Gewalt in der Geburtshilfe "Ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch"

MDR-Volontärin Sarah Bötscher
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Schätzungen zufolge berichtet etwa jede dritte Frau von Momenten, die sie während der Geburt als respektlos, übergriffig oder gewalttätig erlebt hat. Immer mehr Mütter trauen sich mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Oft suchen sie die Schuld zuerst bei sich.

20 min
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Der Artikel enthält Beispiele für Gewalt unter der Geburt. Falls Sie das Thema belastet, sollten Sie den Artikel nicht oder nicht allein lesen.

Marie* ist vor Kurzem Mutter geworden – entspannt liegt sie zuhause auf einem Sofa und stillt ihren fünf Monate alten Sohn Karl. An die Geburt ihres Kindes hat sie schmerzhafte Erinnerungen: "Es war vor allem, dass die Hebamme mich mehrfach sehr schlimm untersucht hat. Also sie hat ihre Hand in mich gesteckt bis zum Ellbogen und hat da mit ihrem Finger meinen Muttermund hin und herbewegt. Das war schmerzhafter als die Wehen und ich weiß noch, ich habe so geschrien. Ich habe mich machtlos gefühlt, ausgeliefert und ich habe mich nicht ernst genommen gefühlt."

Marie ist 27 und hat Gewalt in der Geburtshilfe erlebt. So nennen es Betroffene und Initiativen wie "Gerechte Geburt" oder "Motherhood". Auf Englisch ist sogar von "birth rape" – Vergewaltigung bei der Entbindung – die Rede. Seit 2015 ist "Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten" ein Schwerpunktthema der Weltgesundheitsorganisation. Eine genaue Definition gibt es nicht.

Was zählt alles zu Gewalt in der Geburtshilfe?

Beispiele für Physische Gewalt:

  • Festhalten
  • Festschnallen der Beine
  • keine freie Wahl der Geburtsposition (z.B. in Rückenlage auf dem Gebärbett)
  • grobe Behandlung (z.B. Katheter unnötig schmerzhaft legen)
  • medizinisch nicht indizierte Untersuchungen (z.B. wiederholt nach dem Muttermund zu tasten, wenn dies nicht gewollt/notwendig ist)
  • ohne Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Dammschnitt durchzuführen
  • ohne Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Kaiserschnitt zu machen

Beispiele für psychische Gewalt:

  • Anschreien
  • Beschimpfen
  • Diskriminieren (Alter/Gewicht/Herkunft/u.a.)
  • Druck ausüben oder erpressen
  • Gebärende unter Geburt allein lassen (außer, wenn sie dies ausdrücklich will)
  • Sexualisierte Gewalt in Form von Sprache, Witzen
  • Verbot zu essen/trinken, sich zu bewegen


Quelle: Initiative Gerechte Geburt

Behandlungsfehler schwer nachzuweisen

Aber wie oft passiert Gewalt in der Geburtshilfe überhaupt? Verlässliche Zahlen zu finden, ist schwierig. Nach Recherchen von MDR AKTUELL kennen befragte Kliniken in Halle, Erfurt, Magdeburg, Jena, Dresden und Leipzig angeblich keine Fälle – auch nicht die mitteldeutschen Landesärztekammern. Doch eine Studie der Psychologischen Hochschule Berlin aus dem Jahr 2020 zeigt, dass mehr als jede dritte Befragte allein physische Gewalt unter der Geburt erlebt hat. Bei einer Umfrage des "Stern" mit 10.000 Frauen geben sogar mehr als die Hälfte Gewalterfahrungen an.

Frauen, die mit ihren Erfahrungen vor Gericht ziehen, betreut Sabrina Diehl in Herne in Nordrhein-Westfalen. Sie kämpft dafür, die Zahlung von Schmerzensgeld durchzusetzen. Häufig sei es jedoch schwer, Behandlungsfehler nachzuweisen – vor allem, wenn es um psychische Schäden der Mütter gehe. Vor Gericht stoße sie auch manchmal auf Unverständnis.

Was meinen Sie, was es denn wert ist, wenn Ihnen jemand ungefragt die Finger in die Vagina schiebt?

