gleichzeitig hab es Kritik an der App, unter anderem wegen zu geringer Nutzungszahlen und Datenschutzbedenken.

Insgesamt habe sich einmal mehr gezeigt, dass eine gute App für die Gemeinschaft in einer Pandemie die Beteiligung vieler brauche: "Menschen, die sie nutzen, Menschen, die sie kritisch begleiten. Politik und Verwaltung sollten eigentlich gelernt haben, dass so ein Digitalprodukt der konstanten Betreuung und Weiterentwicklung bedarf. Allerdings fürchte ich, dass diese Erkenntnis bei Politik und Verwaltung nicht sehr lang anhält."

Tino Sorge (CDU) sagte dem MDR, eine noch effektivere Funktionsweise sei teilweise durch Datenschutzbedenken verhindert worden. "Wir werden uns auch in Zukunft immer wieder fragen müssen, wie sich Datenschutz und Gesundheitsschutz miteinander vereinbaren lassen."

App-Nutzung nach der Pandemie

Laut Thomas Renner vom Bundesgesundheitsministerium wird derzeit geprüft, ob und wie man die Corona-Warn-App nach der Pandemie nachnutzen könnte. Eine Weiterentwicklung von Funktionen und eine neue Nutzung seien denkbar, bräuchten aber auch politische Zustimmung und neue Ausschreibungen.

Tino Sorge (CDU) betonte, die App müsse als Anwendung auch künftig weiteren Support erhalten, um im Falle neuer Corona-Varianten einsatzbereit zu sein.

Auch aktuell wird die Corona-Warn-App noch weiterentwickelt. So können mittlerweile etwa die Impfzertifikate, die nach einem Jahr ablaufen, in der aktuellen Version mit wenigen Klicks verlängert werden. Laut Bundesgesundheitsministerium sind zudem zeitnah vereinfachte Export-Funktionen für die COVID-Zertifikate aus der Corona-Warn-App heraus in andere Apps vorgesehen.

Mehr zum Thema

MDR (Leonard Schubert, Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 16. Juni 2022 | 06:10 Uhr

4 Kommentare

Der Pegauer vor 14 Wochen

Ich hatte rein gefühlsmäßig von Anfang an etwas gegen diese Schnüffel-App. Deshalb hatte ich sie mir auch nicht heruntergeladen. Ich hatte mich mit dem Procedere auseinandergesetzt und festgestellt, dass man sich damit mehrfach selbst in die Quarantäne befördern sollte, wenn diese App vermehrt Rote Alarme bzw. Warnmeldungen absetzte. Außerdem gehöre ich nicht zu den Typen, die sich vor Angst ständig in die Hosen sch****n. Nur die Luca-App war mal eine Weile auf dem Smartphone drauf, weil man die in Bayern brauchte, um in eine Gaststätte oder in ein Museum zu gelangen. Anfang des Jahres auch wieder deinstalliert. Aber solche Dinge braucht eben der perfekte Überwachungsstaat und viele denken, sie tun etwas Gutes dabei.

kleiner.klaus77 vor 14 Wochen

Was soll das noch alles weder hat bzw. hatte die App je einen Mehrwert noch wird man, wie fast jeder Virologe mittlerweile anerkennt, eine Infektion langfristig verhindern können. Ich habe das Gefühl, viele wissen gar nicht mehr, wohin mit Ihrer Zeit, wenn sie nicht permanent Ihre Corona Angst pflegen können. Ich kann nur Empfehlen, diese Energie lieber in die Zuversicht zu investieren, diese würde unterm Strich in der Gesellschaft zu mehr führen als die mittlerweile unnötige Angststarre.

hilflos vor 14 Wochen

Ich als Experte muss einschätzen, daß alle Erwartungen voll erfüllt wurden. Etwas anderes kann man nicht erwarten

Mehr aus Panorama

Viele Rettungsssanitäter bei einer Übung mit vielen Verletzten auf einer Wiese 1 min
Azubis der Johanniter trainieren für den Ernstfall Bildrechte: MDR

Mehr aus Deutschland

Nachrichten

Ein Mitarbeiter in einem Schutzanzug hängt Würste auf. 3 min
Bildrechte: dpa
3 min 25.09.2022 | 09:45 Uhr

Die hohen Energiepreise bringen auch Kühlunternehmen und Lebensmittelproduzenten in Bedrängnis. Sie befürchten Produktionsstopps und fordern deswegen Hilfe der Bundesregierung.

MDR AKTUELL So 25.09.2022 09:06Uhr 03:29 min

Audio herunterladen [MP3 | 3,2 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 6,5 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/beste/energiekosten-lebensmittel-kuehlung-audio-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio