Coronavirus "Diese Pandemie war vorhersehbar"

Das Robert Koch-Institut hat bereits 2012 eine Pandemie mit einem mutierten Coronavirus vorhergesagt, erklärt Andreas Michalsen, Professor für Naturheilkunde. Und das habe auch mit der Massentierhaltung zu tun.

Schweine schauen durch Gitterstäbe
Auch das Ebola-Virus, die Vogelgrippe H5N1, MERS und SARS-CoV-1 hatten zu tun "mit Tiermärkten, dem Handel von Wildtieren und Massentierhaltung", sagt Professor Michalsen. Bildrechte: Colourbox.de

Für viele Menschen kam die Pandemie sehr überraschend. Warum nicht für die Experten?

Professor Andreas Michalsen: Das Robert Koch-Institut hat schon 2012 in einer Risikoanalyse für den Deutschen Bundestag eine Pandemie mit einem mutierten Coronavirus verblüffend genau vorhergesagt. Bei der WHO gibt es seit Jahren Modellsimulationen, wie eine virale Pandemie die Welt in Gefahr bringt. Und in der Fachzeitschrift "Viruses" schrieben Yi Fan und Mitarbeiter vom virologischen Institut in Wuhan, dem Ort, an dem die COVID-19-Pandemie anscheinend ihren Anfang nahm, dass SARS- oder MERS-ähnliche Coronaviren mit großer Wahrscheinlichkeit zu neuen Ausbrüchen führen werden. Vermutlich ausgehend von China.

Wie kommen die Wissenschaftler zu dieser Einschätzung?

Professor Andreas Michalsen: Infektionserkrankungen, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden, nehmen seit Jahrzehnten zu. Schon 2004 stellte die medizinische Fachzeitschrift Lancet fest, dass offensichtlich alle neuen Infektionserkrankungen der letzten 20 Jahre vom Tier stammten, und die massive Ausbreitung vor allem dann droht, wenn die Tiere domestiziert sind und intensiv gehalten werden. Solange der Kontakt zum Menschen nur gelegentlich erfolgt, ist alles gut. Die Tuberkulose stammte von Ziegen und Rindern, die Masern von Schafen und Ziegen, oder Pocken von Kamelen, Keuchhusten und Influenza von Schweinen, Typhus von Hühnern, Influenza von Enten. Und auch Bakterien wie Helicobacter pylori stammen vom Tier, von der Schafsmilch. Gleichzeitig sorgt der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung für eine wachsende Ausbreitung multiresistenter Keime.

Prof. Dr. Andreas Michalsen lächelt in die Kamera
Andreas Michalsen ist Professor für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus der Charité in Berlin. Bildrechte: Immanuel Krankenhaus Berlin/Anja Lehmann

Massentierhaltung ist also eine Ursache für Pandemien?

Professor Andreas Michalsen: Ja, sie ist ein Grund von vielen und sie hängt auch mit dem Wachstum der Weltbevölkerung zusammen, das immer mehr Natur und damit Lebensräume von Tieren zerstört und zur Abnahme der Artenvielfalt führt. Tiere und deren Viren müssen sich an die neuen Lebensbedingungen anpassen, das führt zu einem Mutationsdruck auf die Erreger. Solange die Welt immer mehr Fleisch essen will, dafür – und für die wachsende Verstädterung – Wälder rodet, wird sich die Lage immer mehr zuspitzen. Immer mehr Tiere konzentrieren sich auf immer weniger Raum. Wir haben bei der Corona-Pandemie gelernt, dass Abstand und Lockdown das Wichtigste sind, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten. Diesen Prinzipien widerspricht zum Beispiel die Massentierhaltung komplett. Die Tiere werden zu Tausenden zusammengepfercht, arbeitsteilig "produziert" und immer wieder über weite Strecken transportiert. Die meisten der bedrohlichen neuen Viruserkrankungen der letzten Jahrzehnte hatten mit Tiermärkten, dem Handel von Wildtieren und Massentierhaltung  zu tun. Das gilt für das Ebola-Virus, die Vogelgrippe H5N1, MERS, SARS-CoV-1 und jetzt COVID-19.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. Januar 2021 | 21:00 Uhr

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