Hörer machen Programm Wie soll ein Entzug funktionieren, wenn es Drogen in der Klinik gibt?

Drogensucht ist in Deutschland ein Problem. Studien zufolge sind mehr als 300.000 Menschen abhängig von Cannabis, Zehntausende sind süchtig nach anderen Drogen wie Heroin oder Crystal Meth. Wer von dieser Sucht wegkommen will, schafft das oftmals nicht allein, sondern ist auf die Hilfe von Suchtkliniken angewiesen. Dazu fragt sich ein Hörer von MDR AKTUELL, der anonym bleiben möchte, wie eine Entgiftung funktionieren kann, wenn die Station offen ist und dort stellenweise Drogen im Umlauf sind.

Crystal Meth
Die Droge Crystal Meth, die Teile Ostdeutschlands regelrecht überschwemmt, gilt unter anderem wegen ihres hohen Suchtpotentials als eine der gefährlichsten Drogen unserer Zeit. Bildrechte: imago images / Christian Ohde

Udo Polzer läuft über den Flur der Suchtstation im Klinikum Stadtroda. Er ist Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie, die aussieht wie ein gewöhnliches Krankenhaus: Linoleum-Boden, vom Flur aus kommt man in die Patientenzimmer mit Bett, Badezimmer und Schränken. 40 Betten gibt es für die Menschen, die von ihrer Sucht loskommen wollen, jeweils 20 für Alkoholabhängige und 20 für illegale Drogen.

Ein großes Problem sei hier im Saale-Holzland-Kreis die Droge Crystal Meth, sagt Polzer: "Cannabis auch, eher selten Heroin. Und Kokain ganz selten. Also das große Problem der Abhängigkeit ist hier die Crystal-Abhängigkeit und das zieht sich mitunter durch die Familie, dass Vater, Mutter, alle crystalabhängig sind."

Entzug mit körperlichen Folgen

Die 40 Betten für die Entgiftungen seien im Grunde permanent belegt, fügt Polzer hinzu. Hier in Stadtroda wird auch die sogenannte Entgiftung durchgeführt, eine Behandlung, die 21 bis 28 Tage dauert: "Wenn wir auf Crystal eingehen, ist es so, dass da anfänglich körperliche Schweißausbrüche, Unruhe, Getriebenheit, Schlafstörungen auftreten und das versuchen wir, medikamentös zu behandeln. Das größere Problem ist da häufig der Wunsch, diese Substanz zu konsumieren. Das versuchen wir, mit Psychopharmaka zu reduzieren oder aber, indem man mit den Patienten Verhaltensstrategien versucht zu erlernen, wie der innere massive Wunsch, ich muss jetzt was zu mir nehmen, abgefangen werden kann."

Patienten müssen wollen

Für die Entgiftung gilt: Sie ist freiwillig. Die Patientinnen und Patienten empfangen Besuch und können sich nach einigen Tagen frei auf dem Gelände bewegen, in den Garten gehen und später auch in die Stadt. Dadurch könne man nicht verhindern, dass Menschen in Einzelfällen an Drogen herankämen, erklärt Udo Polzer.

Trotzdem gebe es natürlich Regeln: "Wir kontrollieren auch den Urin, ob jemand Cannabis oder Crystal oder so etwas zu sich genommen hat. Und wenn wir sehen, dass das der Fall ist, dann wird darüber gesprochen. Und entweder wird er dann entlassen, weil er sich den Regeln nicht angepasst hat, das heißt, keine Droge zu konsumieren. Oder in anderen Fällen, wenn offensichtlich ist, dass hier das Erlernte nicht funktioniert hat, aber derjenige sieht, dass das nicht richtig ist, dass durchaus die Entgiftung weitergeführt werden kann. Das ist individuell sehr unterschiedlich."

Entgiftung klappt fast immer

Bei rund 90 Prozent funktioniere die Entgiftung, sagt Polzer. Trotzdem komme es ein bis zwei Mal im Jahr vor, dass Drogen auf Station seien. Deswegen aber das Konzept der offenen Entgiftung zu ändern, sei keine Option: "Wir haben früher mal das Ganze geschlossen durchgeführt. Auch muss man sagen, dass auch da letztendlich Drogen auf Station geschmuggelt wurden. Uns geht es darum, dass, wenn jemand nicht die Einsicht entwickelt, von den Drogen wegzukommen, es nicht funktioniert."

Und damit ist die Klinik in Stadtroda keine Ausnahme: Offene Entgiftungen, basierend auf Freiwilligkeit, seien absolut üblich, bestätigt der Fachverband Drogen- und Suchthilfe auf Nachfrage von MDR AKTUELL.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Oktober 2021 | 08:23 Uhr

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