Hörer machen Programm Erneuerbare Energien – ist der Begriff physikalisch gesehen falsch?

Aufgrund des Klimawandels wird sehr viel über erneuerbare Energien, wie Wind-, Solar- und Wasserkraft gesprochen. Unser Hörer Kurt Hertwig aus Markersdorf bei Görlitz fragt sich jedoch, wieso man überhaupt von erneuerbar spricht, wenn das rein physikalisch doch gar nicht möglich ist. Ein Physiker und ein Sprachwissenschaftler erklären, was es mit dem Begriff auf sich hat.

Unternehmen wir mal eine Zeitreise, weit in die Zukunft. Irgendwann wird unsere Sonne aufhören zu strahlen. Alles Leben auf der Erde wird dann verschwinden. Und sollten dann noch Solarmodule herumstehen, sie würden logischerweise nichts mehr nützen. Keine Sonnenenergie, keine Energie aus Solarmodulen. Ende, so erklärt der Astrophysiker Prof. Sergei Klioner von der TU Dresden. 

"Es gibt nichts Ewiges in dieser Welt und die Sonne gibt es noch sehr lange, ungefähr fünf Milliarden Jahre, vielleicht sechs. Aber noch ungefähr 500 Millionen Jahre bleibt die Sonne so wie wir sie jetzt kennen, also mit ungefähr gleicher Strahlungsleistung."

Energie kann eigentlich nur umgewandelt werden

Wind, Sonne, die Wärme im Erdinneren, auch die Wasserkraft – all das, was wir heute als erneuerbare Energien bezeichnen, wird früher oder später enden. Das heißt also, unser Hörer hat ganz sachlich betrachtet recht, wenn er sagt: Diese Energiequellen sind nicht auf immer und ewig erneuerbar. Und hinzukommt: Was soll das eigentlich heißen, "erneuerbar"?

Dieser Begriff unterstellt ja, dass Energie irgendwie neu hergestellt werden kann. Das kann sie aber nicht, erklärt Sergei Klioner. Energie kann nur umgewandelt werden, so steht es in den Hauptsätzen der Thermodynamik. Die Strahlungsenergie der Sonne zum Beispiel in elektrische Energie. Fast alle Energie auf der Erde ist letztlich umgewandelte Sonnenenergie, so Klioner.

Energiequelle wird nicht verändert

Trotzdem hat der Physiker kein Problem damit, von erneuerbaren Energien zu sprechen: "Ich glaube schon, dass man sagen kann, das ist erneuerbare Energie, in dem Sinne, dass die Quelle der Energie nicht verändert wird, wenn wir diese Energie für unsere Zwecke abzapfen."

Endet die Sonne, endet ohnehin auch der Mensch. Aus der Perspektive des Menschen ist Sonnenenergie also immer da, immer verfügbar und damit die Bezeichnung "erneuerbare Energien" vertretbar, so Klioner. 

Begriff aus dem Englischen

Warum aber hat sich der Begriff trotzdem in unserem Sprachschatz festgesetzt? Schon vor über 100 Jahren sprach man im englischsprachigen Raum erstmals von "Renewable Energy", erklärt Dr. Markus Hartmann, Sprachwissenschaftler an der Uni Erfurt. Spätestens in den 1970er-Jahren setzte sich der Begriff "erneuerbare Energien" auch im Deutschen durch.

Wie genau, das lasse sich schwer nachvollziehen, so Hartmann. Aber "menschliche Sprache bildet nie die Realität eins zu eins ab, sondern menschliche Sprache bildet immer nur die Vorstellung des Menschen von der Realität ab. Also wenn es hier um erneuerbare Energien geht, sprechen wir das so an, auch wenn es physikalisch nicht geht. Aber hier kommt ein Mechanismus rein, nämlich die menschliche Faulheit, immer möglichst wenig sprechen zu müssen." 

Umgekehrt wäre es genauso falsch, Braunkohle oder Erdöl als nicht-erneuerbare Energien zu bezeichnen. Denn die Natur wird auch Braunkohle erneuern. Und zwar in ein paar Millionen Jahren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Februar 2022 | 06:23 Uhr

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