Milde Verläufe, wenige Todesfälle Was über Corona in Afrika bekannt ist

Rund 1,65 Millionen Corona-Infektionen wurden bisher auf dem afrikanischen Kontinent nachgewiesen. Die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich bislang nicht zu bestätigen. Fachleute haben verschiedene Erklärungen dafür.

Einem Kind wird vor dem Schuleintritt die Temperatur gemessen.
Einem Kind wird vor dem Schuleintritt die Temperatur gemessen. Bildrechte: dpa

Auch mehr als ein halbes Jahr nach Beginn der Coronavirus-Pandemie scheint der afrikanische Kontinent vergleichsweise verschont. Nach Daten der Johns-Hopkins-Universität wurden bis zum 18. Oktober insgesamt 1,65 Millionen Infektionen mit Sars-CoV-2 bestätigt. 39.748 Covid-19-Erkrankte starben. Zum Vergleich: In Europa sind allein für Spanien bisher rund eine Million Corona-Fälle und fast 34.000 Covid-19-Tote nachgewiesen, auch Frankreich kommt der Marke bereits nahe.

Unsichere Datenlage

In Afrika war die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen im Juli am höchsten: vom 13. bis 19. Juli wurden für den gesamten Kontinent 126.337 Neuinfektionen bestätigt. Nach einem deutlichen Rückgang steigen die Zahlen seit Ende September wieder etwas. Mit 67.484 neuen Fällen vergangene Woche sind die afrikanischen Länder aber weit von den rasant steigenden Infektionszahlen wie derzeit auch in Europa entfernt. Ebenso haben die Todeszahlen bisher nicht die befürchteten dramatischen Ausmaße angenommen und die Zahl der schweren Verläufe scheint deutlich niedriger als etwa in Europa.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
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Wir werden vielleicht gerade aus dem Hinterland in vielen Ländern Subsahara-Afrikas gar keine Meldezahlen bekommen - damit meine ich jemals.

Christian Drosten, Virologe im NDR

Allerdings sind die Zahlen aus Afrika auch mit Vorsicht zu genießen. Fachleute gehen von einer hohen Dunkelziffer aus - unter anderem, weil deutlich weniger Testkapazitäten vorhanden sind. So schilderte der Virologe Christian Drosten im NDR, dass in Kenia seit Beginn der Epidemie dort im März bis zum 10. August insgesamt 320.000 PCR-Tests gemacht wurden. Dies sei eine der höchsten Zahlen in einem Staat in Subsahara-Afrika. Auch in Südafrika, für das die Johns-Hopkins-Universität mit rund 705.000 Infektionen die meisten Fälle in Afrika auflistet, wurden pro einer Million Einwohner knapp 77.000 Tests durchgeführt. In Deutschland sind es fast 230.000 Tests pro einer Million Einwohner.

Dagegen war die Positivenquote in Kenia laut Drosten mit sieben bis acht Prozent sehr hoch. Dies deute auf ein insgesamt hohes Infektionsgeschehen. In Deutschland erreichte die Positivenquote nur im März und April Werte über sechs Prozent, fiel im Sommer teils deutlich unter ein Prozent und erreichte zuletzt 2,48 Prozent. Viele Erkenntnisse über Corona in afrikanischen Ländern beruhten zudem auf Daten aus den großen Städten, erklärte Drosten. Wie die Lage in ländlichen Regionen sei, sei dagegen kaum zu ermitteln.

Jüngere Bevölkerung, weniger Mobilität

Trotz der unsicheren Datenlage deutet aber vieles auf insgesamt mildere Verläufe bei einer Corona-Infektion in Afrika hin. Einen Grund dafür sehen Fachleute im jüngeren Altersschnitt. Dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zufolge sind in Afrika lediglich rund vier Prozent der Menschen 65 Jahre und älter. In Deutschland liegt der Anteil bei fast 18 Prozent. Mit zunehmendem Alter steigt aber auch das Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Covid-19-Erkrankung bis hin zum Tod. So rechnete der Virologe Christian Drosten kürzlich im NDR vor, dass in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen eine Corona-Infektion noch etwa so gefährlich sei wie eine Grippe. Bei der Altersgruppe von 45 bis 54 Jahren liege die Infektionssterblichkeit mit 0,2 Prozent etwas höher. Bei den 65- bis 74-Jährigen klettert der Wert demnach bereits auf 2,2 Prozent, bei den 75- bis 84-Jährigen sogar auf 7,3 Prozent.

Der jüngere Altersschnitt allein kann aber noch nicht die niedrigeren Todeszahlen für Afrika erklären. Wissenschaftler der Universität Dakar im Senegal und der Universität Leiden in den Niederlanden berechneten, dass der demografische Faktor eine viermal kleinere Sterberate in Afrika im Vergleich zu Europa oder den USA erklären könnte. Tatsächlich sei die Sterberate aber 40 Mal niedriger. Auch wenn Fachleute von einer hohen Dunkelziffer an Infektionen ausgehen, rechnet etwa Francisca Mutapi, Professorin für globale Gesundheitsinfektionen und Immunität an der Universität Edinburgh, mit mildernden Einflüssen durch die Lebensbedingungen in Afrika. So verbringe ein großer Teil der Bevölkerung viel Zeit im Freien, wo das Ansteckungsrisiko niedriger ist. Zudem sei der Kontinent weniger vernetzt und die Menschen weniger mobil als in Europa. Doch gerade hohes Reiseaufkommen hatte die Verbreitung von Corona in Europa beschleunigt.

Parasiten als große Unbekannte

Doch Wissenschaftler sehen noch andere Indizien, warum eine Corona-Infektion in afrikanischen Ländern tendenziell seltener zu schweren Verläufen führen könnte. Die Parasitologin Maria Yazdanbakhsh von der Universität Leiden sieht im Immunsystem einen entscheidenden Faktor. So seien Krankheiten wie Masern, Durchfallviren, Malaria oder Parasiten zwar für viele Menschen tödlich. Bei anderen trainierten sie aber das Immunsystem und könnten sich so mildernd auf eine Covid-19-Erkrankung auswirken.

Sars-CoV-2 führt bei manchen Menschen zu massiven Entzündungen, an denen die Leute sterben. Und diese Entzündungen könnten schwächer sein bei Menschen, die schon Parasiten hatten.

Maria Yazdanbakhsh im Deutschlandfunk

Die Parasitologin erhofft sich von aktueller Forschung in Afrika daher auch Erkenntnisse darüber, wie künftige Impfstoffe verbessert werden können.

Umgekehrt gehen Forscher davon aus, dass eine bestimmte Genvariante aus dem Neandertaler-Erbe für schwere Covid-19-Verläufe sorge. Diese Genvariante sei aber vor allem in Südasien und Europa verbreitet, in Afrika dagegen kaum.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2020 | 23:30 Uhr

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