Klimawandel Schnee von gestern – Hat Wintersport noch eine Zukunft?

Wie hart trifft die Pandemie den Wintersport? Hat diese Branche hier überhaupt noch eine Zukunft? Wo liegen künftig Pozentiale für Wintersportorte und wie gut sind sie auf den Klimawandel vorbereitet? "Exakt – die Story" fragt nach.

MDR FERNSEHEN EXAKT - DIE STORY: SCHNEE VON GESTERN, "Hat Wintersport noch eine Zukunft?", am Mittwoch (24.02.21) um 20:45 Uhr. gesperrt © MDR, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter MDR-Sendung bei Nennung "Bild: MDR" (S2+). MDR/HA Kommunikation, 04360 Leipzig, Tel: (0341) 300 6477 oder - 6463
Für Touristen gesperrtes Ski-Gebiet Bildrechte: MDR

Zwei Drittel der sportlich aktiven Deutschen über 13 Jahre betreiben Wintersport. Also 27,7 Millionen Menschen sind hierzulande mit Ski und Snowboard unterwegs. Das besagt eine Studie der Sporthochschule Köln. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium geben sie jährlich rund 16,4 Milliarden Euro für den Wintersport aus. Damit ist Skifahren mit Abstand die wirtschaftlich bedeutsamste Sportart in Deutschland.

Noch. Denn schon in den vorangegangenen Wintern konnte in vielen Mittelgebirgs-Regionen aufgrund warmer Temperaturen wenig oder so gut wie kein Wintersport betrieben werden. Dieses Jahr kommt der Winter-Tourismus in Mitteldeutschland aufgrund der Covid19-Pandemie nun völlig zum Erliegen. Mitteldeutsche Skipisten werden keinen einzigen Tag für Touristen öffnen können.

Karte mit Ski-Gebieten in Mittedeutschland
Grafik mit Ski-Gebieten in Mitteldeutschland Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das betrifft vor allem die Pisten in

  • Braunlage und Schierke (Sachsen-Anhalt)
  • Oberwiesenthal (Sachsen)
  • Oberhof und Steinach (Thüringen)

 

Schlechte Prognose

Doch wie geht es weiter? Die Prognose für die nächsten Jahre sieht düster aus. Eine aktuelle Klimastudie des Sächsischen Landesumweltamtes kommt zu dem Ergebnis, dass Skifahren in den kommenden 30 Jahren unterhalb von 800 Metern zur seltenen Ausnahme werden wird. Schon jetzt ist selbst im 1.200 Meter hoch gelegenen Oberwiesenthal eine Ski-Saison ohne Schneekanonen kaum noch denkbar. Seit 1940 sank hier die durchschnittliche Schneehöhe um 20 Zentimeter. Noch so einen Winter ohne viel Betrieb kann die Branche jedoch nicht verkraften.

Einerseits fordern also Tourismusexperten, Politikerinnen und Politiker eine verstärkte Hinwendung zu mehr Ganzjahrestourismus. Auf der anderen Seite werden mitteldeutsche Wintersportorte in den kommenden Jahren mit vielen Millionen modernisiert: In Oberwiesenthal sind zwei neue Liftanlagen für rund 18 Millionen Euro geplant.

Ein Mann mit Mütze schaut in die Kamera. Hinter ihm steht eine Pistenraupe.
René Lötzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir müssen konkurrenzfähiger werden gegenüber dem Keilberg. Dort wurde in den letzten Jahren immens investiert in Sesselbahnen und wir müssen uns die Gäste halten und gegebenenfalls auch wieder zurückholen, die mittlerweile bereits am Keilberg Skifahren gehen, weil dort die Liftanlagen bequemer sind.

René Lötzsch | Ski-Liftbetreiber Oberwiesenthal

In Oberhof sollen für die Doppel-Weltmeisterschaft 2023 im Rodeln und Biathlon rund 75 Millionen Euro in die Wettkampfanlagen investiert werden.

Und das, obwohl die Eistage in den Mittelgebirgen nachweislich sinken:

Grafik "Eistage im Thüringer Wald"
Die Entwicklung der Eistage im Thüringer Wald seit 1961 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grafik "Eistage im Harz"
Die Entwicklung der Eistage im Harz seit 1961 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umweltverbände sowie Klimaexperten und -expertinnen sehen darin einen Widerspruch.

