Autogeschichte So kamen Westautos in die DDR

1977 schloss die DDR einen Deal mit VW ab - schon 1978 lieferte der Konzern VW Golf in die DDR. 1981 bestellte die DDR in Japan Mazdas. Bezahlt wurde jeweils nicht mit Devisen - sondern in Waren.

"Hier ist das Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau: 10.000 Golf L sollen vom nächsten Jahr an die innerdeutsche Grenze überfahren. Ostberlin bezahlt nicht bar, sondern im Gegengeschäft mit eigenen Waren", wurde am 4. Dezember 1977 in der "Tagesschau" im Fernsehen der BRD vermeldet. Diese doch außergewöhnliche Nachricht war auch für die Bürger der DDR neu. Schon am 13. Januar rollte der erste Zug mit den georderten VW-Golf über die Grenze Richtung Ost-Berlin.

Im Tausch lieferte die DDR wiederum Maschinen und Spezialwerkzeuge für die Autoproduktion. Auch das in Wolfsburg gebaute Planetarium gehörte zum deutsch-deutschen Deal: DDR-Arbeiter haben die zu den "Tausch-Naturalien" gehörende Kuppel errichtet, Ingenieure aus der DDR die vom VEB Carl-Zeiss Jena gefertigten Instrumente eingebaut.

Der VW Golf auch für DDR-Bürger

Für 35.000 DDR-Mark sollten die Golf L für die Bürger der DDR zu haben sein. "Das Problem war, dass Honecker damit konfrontiert wurde, gesagt zu haben, einen Volkswagen auch für die Arbeiter zu liefern und nicht nur für die Millionäre der DDR", erinnert sich Dr. Siegfried Brückner. Er war damals der Direktor der DDR-Außenhandelsfirma Transinter und maßgeblich an dem VW Geschäft beteiligt.

Die DDR-Führung sah sich so gezwungen, den Preis zu senken. Höchstens 26.000 Ost-Mark sollte ein neuer Golf dann noch kosten. Jürgen Weigel aus Großenhain in Sachsen konnte 1978 so einen Import-Golf für DDR Mark ergattern. Bis heute ist sein fahrbarer Untersatz in Schuss. "Das war Wahnsinn", beschreibt er heute das Gefühl, so ein Auto kaufen und lenken zu können.

VW Golf
Dieser historische "Import-Golf" steht heute in Großenhain in Sachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den VW-Konzern sollte die Lieferung der 10.000 Golf der Auftakt für noch größere Geschäfte mit der DDR sein. Doch diese zögerte aus unbekannten Gründen mit einer Nachbestellung.

Japan liefert 10.000 Mazda

Vier Jahre später fädelte die DDR einen Deal mit Japan ein. Auch hier ging es um den Import von Autos. Den erfolgreichen Vertragsabschluss hatte Außenhändler Alexander Schalck-Golodkowski der DDR-Führung bereits vermelden können, bevor Erich Honecker dann im Juli 1981 beim Staatsbesuch vor Ort glanzvoll empfangen wurde. Auch hier wurden 10.000 Pkw für das DDR-Volk bestellt: Pro Wagen des Modells Mazda 323 wurden 7.678 DM auf den Tisch gelegt. Bezahlt wurde auch diesmal nicht mit Devisen, sondern mit Waren und Maschinen. Rund 25.000 DDR-Mark kostete das Auto dann in der DDR.

Mazda
Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h war der Mazda flott im DDR-Verkehr unterwegs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

VW über Geschäfte mit Japan "sehr verärgert"

In der Konzernzentrale von Volkswagen habe man die Geschäfte der DDR mit der japanischen Konkurrenz mit Argwohn beobachtet, sagt Björn Herrmann, Autor von "Westautos in der DDR". Das habe für Ärger bis in die höchsten Ebenen geführt. "Da bekamen auch die DDR-Führung, beziehungsweise der DDR-Außenhandel, sehr deutlich aus der Führungsetage von VW mitgeteilt, dass es keine gute Idee sei, Japaner ins Land zu holen." Der VW Golf sei dann kurzfristig aus sämtlichen Angeboten der DDR verschwunden. In einem Dokument über den Anruf eines VW-Vorstandes mit der DDR heißt es, der Manager sei "sehr verärgert“ gewesen.

Björn Herrmann, Autor Westautos in der DDR  Umschau
Björn Herrmann ist der Autor des Buches "Westautos in der DDR". Bildrechte: Bavaria Entertainment GmbH

Neuauflage des deutsch-deutschen Autodeals

1982 kam es zum Führungs- und damit auch Richtungswechsel bei VW. Der gebürtige Chemnitzer Carl Hahn übernahm die Vorstandsleitung und wollte die Geschäfte mit der DDR wieder vorantreiben. Schon wegen der Grenznähe habe hier ein natürliches Interesse bestanden, "auch aus Brüderlichkeit", sagt Hahn. Der Kontakt wurde wieder gefestigt. Bis 1990 lieferte VW insgesamt etwa 30.000 Fahrzeuge in die DDR.

Vertrieben wurden die Fahrzeuge vor allem gegen Valuta über den Geschenkedienst Genex. Zu einem Bestseller entwickelte sich hier der Golf 2, der im Genex-Katalog von 1986 ab 21.368 D-Mark angeboten wurde. Auch der VW Passat wurde in das Programm aufgenommen - er war mit einem Kaufpreis von rund 35.000 DM der teuerste Pkw im Katalog. Allerdings gab es davon auch nur 250 in der DDR.

Prof. Dr. Carl Hahn
Prof. Dr. Carl Hahn war von 1982 bis 1993 Vorstandsvorsitzender der VW AG. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

VW lässt ab 1988 auch in der DDR produzieren

Bei Volkswagen war man interessiert daran, möglichst viele Autos in die DDR zu verkaufen. Der Konzern hatte aber auch Pläne, dort zu produzieren. 1984 lieferte der Wolfsburger Konzern eine gebrauchte Fertigungsanlage für Motoren in die DDR. In der Nähe der IFA Hauptverwaltung - im damaligen Karl-Marx-Stadt - sollten VW-Vierzyliner-Motoren hergestellt werden, auch für den Trabant. 1988 startete die Serienproduktion für VW-Motoren. Doch das Projekt stand unter keinem guten Stern. "Wir ahnten damals noch nicht, was für Probleme IFA und schon gar nicht, was für Probleme die DDR hatte", sagt Carl Hahn. "Die DDR war vielfach nicht mehr in der Lage - trotz ihrer großen industriellen Tradition -  Teile zu produzieren für einen modernen Motor, ohne Know how vom Ausland zu kaufen.“

Das Projekt stellte wichtige Weichen für die Zukunft in der Region: Im September 1990 wurde in Mosel der Grundstein für ein neues Volkswagenwerk gelegt. Und heute ist VW mit knapp 10.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in Sachsen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 17. November 2020 | 20:15 Uhr

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