EU-Parlament Nein zu strengeren Antibiotika-Regeln bei Tieren

Mehr als 30.000 Menschen in der EU sterben jedes Jahr, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Um resistente Keime aufzuhalten, sollen weniger Antibiotika an Tiere gehen. Doch eine Initiative dazu scheiterte nun in Straßburg.

In einem Stall behandelt der Tierarzt Michael Bredow 2007 eine kranke Kuh.
Um Antibiotika-Resistenzen bei Menschen zurückzudrängen, sollten einige Antibiotika bei Tieren verboten werden. Doch die EU-Abgeordneten lehnten den Vorstoß ab. Bildrechte: dpa

Das EU-Parlament hat ein geplantes Verbot von fünf bestimmten Antibiotikagruppen für Tiere abgelehnt. Für einen entsprechenden Antrag des grünen EU-Abgeordneten Martin Häusling fand sich keine Mehrheit.

Häusling sprach von einem "ganz schlechten Tag für die Humanmedizin", aber auch für Hunde- und Katzenhalter. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte hingegen begrüßte die Entscheidung.

Tierärzte setzen sich gegen Humanmediziner durch

Der Grünen-Politiker Häusling und der Umweltausschuss des EU-Parlaments hatten erreichen wollen, dass künftig fünf Antibiotikagruppen vor allem Menschen vorbehalten sein sollen und nur in Ausnahmefällen an einzelne, kranke Tiere verabreicht werden dürfen. Ziel war, den massenhaften Einsatz dieser Stoffe in der Tiermast zu beenden, um Antibiotikaresistenzen vorzubeugen.  

Die Vorschläge hatten Protest beim Verband praktizierender Tierärzte ausgelöst. Dieser befürchtete, dass auch Haustiere künftig nicht mehr adäquat mit Antibiotika behandelt werden könnten. Er hatte eine Unterschriftenaktion gestartet. Viele Tierhalter unterzeichneten, da sie um die medizinische Versorgung ihrer Vierbeiner fürchteten.

Streit um Reserveantibiotika geht weiter

Nun bleibt es bei den ursprünglichen Plänen der EU-Kommission: Diese will keine konkreten Stoffe für eine Liste von Reserveantibiotika benennen, sondern legte Kriterien zur Auswahl fest: etwa eine hohe Bedeutung für die menschliche Gesundheit und ein "nicht-essenzieller" Bedarf in der Tiermedizin.

mehrere Packungen Antibiotika.
Mehrere Reservebiotika sollten Menschen vorbehalten werden, doch das EU-Parlament sagte Nein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reserveantibiotika sind Medikamente, die bei Infektionskrankheiten verwendet werden, wenn normale Antibiotika nicht mehr wirken. Ziel ist ein möglichst restriktiver Einsatz dieser Mittel, um ihre Wirksamkeit durch Resistenzen nicht zu gefährden. Der Grund: Je mehr ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto eher setzen sich resistente Erreger-Subtypen durch. Dadurch sterben Schätzungen zufolge in der EU jedes Jahr 33.000 Menschen.

Häusling: Agrarlobby hat Druck gemacht

Nach Darstellung von Häusling werden weltweit zwei Drittel aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet und nicht für Menschen. In Mastbetrieben würden bei Krankheitsfällen immer noch auch gesunde Tiere über Futter oder Wasser mit Antibiotika behandelt. Dadurch gelangten resistente Keime etwa über Fleisch zum Menschen.

Häusling nannte es unverständlich, dass die Interessen der Tierärzte und der Agrarlobby nun offenbar höher gewichtet würden als die der Humanmediziner.

Man kann doch nicht den Schutz von Meerschweinchen mit der Humanmedizin gleichstellen.

Martin Häusling | Grüne

Veterinäre sehen Tiere in Gefahr

Der Geschäftsführer des Tierärzte-Verbands, Heiko Färber, wies die Vorwürfe zurück. Mit Häuslings Plänen habe die Gefahr bestanden, dass zu viele Medikamente für Tiere weggefallen wären.

Welche Stoffe am Ende auf die EU-Liste der Reserveantibiotika kommen, muss die Kommission nach Angaben von Häuslings Büro bis zum 28. Januar 2022 klarstellen. Diese Mittel sollen dann aller Voraussicht nach wirklich nur für Menschen erlaubt sein und das ohne Ausnahme.

Quelle: dpa, ans

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. September 2021 | 07:15 Uhr

10 Kommentare

REXt vor 5 Wochen

Agnostiker, im Gegensatz zu ihnen bin ich nicht einseitig ideologisch ausgerichtet, das heißt ich finde manchmal auch Vorschläge der Grünen, Linken u. SPD Gut, was wiederum nicht heißt das ich das ganze ideologische Spektrum dieser Parteien gut finde.

C.T. vor 5 Wochen

... dann versuchen Sie es mal. Schon beim Schlachten eines eigenen Bio-Schweins werden Sie auf die vielen Schikanen und Verbote aus der Politik stoßen. In den letzten 30 Jahren hat die Politik alles getan um Kleinst- oder Privathaltung zu erschweren um der industriellen Massentierhaltung den Markt zu ebnen. Thema: Aussterben der Fleischer und und und ...

THOMAS H vor 5 Wochen

Stefan Der: Meine Zustimmung zu Ihren Zeilen und deshalb bitte die kommenden Sätze nicht ganz ernst nehmen, aber es musste so entschieden werden, da ja die richtige Massentierhaltung erst noch kommt (siehe MDR-Wissen, "Warum das Insektenessen unseren CO2-Fußabdruck verringern würde.") und dort einzelne "Mädchen" zu behandeln, würde schwierig werden, so daß eine Gruppenbehandlung notwendig ist, außer das durch die kurze Lebenszeit bis zum Verspeisen, die kleinen Tierchen gar nicht krank werden und somit der Antibiotikaeinsatz automatisch entfällt, wobei ja dann auch die bisherige Tierhaltung sich so verringert, das auch dort der Antibiotikaeinsatz nur noch in sehr niedrigen Dosen notwendig wird.

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