Hintergrund Nachnutzung von Tagebauen: Probleme nicht auszuschließen

Carolin Voigt, Nachrichtenredakteurin und -sprecherin, Redakteurin Online und Social Media
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Nachnutzung ehemaliger Tagebaue birgt Herausforderungen. Das zeigen die jüngste Seen-Sperrung im Leipziger Umland und der Erdrutsch am Knappensee im Landkreis Bautzen. Wie sind die Böden in den Braunkohlegebieten beschaffen? Wie hoch ist die Gefahr durch Rutschungen? Und wie gehen Experten mit solchen Ereignissen um? Wir haben nachgefragt.

Die Renaturierung und Nachnutzung des ehemaligen Braunkohlereviers ist in Mitteldeutschland seit den 1990er-Jahren eine enorme Kraftanstrengung. Doch sie kann sich lohnen, wie das Beispiel des sogenannten Leipziger Neuseenlandes zeigt - einer Bergbaufolgelandschaft, die heute mit ihren zahlreichen Seen Naherholungsgebiet und touristische Attraktion zugleich ist.

Wie schwierig die Umwandlung der Tagebaurestlöcher in Seen sein kann, zeigt sich derzeit im "Neuseenland". Der Markkleeberger und der Störmthaler See sowie die Schleuse zwischen beiden mussten aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen werden. An den Seitenböschungen der Schleuse hatte die zuständige Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) bei Kontrollen Risse entdeckt. Diese sollen nun beseitigt werden.

Experten warnen vor Panikmache

"Ein ganz normales Vorgehen", merkt Carsten Drebenstedt im Gespräch mit MDR AKTUELL an. Er ist Professor für Bergbau und Tagebau an der TU Bergakademie Freiberg und steht über die Universität auch im engen Kontakt mit der LMBV. Es gehöre zum Risikomanagement, solche Erscheinungen früh zu erkennen und zu prüfen. Doch "Naturveränderungen machen auch vor Tagebauen nicht halt“, so Drebenstedt.

Ähnlich äußert sich Jörg Frauenstein, der am Umweltbundesamt in Dessau für Bodenschutz zuständig ist. Qualitätsprobleme bei der baulichen Ausführung könnten zwar nie ganz ausgeschlossen werden, meist seien aber geotechnische Ereignisse der Hintergrund. Frauenstein, der auch im Steuerungs- und Budgetausschuss für Braunkohlesanierung sitzt, weist darauf hin, dass geschüttete Böden, also "überall wo die Bagger mal tätig waren" ein hoch komplexes System bilden. Man könne nie ganz ausschließen, dass Rutschungen, Setzungsfließen oder Sackungen auftreten.

Setzungsfließen Das Setzungsfließen ist eine Rutschung infolge einer spontanen Verflüssigung locker gelagerter, wassergesättigter, gleichförmiger, sandiger Kippen. Die spontane Verflüssigung wird durch ein Initial (z. Bsp. Erschütterung) ausgelöst, das zum Gefügezusammenbruch, Porenwasserdruckanstieg und Festigkeitsverlust im wassergesättigten Kippenboden führt. LMBV

"Nicht gerade toll, aber händelbar"

Grund zur Panik gibt es in solchen Fällen aber selten, meint Thomas Himmelsbach, Abteilungsleiter für Grundwasser und Boden bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Mit Blick auf den Leipziger Fall spricht er von einem lösbaren Problem. Die Böschungsdeformationen an der Leipziger Schleuse sind seines Erachtens "nicht gerade toll, aber händelbar". Himmelsbach hat langjährige Erfahrung im Bereich der Tagebausanierung und hat die Allgemeinverfügung des Landrats vom Landkreis Leipzig für MDR AKTUELL so interpretiert, dass es im Bereich der Schleuse wohl zu einer sogenannten Subrosion gekommen sei. In der Geologie wird damit die unterirdische Auslaugung und Verfrachtung von meist löslichem Gestein bezeichnet. Das zu reparieren sei für Geoingenieure "kein Hexenwerk", sondern ein "Standardverfahren". Grundsätzlich müsse man bei ehemaligen Tagebauen bedenken, es handelt sich im Gegensatz zu natürlichen Lagerungen um "zigfach umgelagertes Material, das immer anfälliger sei" für Ereignisse von außen.

Boden in Bewegung - vielfältige Gründe

Die genauen Ursachen für die Risse in der Leipziger Kanalschleuse werden jetzt von den Ingenieuren der LMBV untersucht. Grundsätzlich kommen verschiedene Ursachen infrage. So könnten etwa Schwankungen im Grundwasserstand aber auch Trockenheit im Sommer oder Frost im Winter zur Veränderung der Sedimente beitragen und so Deformationen auslösen, sagt Carsten Drebenstedt von der TU Bergakademie Freiberg.

Ob es zu Rutschungen kommt, hängt von der Teilchenzusammensetzung des Bodens ab und wie die Teilchen liegen.

Prof. Dr. Carsten Drebenstedt TU Bergakademie Freiberg

Bei der Korngröße unterscheide man zwischen Ton, Schluff, Sand, Kies und Schotter. Dabei neige vor allem Feinsand zu Rutschungsereignissen, allerdings nur, "wenn er dominant vorkommt, die Körner rund sind" und der Sand "frei von bindingen Bestandteilen, gleichförmig und gleichkörnig" sei. Über Probenentnahmen kann das überprüft werden und anschließend die Rutschungen gestoppt werden.

Dabei kommt den Experten zufolge ein seit 30 Jahren erprobtes Verfahren zum Einsatz: die Verdichtung. "Bereiche mit locker geschüttetem Material werden dabei verdichtet", so Drebenstedt. Dort, wo man das gemacht habe, seien in der Regel auch keine Rutschungen mehr aufgetreten. Dabei wird heute meist mit Gewicht gearbeitet. Im Fall der Markkleeberger Schleuse könnten etwa Schwergewichte an den Eingängen angelagert werden, meint Thomas Himmelsbach vom BGR. Er habe "bestes Vertrauen in die LMBV", dass sie das hinbekomme. Und auch Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt bemüht sich um Beruhigung. Die LMBV sei aufgrund von Ereignissen wie am Knappensee oder in Nachterstedt "sensibilisiert und vorsichtig".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. März 2021 | 06:00 Uhr

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