Demografischer Wandel Umgang mit Überalterung im Osten

In einigen Städten in Mitteldeutschland liegt der Anteil der Ü-65-Jährigen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Was tun gegen die Überalterung? Mancherorts feilt man am Image, um junge Menschen anzulocken.

Plattenbauten, aufgenommen in Stendal
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Jens Krause bleibt gelassen, wenn es um die Altersstruktur in Dessau-Roßlau geht. Er ist der Beigeordnete für Gesundheit, Soziales und Bildung der Stadt und sagt: "Wir sind schon eine der ältesten Städte, aber das ist für uns als Stadt jetzt auch nicht weiter schlimm. Wir sind da in gutem Reigen mit allen anderen Gemeinden und Städten im gesamten Osten der Republik sozusagen."

Der Anteil der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, liegt in Dessau-Roßlau nach den Zahlen des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt gerade bei rund 32 Prozent. Im Bundesdurchschnitt sind es dagegen nur 22 Prozent.

Junge Familie beim Informationsgespräch 30 min
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Junge Menschen anlocken

Natürlich wolle man junge Menschen anlocken und zum Bleiben bewegen, durch attraktive Arbeitsplätze, die Hochschule, Bauplätze für Familien, sagt Jens Krause. Alt und Jung, das geht aus seiner Sicht prima zusammen: "Wenn ich die Seniorengerechtigkeit im Straßenverkehr angucke, dann ist die auch allemal gut für junge Mütter mit Kinderwagen beispielsweise. Das sehen wir schon sehr praktisch in dieser Stadt und dem gehen wir auch nach."

Wichtig ist Krause vor allem: Das Stadtbild sei mitnichten von gebrechlichen Alten geprägt. Ein überholtes Bild, sagt auch Gabi Troeger-Weiß. Sie hat den Lehrstuhl für Regionalentwicklung und Raumordnung an der TU Kaiserslautern inne. Viele Ältere, das müsse nicht per se negativ sein: "Es ist so, dass diese Menschen häufig gesund ins Alter gehen können. Dass manche eben auch oder doch relativ viele über eine gute Ausbildung verfügt haben, das ist anders als bei der Nachkriegsgeneration. Oder eben auch durchaus ganz interessante Einkommenssituationen haben."

Impulse der älteren Generation

Gabi Troeger-Weiß erklärt, dass die ältere Generation auch Impulse und interessante Anregungen für die regionale Entwicklung geben könne. Zum Beispiel, indem sie sich in Ehrenämter einbringe. Oder die Wirtschaft stärken, weil sie mobil sind, einkaufen gehen, reisen – im Alter vielleicht extra zurück in kleine, zentrumsnahe Wohnungen ziehen.

Wie man junge Menschen in Kommunen jenseits der Metropolen halten könne, darüber weiß die Forschung noch wenig, sagt Troeger-Weiß, außer: "Ein wesentlicher Punkt ist das Thema Image."

Eine Image-Frage

An genau dem arbeitet auch Marco Müller, so gut er kann. Er ist Oberbürgermeister im sächsischen Riesa. Rund 35 Prozent der fast 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind laut Statistischem Landesamt 65 Jahre und älter. Riesa wird bald Hochschulstandort, Schulen werden saniert, die Innenstadt verschönert, Bauplätze geschaffen. Marco Müller wirbt auch für das Sport- und Kulturangebot seiner Stadt.

Denn er würde gerne junge Menschen anlocken, die sich Leipzig oder Dresden bald vielleicht nicht mehr leisten können: "Deshalb wollen wir Riesa auch nachhaltig, urban und schick aufstellen. Unser Image verbessern. Mehr unsere blaue Seite herauszuarbeiten, nämlich Stadt am Fluss zu sein. Da wollen wir mehr Lebensqualität hinbringen, Aufenthaltsqualität erhöhen und viel mehr Leben soll sich dort abspielen." Auch Marco Müller möchte den demografischen Wandel als Chance verstehen.

Quelle: MDR / Raja Kraus

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. Juni 2021 | 06:57 Uhr

16 Kommentare

Eulenspiegel vor 22 Wochen

Und ich frage mich wo sind eigentlich die Leute im Osten die das ganze nicht lautstark bejammern sonder das ganze auch als eine Chance begreifen.
Auch das ist ein Aspekt der Freiheit das man sein Leben und seine Zukunft selber in die Hand nimmt und nicht darauf wartet das irgendjemand anderes was tut.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 22 Wochen

Im Jahr 2010 bin ich wieder zurück nach Thüringen gekommen,
nachdem ich Jahre zuvor meine Brötchen in Nürnberg verdienen
musste.

Bei meiner Rückkehr fand ich teile des Ostens ( geistig und kulturell und
sicherheitstechnisch und medizinversorgungstechnisch ) im völlig maroden
Zustand vor ! Bei meiner Ankunft am Arnstädter Hauptbahnhof heulten die Sirenen - nicht vor Freude über meine Rückkehr zu meiner Begrüßung,
sondern weil das einzige Kino der Stadt ausbrannte...

Die Jahre danach waren die Hölle ! Keine gönnte dem anderen etwas !
Meine Existenzneugründungen wurden massivst behindert ! Angezeigte Straftaten nicht weiter verfolgt...

Heute bin ich noch immer sehr froh, wenn ich wieder zurück in Nürnberg sein darf - um durchzuatmen ! Macht Euch doch das Leben im Osten schön
und macht es Euch nicht unnütz schwer mit all Eurer Hartherzigkeit und Unfreundlichkeit und mit Eurer Verbissenheit ...!

Bernd1951 vor 22 Wochen

Hallo DER Beobachter,
"Das wirft dann freilich die Frage auf, warum hat sich der Ostdeutsche in den 90ern so gebeugt,"
Es tut mir leid, aber wer solche Fragen stellt, hat von den Verhältnissen im Osten Anfang der 90-er Jahre keine Ahnung. Da fallen mir nur die Worte von Uwe Steimle ein: "Sie haben keine Ahnung und das erklären sie uns".
Die Bevölkerung Sachsens hat in den Landtagswahlen 1990 mit 53,8%, 1994 mit 58,1%, und 1999 mit 56,9% der Partei des größten Bundeskanzlers aller Zeiten zu einer absoluten Mehrheit verholfen. (Zahlen nach Wikipedia Landtagswahlen Sachsen). Also am fehlenden Wählerwillen kann es m. E. nicht gelegen haben. Die Frage ist doch nur, was hat die CDU in Sachsen aus diesem jahrelangen Vertrauensvorschuss gemacht.
Und an einer großen Anzahl an überaus fähigen Beamten, die uns völlig uneigennützig aus dem Westen zu Hilfe eilten, um einen funktionsfähigen Verwaltungsapparat nach dem Vorbild der "alten" Bundesrepublik aufzubauen, hat es ja auch nicht gefehlt.

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