Familien in der Pandemie Jugendamt: "Was wir jetzt verpassen, holt uns zukünftig ein"

Nastassja von der Weiden
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Homeoffice, Homeschooling, #StayHome - durch die Pandemie sitzen Familien seit Monaten aufeinander. Das ist für alle eine schwierige Situation, für mehrfachbelastete Familien ist es aber besonders hart. Jugendämter und Familienhilfe machen deshalb Aktionen, um Familien zu unterstützen.

Homeschooling Familienhilfe
Jugendamt, Familienhilfe, Kinderschutzbund - Corona verändert auch dort die Arbeit. Bildrechte: dpa

"Aufgrund der Festlegungen des Oberbürgermeisters ist der Dienstbetrieb des Jugendamtes eingeschränkt. Ziel ist es, unnötige Kontakte und damit verbundene Ansteckungen mit dem Coronavirus zu vermeiden. Alle bisher vereinbarten Termine sind daher abgesagt" wird angezeigt, wenn man auf die Website des Allgemeinen Sozialdienstes in Erfurt klickt.

Nur in dringenden Fällen sei der ASD in Erfurt zu erreichen. Zum Beispiel bei Kindeswohlgefährdung. Wie arbeitet der ASD in diesen Zeiten, werden Eltern, die Unterstützung brauchen, nun alleine gelassen – und mit ihnen die Kinder, die Hilfe brauchen?

"Wir sind weiterhin für die Familien da", sagt Bettina Wolff, Leiterin des ASD in Erfurt. Sie leitet den Sozialen Dienst seit zwei Jahren. In der Corona-Krise gab es in Erfurt keinen Anstieg an Inobhutnahmen, ein Anstieg an Gewalt sei auch nicht zu beobachten. Und das sei vor allem den freien Trägern und der Familienhilfe zu verdanken, die weiterhin Hausbesuche – mit Schutzausrüstung und auf Abstand – durchführen, sagt Wolff:

Wenn wir als ASD nicht für die Kinder und Jugendlichen da sind, wer denn dann? Und: Was wir jetzt verpassen, holt uns zukünftig sowieso ein.

Bettina Wolff Leiterin des ASD Erfurt

Informationsverlust entgegenwirken

Dass die Lockdown-Maßnahmen oder eine Quarantäne sowie Homeschooling für Familien besonders belastend sei, meint auch Bettina Wolff: "Der Druck steigt, wenn man immer aufeinandersitzt. Im Frühjahr hatte sich die Lage entspannt, man konnte rausgehen, zum Beispiel auf Spielplätze. Seit November ist das schwierig. Das ist anstrengend für Eltern und für Kinder."

Um Kinder in dieser Zeit nicht sich selbst zu überlassen, wurden in Erfurt Plakate aufgehängt, die genau sie ansprechen. Die Aktion des Teams um Bettina Wolff weist auf das Sorgentelefon in Erfurt (unter der Telefonnummer 0361 655-4742/4826 zu erreichen) hin, das täglich von 8-18 Uhr besetzt ist.

Zum ersten Lockdown herrschte noch große Verunsicherung, die sich mittlerweile gelegt habe. Die Mitarbeitenden seien vor Ort und arbeiteten zwischen 6 und 21 Uhr, Homeoffice gebe es nicht. Trotzdem wirkt die Pandemie auf die Arbeit des Jugendamts ein: Fallanalysen können nicht mehr mit allen Kolleginnen und Kollegen gleichzeitig gemacht werden. "Das ist eine Herausforderung, alle einzubinden und der Gefahr von Informationsverlust gegenzuwirken", erklärt Bettina Wolff.

Kinder- und Jugendtreff in Halle geöffnet

Seit dem ersten Lockdown hatten Schutzeinrichtungen Zeit, sich an die Pandemie-Bedingungen so gut es geht anzupassen. Der Kinderschutzbund in Halle ist natürlich auch während Corona aktiv. Vielmehr gerade in der Krise, denn Familienprobleme verstärken sich während Corona:

Jobst-Fajen und Richter Collage
Regina Jobst-Fajen und Carola Richter vom Kinderschutzbund Halle e.V. Bildrechte: Kinderschutzbund Halle e.V.

"Zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das war vor der Pandemie schon schwierig", sagt Regina Jobst-Fajen. Sie koordiniert mit ihrer Kollegin Carola Richter die Aktionen des Kinderschutzbundes.

Richter geht von einer hohen Dunkelziffer aus, wenn es um die Frage geht, ob der anhaltende Lockdown zu mehr Gewalt führe: "Die Zündschnur wird kürzer, wenn man sich nicht mehr aus dem Weg gehen kann."

