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Am Connewitzer Kreuz in Leipzig führt ein sichererer Pop-Up-Radweg vorbei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fahrradklima

Fahrradfreundliche Städte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gesucht

von Annika Franz

Stand: 21. Mai 2021, 10:00 Uhr

Trotz oder gerade wegen Corona: Immer mehr Menschen in Deutschland steigen aufs Fahrrad. Das bedeutet auch mehr Radverkehr. Sind die Städte dafür gewappnet? Welche Pläne gibt es? Wir schauen uns in Mitteldeutschland um.

Der aktuelle ADFC-Fahrradklimatest: durchwachsene Noten für mitteldeutsche Städte

In mitteldeutschen Städten gibt es in Bezug auf die Fahrradsituation offensichtlich noch einiges aufzuholen. Das legen die Ergebnisse des großen ADFC-Fahrradklimatests nahe. Diese Befragung von FahrradfahrerInnen in Teilen Deutschlands hat 2020 zum neunten Mal stattgefunden. Sie gibt Aufschluss darüber, wie die TeilnehmerInnen die Fahrradsituation in ihrer Region auf einer Skala von 1-6 einschätzen. Die Ergebnisse der aktuellen Erhebung wurden im März 2021 vorgelegt.

Vor allem in den Großstädten Dresden (4,18), Chemnitz (4,02) und Leipzig (3,85) befinden sich die Bewertungen im niedrigen Bereich.

Am besten schneidet in Sachsen die Stadt Hoyerswerda mit 3,5 ab, am schlechtesten Zwenkau mit 5,5.

In Sachsen-Anhalt sind es Magdeburg (4,3), Halle (4,2) und Stendal (4,4), die die schlechtesten Bewertungen einfahren. Dessau-Roßlau und Halberstadt haben mit einer 3,5 die Nase vorn.  

In elf von 14 teilnehmenden Thüringer Regionen wurden die Bedingungen mit Noten zwischen 4 und 4,6 beurteilt. Die einzigen Ausnahmen sind die Städte Sömmerda (2,7), Arnstadt (3,6) und Ilmenau (3,4). Sie schneiden am besten ab.

Sicherheitsgefühl der Radfahrer ist ausschlaggebend 

Margret Seyboth vom ADFC Thüringen erklärt, dass es wenig Sinn macht, die verschiedenen Kommunen und Regionen untereinander zu vergleichen. Viel ausschlaggebender ist der Blick auf die Zufriedenheit der Radfahrenden über einen bestimmten Zeitraum.

Der Fokus muss also darauf liegen, wie die Bewertungen sich innerhalb einer Region über die Jahre hinweg verändern. Hinzu kommen die Faktoren, auf die RadfahrerInnen besonders Wert legen: Das war im Jahr 2020 vor allem das Sicherheitsgefühl (93%).

Fraktion der RadfahrerInnen wächst stetig

Und nun zum großen Paradoxon der ganzen Geschichte: Während sich immer mehr Menschen auf Drahtesel schwingen und das Stimmungsbild deutlich zeigt, dass sich mehr Radverkehrssicherheit gewünscht wird, verändert sich in der Realität nur langsam etwas.

“Der Fahrradklimatest spricht eine klare Sprache", sagt Martin Hoffman vom ADFC Sachsen-Anhalt. “Die Menschen haben begriffen, was die Vorteile des Fahrradfahrens sind. Jetzt muss es nur noch die Politik tun“. Hier ist das Ziel zwar schon lange eine klimagerechte sowie menschenfreundliche Verkehrswende, aber es geht nur langsam vorwärts.  

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Fahrrad-Boom: Profitieren mitteldeutsche Anbieter?

Ein Blick nach Leipzig

Fahrräder gehören in Leipzig längst zum Stadtbild dazu. Ob im Clara Park oder in der Innenstadt: Überall sind die Leute auf Zweirädern unterwegs. Doch an vielen Stellen zeigen sich sichtlich schlechte Bedingungen für die Radfahrer. LeipzigerInnen fahren zwar viel Fahrrad. Das bedeutet aber nicht, dass die Stadt auch dementsprechend radfreundlich gestaltet ist.

Doch wer setzt sich dafür ein, dass die Entwicklung vorangeht und bald an vielen Stellen bedenkenlos geradelt werden kann? Organisationen wie Ökolöwe Leipzig,  BUND Leipzig sowie der ADFC kämpfen mit Petitionen und Aktionstagen dafür, die Stadt möglichst zeitnah fahrradsicherer zu gestalten.

Kritik an MitarbeiterInnenzahl im Verkehrsamt

Die Zögerlichkeit der Verkehrsbehörde bekommen auch Ökolöwe und andere Mitstreiter im Bündnis Rad in Leipzig zu spüren. "Wir haben ein massives Umsetzungsproblem", sagt Josephine Michalke. Gemeinsam mit dem ADFC und dem BUND stellen sie regelmäßig Forderungen im Verkehrsamt. Diese werden oft abgewiesen. Die Gründe dafür seien unklar. "In der Verwaltung existieren nicht genügend Stellen, um die Planung schnell und effektiv zu gestalten, alles bleibt ewig liegen", vermutet Michalke.