Ein Mann mit Mütze vor verschneiten Bergen
Friedhart Knolle vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hier ist ein Lobbydruck von der Industrie, die verkaufen will. Es wird Druck auf die Politiker ausgeübt, nach dem Motto, hier sind die Fördermittel [...]. Und dann werden solche Anlagen in die Natur geklotzt [...]. Naturschutzgebiete werden verkleinert und zerstört. Und am Ende stellt sich Jahre später heraus, die Anlage rentiert sich nicht, wir brauchen neue Zuschüsse. Auf Schnee-Tourismus können wir nicht mehr bauen. Der Schnee steht auf der roten Liste. Der Winter stirbt aus. Das haben wir selber mit dem Klimawandel so produziert. Ich möchte, dass diese Millionen investiert werden. Aber in sinnvolle andere Projekte.

Friedhart Knolle | BUND

Bilder zum Film Wintersport bald Schnee von gestern?

Exakt - die Story: "Schnee von gestern" newsdoc3 / Oliver Matthes
Harz Die Wurmberg-Seilbahn liegt seit Wochen brach und vereist, weil sie nicht in Betrieb gehen kann. Normalerweise würde so ein Winter für hohe Einnahmen am höchsten Berg Niedersachsens sorgen. Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern" newsdoc3 / Oliver Matthes
Harz Die Wurmberg-Seilbahn liegt seit Wochen brach und vereist, weil sie nicht in Betrieb gehen kann. Normalerweise würde so ein Winter für hohe Einnahmen am höchsten Berg Niedersachsens sorgen. Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Harz Am Wurmberg liegt das größte Skigebiet Norddeutschlands. Sieben Lifte befördern an guten Tagen bis zu 4.000 Touristen den Berg hinauf. Seit Monaten steht hier nun alles still. Sorgen machen die vereisten Anlagen, Seile usw. Über allem liegt eine dicke Eisschicht. Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Harz Leere Zufahrtsstraße zur Bergstadion Wurmberg Seilbahn. Die Wurmberg-Seilbahn braucht die lukrativen Wintereinnahmen. Vor acht Jahren wurde das Skigebiet für rund zwölf Millionen Euro ausgebaut. Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Thüringer Schiefergebirge/Frankenwald In guten Wintern gibt es in der Skiarena Silbersattel Steinach etwa 30.000 Touristen. Steinach sieht da allerdings noch Luft nach oben. Deshalb hatte die Stadt vor der Saison 600.000 Euro in neue Technik investiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Thüringer Schiefergebirge/Frankenwald Und das ist erst der Anfang. Ein Kühlturm für das Wasser ist geplant. Genauso wie eine neue Skipiste und ein Förderband, das künftig Snowboarder, Radfahrer und Wanderer den Berg hinauf fährt. Zudem soll der 20 Jahre alte Sessellift ausgetauscht werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Thüringer Schiefergebirge/Frankenwald Hier betreibt Axel Müller (r.) das Skigebiet. Er weiß: "Haupteinnahmequelle ist der Winter." Rund 20 Millionen Euro will die Gemeinde Steinach in den Ausbau investieren. Und das, obwohl das Ski-Gebiet im letzten Winter nur an 77 Tagen geöffnet hatte.

Axel Müller glaubt trotzdem, dass sich der Ausbau lohnt. "Es werden auch Winter sein, wo es gut funktioniert, wie in diesem Winter zum Beispiel. Und dann rechnet sich das Ganze aus. Im Umkehrschluss – wenn man kein Wintersport im Mittelgebirge anbietet, dann fahren die Leute [...] weiter in die Alpen. Und das ist ökologisch natürlich auch nicht so gut." Bislang macht das Ski-Gebiet nur Verluste und muss mit Zuschüssen der Stadt am Leben erhalten werden.
Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Thüringer Wald Auch im Biathlon-Stadion in Oberhof gibt es keine Wintersport-Touristen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Thüringer Wald Einige Einheimische drehen ihre Runden. Bildrechte: newsdoc3 / Oliver Matthes
Exakt - die Story: "Schnee von gestern"
Erzgebirge René Lötzsch ist Ski-Liftbetreiber in Oberwiesenthal und räumt ein: "Die Schnee-Fenster, wo es richtig kalt ist, die sind auch in den letzten Jahren kleiner geworden, also kürzer geworden." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt – Die Story | 24. Februar 2021 | 20:45 Uhr

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