Ecstasy, LSD und Co. Drogenmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen und die Folgen

Kinder, die schon früh harte Drogen nehmen, haben häufig mit psychischen Problemen oder sogar Persönlichkeitsstörungen zu kämpfen. Jenny aus Dresden ist eine davon. Therapeutinnen und Therapeuten müssen bei solchen Fällen vom Jugendamt einbezogen werden, sagt der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden.

Kiffen mit neun, Ecstasy mit zehn – Jenny, die eigentlich anders heißt, kam schon sehr früh mit harten Drogen in Kontakt. Obwohl Jenny noch sehr jung war, mehr Kind als Jugendliche, gehört sie schon bald zur Drogenszene in ihrem Viertel. Sie konsumiert, dealt, geht nicht mehr zur Schule.

Die Folgen des Drogenkonsums

Jenny sitzt in der Klinik
Jenny soll anonym bleiben. Ihr Name wurde deshalb im Beitrag geändert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Drogen verändern sie: Sie wird depressiv und aggressiv. Mit akuten Vergiftungssymptomen wird sie in die Klinik der Kinder-und Jugend Psychiatrie in Dresden eingewiesen. Seit Oktober letzten Jahres ist sie hier Patientin. In der Psychiatrie wird sie wegen der Folgen des langen Drogenkonsums behandelt. Die Einweisung kam in letzter Minute, meint Psychiaterin Yulia Golup:

Die Aufnahme war bei akuter Intoxikation. Dazu kam, dass sie eine Katexie hatte, das heißt sie hat so wenig gegessen und getrunken, dass sie im Gewicht so abgefallen ist, dass es schon ein lebensbedrohlicher Zustand war, was die Herzfunktion und die Funktion von anderen Organen betrifft.

Golup meint, dass sich der Zustand von Jenny über die Jahre extrem verschlechtert hat. Sie sagt, man habe viel Zeit verloren, in der Jenny hätte Hilfe bekommen können.

Jugendamt, Milieu und Überforderung

Hilfe zu bekommen, das hat der Vater von Jenny versucht. Er wandte sich ans Jugendamt. Doch geeignete Maßnahmen, um das Mädchen aus dem Milieu zu lösen, findet die Behörde über Jahre nicht. Zeitweise setzt das Amt auch auf die Hilfe von Frau Marion Dubsky; sie ist die Oma von Jenny. Mit ihrer Enkelin, die immer wieder wegläuft, ist sie jedoch überfordert.

Sie habe schlimme Bilder im Kopf gehabt und Jennys Kumpels gebeten, ihre Enkelin zu suchen, sagt sie im Gespräch mit MDR Exakt. Sie habe Angst um Jenny gehabt.

Die Jugendhilfemaßnahme "Oma" scheitert – und auch alle weiteren Versuche des Jugendamts erreichen Jenny nicht: keine Familientherapeutin, keine Sozialarbeiterin vor Ort. Einen Aufenthalt in einer WG für Jugendliche mit Drogenproblemen bricht Jenny ab.

Keine Hilfe für Jenny – Fehler des Systems?

Enrico Birkner vom Dresdener Jugendamt beantwortet die Frage, warum es nicht möglich war, Jenny zu helfen, mit den Grenzen der Jugendhilfe:

Vertreter des Jugendamts in Dresden
Enrico Birkner vom Jugendamt Dresden sagt, es habe viele Angebote und Kontaktversuche bei Jenny gegeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fehler liegt aber vor allem darin, dass Jugendhilfe eben nur pädagogisch wirkt und Pädagogik wirkt durch Einsicht. Wenn der junge Mensch nicht will, dann können wir nichts oder nur wenig tun. Wenn ich mir anschaue, wie viele Kontaktversuche es gab, wie viele Angebote es gab, ist es am Ende an der sehr hohen Beweglichkeit der Klientin gescheitert.

Unterdessen wurde die mittlerweile 16-jährige junge Frau schwanger. Ihre Probleme werden größer und drängender. Sie trinkt während der Schwangerschaft Alkohol, andere Drogen habe sie "nicht wirklich" genommen, sagt sie. Da Gefahr für Mutter und Kind besteht, muss die Schwangerschaft unterbrochen werden. Jenny kommt wieder in die Psychiatrie, das dritte Mal in zwei Jahren.