Tino Supplies von den Ökolöwen ist der Meinung, dass es keinen Grund gibt, so hinterherzuhinken. Andere Städte zeigen, wie es funktioniert. "Im Leipziger Verkehrsamt sind 300 Mitarbeiter und es gibt einen einzigen Radverkehrsbeauftragten, da muss man eben mal umstrukturieren."

Langsam geht es voran: Der Leipziger Aktionsplan

Um die Mobilitätswende schneller umzusetzen, investiert die Stadt Leipzig rund 8,7 Millionen Euro in ein Aktionsprogramm. Geplant sind neue Radfahrstreifen, eine Sanierung bestehender Radwege mehr Fahrradbügel sowie eine bewachte Fahrradstation in der Innenstadt.

Pop-Up-Radwege sind zu erkennen an den gelben Streifen. Diese können innerhalb kürzester Zeit an Gefahrenstellen entstehen, wie an der Zeppelinbrücke in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schnelle Hilfe durch das Pop-Up-Prinzip

Trotz des Einsatzes von BUND und Co. geht es nur schleppend vorwärts. Eine Möglichkeit der schnelleren Verwirklichung der Verkehrswende sind die temporären Pop-Up Radwege. Mit Hilfe von gelben Streifen auf der Straße  können sie innerhalb kürzester Zeit an Gefahrenstellen entstehen.

Bemühungen in Dresden wie am Körnerweg, wo der Asphalt erneuert wurde, führen laut Konrad Krause vom ADFC Sachsen zu einer Verdopplung der Radfahrnutzung. Zwar ist dies kein Pop-Up Radweg per Definition, aber trotzdem eine Verbesserung für FahrradfahrerInnen. In Thüringen und Sachsen-Anhalt hingegen wurden keine Versuche unternommen, die temporären Fahrradstreifen anzulegen.

Also: Es braucht mehr provisorische Lösungen, wie Pop-Up-Radwege, die schnell und sicher die Verkehrssicherheit für RadfahrerInnen verbessern.

Rechtlich abgesichert seit diesem Jahr

Dank des Vorzeigebeispiels Berlin mit mittlerweile 42 Kilometern Pop-Up, existiert seit Anfang 2021 die rechtliche Grundlage für die temporären Radstreifen. So erklärt Josephine Michalke vom BUND Leipzig: "Die Gefahrenlage an bestimmten Straßenstücken stellt laut Artikel 45 der Straßenverkehrsordnung die Begründung für die Radstreifen dar. Dafür hat man in Berlin lange gekämpft."

Vorzeigebeispiel in Mitteldeutschland: Leipzigs Pop-Up-Radwege

In Leipzig gibt es mittlerweile zwei Pop-Up-Radwege. Einer davon befindet sich seit Mai 2020 am Connewitzer Kreuz vor dem Rewe-Supermarkt und wird durch gelbe Streifen markiert. Hier mussten sich bisher RadfahrerInnen und FußgängerInnen den Fußweg teilen. Nun führt der neue Radweg auf der Straße entlang. Der zweite verläuft seit Herbst 2020 auf der Zeppelinbrücke an der Abbiegung zum Cottaweg, wo es schon öfter Unfälle mit FahrradfahrerInnen gegeben hat.

Verkehrswende bis 2025

Die Stadt Leipzig beispielsweise hat 2019 den Klimanotstand ausgerufen. "2025 hat Leipzig das CO2-Budget aufgebraucht, deswegen muss sich in den nächsten fünf Jahren etwas ändern", macht Ökolöwe-Sprecher Tino Supplies deutlich. "Alles muss jetzt schnell passieren, wenn die Verkehrswende kommen soll".  Im Gespräch mit ihm wird schnell klar, dass der Fahrradboom zwei große Themen mit sich bringt: Verkehrssicherheit und Klimawandel.

Tipp: StadtradelnAm 1. Mai hat außerdem das jährliche Stadtradeln begonnen. In verschiedenen Städten können sich Radfahrer registrieren und für gefahrene Kilometer Preise abräumen. Davon profitieren die Menschen und die Umwelt. So spendet das Umweltamt in Erfurt für jede 1000 Kilometer einen Baum. In Sachsen kann zum Beispiel in Dresden oder Leipzig geradelt werden, Thüringen schickt unter anderem Gera und Weimar an den Start und in Sachsen-Anhalt wird sich beispielsweise in Magdeburg aufs Rad gesetzt.

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Radeln für die ForschungStadtradeln: Nützlich fürs Klima und die Stadtplanung

Weitere Radwege-Pläne für Mitteldeutschland

Auch in anderen Städten Mitteldeutschlands soll mehr unternommen werden. So gibt es in Sachsen-Anhalt seit 2019 die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen (bereits 52), die sich für den Radverkehr stark machen. In Thüringen bezieht der Landkreis Nordhausen gezielt die Meinungen der Bürger auf Rädern mit ein und arbeitet so gemeinsam an einer Lösung. Martin Hoffman vom ADFC Sachsen-Anhalt bringt es auf den Punkt: “Der Ansatz ist da, nur fehlt es an manchen Stellen an Mut.“

Quelle: MDR Umschau

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Umschau | 21. Mai 2021 | 05:00 Uhr

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