Umso wichtiger sei es, dass der Kinder- und Jugendtreff als Zufluchtsort – mit Hygienevorschriften – geöffnet bleibe, sagt Jobst-Fajen. Und für das Mitkommen bei den Schulaufgaben: "Es gibt sehr, sehr viele Kinder, die mit ihren Homeschooling-Aufgaben zu uns kommen. Das hat unter anderem mit der Ausstattung und der Bildung der Eltern zu tun."

Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit

Corona ist auch am Kinder- und Jugendtelefon ein Thema, vor allem das Alleinsein, die Unzufriedenheit mit dem Distanzunterricht und die Langeweile im Lockdown: "Social Media kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Diese Nähe, die uns allen momentan genommen wird, können wir hier vor Ort noch bieten. Bei den Gruppen, die gerade nicht stattfinden können, setzen wir auf digitale Wege. Soziale Arbeit ist eben Beziehungsarbeit. Und es gibt nichts Schlimmeres als Beziehungsabbrüche", erklärt Carola Richter.

Menschen mit Behinderung entlasten

Ähnlich sieht es in Familien aus, in denen Menschen mit Behinderung leben. In Leipzig gibt es seit 25 Jahren die Elterninitiative "FED e.V.", den Familienentlastenden Dienst. Cornelia Neubauer hat Arabistik studiert und ist eine Quereinsteigerin in diesem Verein, um Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung zu entlasten und ihnen zum Beispiel bei Anträgen und im Alltag zu helfen.

Seit Corona gehören wöchentliche Schnelltests und Nachfragen der Familien, welche Maßnahmen denn nun gelten, zu ihrem Arbeitsalltag. Auch sie betont: Viele Baustellen habe es vorher schon gegeben, sie würden durch Corona aber deutlicher zu Tage treten. Und wieder wird das Thema Homeschooling bei den größten Problemen genannt. Wer kein Elternteil zuhause habe, das (gut) Deutsch spricht, habe wesentliche Nachteile. Und Bildung sei auch hier von der technischen Ausstattung abhängig.

Ein Junge in einem Rollstuhl
Gerade können nur Einzel-Assistenzen stattfinden. Freizeit-Gruppen sind auch beim Familienentlastenden Dienst (FED e.V.) ausgesetzt. Bildrechte: imago images/YAY Images

WhatsApp als Austauschkanal

Mittlerweile gibt es eine WhatsApp-Gruppe, die Cornelia Neubauer betreut, um Informationen mit den Familien zu teilen und in den Austausch miteinander zu kommen. Dabei fällt ihr immer wieder auf, dass die Online-Welt Menschen mit Behinderung nicht immer mitdenkt: "Viele können zwar ein Handy, ein Tablet oder einen Computer bedienen, aber auch nicht alle." Und oft seien die digitalen Angebote nicht barrierearm, also nicht für alle Menschen gut zugänglich und nutzbar. Die Schutzverordnungen gebe es aber zum Glück in mehreren Fremdsprachen und in leichter Sprache.

Belastend, neben der allgemeinen Lockdown-Situation, sei auch, dass die Zukunft weder für Mitarbeitende noch für die Familien planbar sei: "Wir sind alle viel zu Hause. Struktur in den Tag zu bringen, ist schwierig. Aber gerade ein strukturierter Tag ist für Menschen mit Behinderung besonders wichtig", sagt Neubauer.

Schnelle und unkomplizierte Hilfe nötig

Wie kann die Situation für all diese Familien, die in der Krise mit Problemen kämpfen, verbessert werden? Eine Forderung des Kinderschutzbunds ist, dass hilfebedürftige Familien schneller und vor allem unkomplizierter Hilfe bekommen. Und: Die Pandemie könne auch eine Chance sein, dass endlich erkannt werde, wo die Schwächen des Bildungssystems liegen: "Die Schere zwischen denjenigen, denen es gut geht, und denjenigen, denen es schlecht geht, hat sich noch weiter geöffnet. Deshalb sollten auf politischer Ebene die Kita- und Schulöffnungen mehr Aufmerksamkeit bekommen." Bei weiterem Homeschooling seien gravierende Folgen zu erwarten.

Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche und Eltern Hilfe und Unterstützung am Telefon und Online (kostenfrei und anonym)

Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer berät Kinder und Jugendliche über Telefon, Email und Chatfunktion.
Telefon: 11 6 111 (Mo - Sa: 14-20 Uhr) oder www.nummergegenkummer.de

Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer berät Eltern in Krisen- und Konfliktsituationen.
Telefon: 0800 111 0 550 (Mo - Fr: 9-17 Uhr sowie Di + Do zusätzlich -19 Uhr)

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bundesregierung:
Telefon: 0800 22 55 530 (Mo, Mi, Fr: 9 - 14 Uhr; Di + Do: 15 - 20 Uhr)

Auf den Seiten der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) steht eine Online-Jugendberatung sowie eine
Online-Elternberatung zur Verfügung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 13. Januar 2021 | 20:15 Uhr

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