Politik in der Pflicht: Zusammenarbeit von Jugendamt und Therapeuten

Dieses Muster erkennt Veit Roessner immer wieder. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden erlebt seine Rolle und die seiner Kolleginnen und Kollegen immer mehr als eine Art "Sondereinsatzkommando": wenn es gefährlich wird, sollen die Ärztinnen und Ärzte retten, nach der Klinikentlassung haben sie aber kaum noch Mitspracherechte.

Veit Roessner, Klinikdirektor für Kinder-und Jugendpsychiatrie
Veit Roessner, Klinikdirektor für Kinder-und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das ist deutschlandweit ein Riesenproblem. Auch meine Kollegen und Kolleginnen an anderen Standorten sehen sich da einer zunehmenden Flut von Patienten ausgesetzt und fühlen sich auch zunehmend hilflos, weil gerade hier eine engere Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Jugendhilfeplanung und auch ein bisschen der Politik allgemein und der Kinder- und Jugendpsychiatrie notwendig wäre", sagt er.

Sein Vorwurf: wenn es psychiatrische Probleme bei Jugendlichen gibt, müssen die Therapeutinnen und Therapeuten in die Jugendhilfeplanung einbezogen werden. Das findet aber kaum statt. Im Fall von Jenny wäre gleich im Anschluss an eine erfolgreiche Therapie dringend eine Wohngruppe nötig gewesen, in der neben Pädagoginnen und Pädagogen auch Psychotherapeutinnen und -therapeuten arbeiten.

Enrico Birkner vom Dresdener Jugendamt bejaht, dass es eine große Lücke gebe, was solche Angebote in Dresden und außerhalb angeht. Es fehle die Infrastruktur: "Ja, es fehlen Angebote, die stationär den Übergang von Klinik in die Jugendhilfe begleiten."

Jugendhilfeeinrichtung "Leppermühle" in Hessen

Tatsächlich gibt es solche Jugendhilfeeinrichtungen nicht häufig in Deutschland. Eine Einrichtung findet MDR Exakt in Hessen: die "Leppermühle", die von der Diakonie betrieben wird. Mehr als 200 Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland, die an Depressionen, Angststörungen, Autismus und Zwängen leiden oder die die Schule verweigern, werden hier in Wohngemeinschaften betreut. Es gibt Schulunterricht, Sporttherapie, Arbeitstraining, Reittherapie und mehr.

Einzelfallbesprechung an einem großen Tisch
Einzelfallbesprechung in der "Leppermühle" in Hessen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Besondere ist die enge Zusammenarbeit aller Professionen: "In einer Wohngruppe wohnen fünf bis zehn junge Menschen, die werden betreut von einem festen Betreuerteam, das sind vier, fünf pädagogische Fachkräfte, ein Therapeut oder ein Arzt", erklärt Katarina Müller, Leiterin der Psychiatrie. Wöchentlich beraten hier alle Betreuerinnen und Betreuer über jeden Einzelfall der psychisch gestörten Jugendlichen, um dauerhaft eine Veränderung zu erreichen. Eine erfolgreiche Therapie in der "Leppermühle" dauert auch hier meist viele Jahre.

Therapiefortschritte bei Jenny

Auch bei Jenny scheint Hilfe gefunden worden zu sein: Die letzte Psychotherapie in der Klinik war erfolgreich und sie bekommt einen Platz in einer geeigneten Jugendhilfeeinrichtung. Dieses Mal ist das Jugendamt den Empfehlungen der Ärztinnen und Ärzte gefolgt.

Jenny steht mit dem Rücken zur Kamera
Jenny soll nun die Hilfe bekommen, die sie braucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie sagt über ihren Fortschritt: "Ich habe gemerkt, umso mehr ich da drinnen war und andere Leute kennen gelernt habe, wie sehr versaut ich eigentlich war und wie sehr mich die chemischen Drogen kaputt gemacht haben. Außerdem habe ich extremen Respekt davor, zu sterben."

Suchthilfe in Deutschland Wenn Sie selbst oder ein Familienmitglied, ein Freund, eine Freundin oder Bekannte Probleme mit Sucht haben und Sie Hilfestellen suchen, werden Ihnen über die Online-Suchfunktion der Deutschen Suchthilfe (DHS) Hilfeangebote in Ihrer Nähe angezeigt: https://www.dhs.de/suchthilfe

Hilfetelefon für Kinder und Jugendliche
Telefonnummer: 116 111
Montags bis Samstags von 14 bis 20 Uhr und
Montags/Mittwochs/Donnerstags von 10-12 Uhr
https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 24. Februar 2021 | 20:15 Uhr

Ein Angebot von

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland