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Als digitaler Forensiker hat Dirk Labudde schon Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg verifiziert. Bildrechte: MDR / Hochschule Mittweida

Professor für digitale ForensikLabudde: Öffentlichkeit hat Fall Gil Ofarim nicht gut getan

von Alexander Nette, MDR AKTUELL

Stand: 27. Mai 2022, 10:00 Uhr

Sei es in der Verifikation von Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg oder im Fall Gil Ofarim: Dirk Labudde ist digitaler Forensiker und sichert Spuren abseits des Analogen. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit, an welchen Fällen er mitgewirkt hat und wie die Verbrechensbekämpfung besser werden sollte.

Was versteht man unter digitaler Forensik?

Labudde: Digitale Forensik meint das Suchen, Sichern und Analysieren von digitalen Daten, die dann zu Spuren werden. Gibt es da Spuren oder Daten, die mit einer kriminellen Handlung im Zusammenhang stehen? Das ist die Frage, der man in der digitalen Forensik nachgeht.

Welchen Gewinn bringt die digitale Forensik im Vergleich zur klassischen Forensik?

Labudde: Man muss sie zusammenlegen. Es gibt kein einziges Verbrechen, zumindest ist mir keines bekannt, in dem es nur analoge Spuren oder nur digitale Spuren gibt. Gerade in dem Zusammenlegen hat man einen unglaublichen Mehrwert. Jeder hat eigentlich ein Smartphone, daraus kann ich Kommunikation nachlesen oder analysieren. Ich kann mir GPS-Koordinaten angucken oder sogar das E-Mail-Programm dort durchsuchen. Ich kann dann mit Techniken gucken, in welches WLAN er sich eingewählt hat. All das ist eben möglich. Durch unsere persönlichen digitalen Devises nehmen wir an der realen Welt wieder teil. Das sind wichtige Bestandteile bei einer möglichen Verbrechensaufklärung.

Die Leipziger Staatsanwaltschaft hat Sie beauftragt, im Fall Gil Ofarim ein Gutachten zu erstellen. Dürfen Sie etwas von dieser Arbeit erzählen? Was war besonders herausragend, was besonders schwierig? Können Sie einige Methoden erläutern?

Labudde: Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Wenn man jetzt darüber reden würde, dann würde man den einen oder anderen Beweis, auf gut Deutsch gesagt, verbrennen. Die Arbeit von unserem Gutachten wäre dann hinfällig. Die politische Brisanz in dem Fall war eine große Herausforderung. Ich finde es ganz schön traurig, dass es erst eine Anti-Vorverurteilung, dann eine Vorverurteilung und viele Stimmen im Hintergrund gab. Die Öffentlichkeit hat diesem Verfahren auch nicht gut getan, weder dem Opfer noch dem Täter oder auch der Ermittlung an sich.

Was ich immer nicht verstehen kann, ist, warum gelangen eigentlich Asservate, in diesem Fall Videos, so schnell an die Öffentlichkeit. Und warum meldet sich dann jeder noch zu Wort? Jeder weiß es irgendwie besser. Das tut einem Verfahren nicht gut. Wir waren in dem Fall mit Videoauswertung und inhaltlicher Begutachtung beschäftigt.

Jeder weiß es irgendwie besser. Das tut einem Verfahren nicht gut.

Dirk Labudde | Professor für Forensik, Hochschule Mittweida

Die Deutsche Welle hat Sie beauftragt, im Ukraine-Krieg Videos auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wie haben Sie das gemacht? Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Labudde: Die große Frage war, ob in Butscha, lebende Personen als Leichen deklariert wurden. Als Laie hat man vermeintlich gesehen, dass sich ein Körper bewegt. Wir haben uns gefragt, warum dieser Effekt zustande kommt. Es wurde in den Rückspiegel eines KFZ gefilmt, der ist gebogen und es gibt auch eine leichte Bewegung des Fahrzeugs. Aus diesen ganzen Reflexionen heraus hat sich dann scheinbar die Leiche bewegt. Das konnten wir aber herausrechnen und auch zeigen, dass es eben durch die Krümmung und das Fahrverhalten des Pkws war. Es hat geregnet, die Wassertropfen auf der Frontscheibe haben dann ebenfalls solche Effekte hervorgerufen. Auch das konnten wir dann Bild für Bild nachweisen. Wir nehmen ein Video, zerlegen das in Einzelbilder und gucken uns dann einzelne Ausschnitte dieses Einzelbildes genauer an und versuchen dann so eine Art Bewegung, einzelne Objekte von irgendwas zu bestimmen. Das haben wir eben bei dieser Videoanalyse gemacht und sind zu dem eindeutigen Schluss gekommen, dass es also weder gefakt war, noch, dass die toten Körper lebendig waren.

Aus diesen ganzen Reflexionen heraus, hat sich dann scheinbar die Leiche bewegt. Das konnten wir aber herausrechnen.

Dirk Labudde | Professor für Forensik, Hochschule Mittweida

Gab es im Kontext des Ukraine-Krieges noch andere Fälle, an denen Sie gearbeitet haben?

Labudde: Nein. Wir haben mal gemeinsam überlegt, ob Deutschland auch ein Team zusammenstellen sollte, was dann in der Ukraine zu Einsatz kommt. Da gab es aber keine Resonanz drauf. Das war eine Idee, die wir hatten, um auch forensisch exakt Tatorte zu sichern und zu dokumentieren, um daraus eine ganz sichere Anklage und eben auch eine sichere Verurteilung zu ermöglichen.

Wo liegen die Grenzen der Software, mit denen Sie arbeiten. Wie zuverlässig sind Aussagen, die mithilfe digital-forensischer Methoden gewonnen werden können?

Labudde: Jede wissenschaftliche Methodik hat Grenzen. Man kann mit einem normalen Lineal auch nur im Millimeterbereich exakt messen, also nicht kleiner. Das gilt auch für Bildverbesserungssoftware. Gerade im forensischen Bereich ist es ganz wichtig, darauf zu achten, dass man keine neuen Informationen in die Aufbereitung von Bildern hineinsteckt. Es gibt Super Resolution, also intelligente Systeme, die das Bild schärfer machen. Das sind Verfahren, die man ganz exakt beobachten muss, weil sonst würde man also Objekte künstlich einfügen, die es in der Realität nicht gab. Das wäre nicht zielführend. Nur in dem Rahmen, wo wir die Software verstehen, nutzen wir sie dann auch für die Erstellung von Gutachten oder für die Analyse von Spuren.

Wir müssen besser bei der Ausstattung, bei den Fähigkeiten gerade bei der Polizei werden.

Dirk Labudde | Professor für Forensik, Hochschule Mittweida

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da in der digitalen Forensik?

Labudde: Ich denke, wir sind nicht die letzten, aber auch nicht die ersten. Wir sind irgendwo dazwischen. Wir müssen besser bei der Ausstattung, bei den Fähigkeiten gerade bei der Polizei werden. Das beginnt mit der Anzeigenaufnahme und der Sicherung von Spuren. Wir brauchen ein Konzept für digitale Ersteinschreiter. Das sind die, die dann als erstes in die Wohnung kommen. Da brauchen wir spezielle Schulungsprogramme. Deutschland ist auf einem guten Weg. Wir haben wirklich Super-Experten, aber noch zu wenige. Sie müssen ihr Wissen mehr streuen und teilen und dann sind wir ganz sicher auch im oberen Teil des ersten Drittels am Ende zu finden.

Dieses Thema im Programm:MDR um 4 | 24. Mai 2022 | 16:30 Uhr

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