Sabrina Diehl Rechtsanwältin

"Das Gericht meinte dann: Ja aber Frau Diehl, wo ist denn jetzt das Problem?", erzählt die Rechtsanwältin. "Ich dann: Naja, es ist ein Eingriff gemacht worden, der nicht von einer Einwilligung gedeckt war. Und das Gericht: Also welcher Schaden ist denn da jetzt entstanden, was soll das denn an Schmerzensgeld wert sein? Da habe ich gesagt: Ich formuliere das mal anders. Was meinen Sie, was es denn wert ist, wenn Ihnen jemand ungefragt die Finger in die Vagina schiebt?"

Fehlende Kommunikation als häufige Ursache

Die Hebamme Ines Hoffmann in ihrer Praxis in Halle-Dölau. Sie trägt ein grünes Kleid, dunkle lange Haare und eine Brille.
Die Hebamme Ines Hoffmann arbeitet seit fast 40 Jahren als Hebamme in Halle. Bildrechte: Sarah Bötscher

Woran es liegt, dass Frauen von Gewalt unter der Entbindung berichten, kann Hebamme Ines Hoffmann in Halle-Dölau nur vermuten. Denn besonders in kritischen Momenten, in denen die Gesundheit des Babys in Gefahr sei, falle eine Kommunikation mit der Mutter manchmal herunter. Ines Hoffmann, die seit fast 40 Jahren als Hebamme arbeitet, sieht aber auch Generationenunterschiede: Frauen aus der Nachkriegsgeneration seien eher mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Welt härter und brutaler sei als Frauen heutzutage. Die Hebamme findet die Debatte um Gewalt in der Geburtshilfe jedoch wichtig und nennt als Beispiel den "Roses Revolution Day". An dem Aktionstag legen Betroffene eine Rose vor die Kreißsaaltür, hinter der sie Gewalt erlebt haben.

Es gibt immer mal so Geburten, wo du hinterher denkst: Irgendwie hast du nicht das richtige Wort gefunden oder das hast du falsch eingeschätzt.

Ines Hoffmann Hebamme

"Ich glaube schon, dass sich die Hebamme schlecht fühlt. Ertappt vielleicht auch. Und zurecht", sagt Ines Hoffmann. "Es gibt immer mal so Geburten, wo du hinterher denkst: Irgendwie hast du nicht das richtige Wort gefunden oder das hast du falsch eingeschätzt." Es fehle den Hebammen jegliche Ausbildung in Richtung Kommunikation oder Gesprächsführung.

Doch auch die Arbeitsbedingungen für Hebammen sind immer wieder Thema: Überstunden, zu wenig Personal, mehrere Geburten gleichzeitig. Und Krankenhäuser verdienen mehr Geld, wenn Ärztinnen und Ärzte einen Kaiserschnitt durchführen – statt bei einer natürlichen Geburt viele Stunden zu warten.Trotzdem könnten Geburten in Krankenhäusern nicht pauschal verteufelt werden. So schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass die Sterblichkeit von Neugeborenen nach einer Hausgeburt um etwa ein Drittel höher sei als nach einer Klinikgeburt. Weil dort im Notfall schneller reagiert werden könne.

Die Psychologin Beatrix Jäger in einer Hebammenpraxis in Leipzig. Sie sitzt auf dem Boden, trägt kurze, dunkelblonde Haare und eine Brille.
Die Psychologin Beatrix Jäger betreut Frauen, die ihre Entbindung aufarbeiten möchten. Bildrechte: Sarah Bötscher

Aber egal, ob Klinik, Geburtshaus oder das Entbinden zuhause – für Frauen mit traumatischen Geburten ist Beatrix Jäger da. Sie ist Diplom-Psychologin in Leipzig und betreut Mütter, die ihre Geburt aufarbeiten möchten. Sie würden zu Beginn der Therapie vor allem Schutz suchen und sich oft schuldig für das Erlebte fühlen. Manche Frauen seien auch gut darin, eine traumatische Geburtserfahrung zu verdrängen: "Da ist das Baby dann da, die haben erstmal ganz andere Sachen zu tun. Und das sind dann aber die Erlebnisse, die bei einer erneuten Schwangerschaft wieder hochkommen. Wo dann die Schublade wieder aufgeht."

Eine Lösung: Mehr finanziellen Druck auf Kliniken?

Doch wie kann Gewalt in der Geburtshilfe in Zukunft verhindert werden? Die Hebamme Ines Hoffmann sieht eine große Chance im "hebammengeleiteten Kreißsaal". Dort haben allein Hebammen das Sagen – Ärztinnen und Ärzte kommen nur dazu, wenn sie darum gebeten werden. So könne alles in einer Hand bleiben, sagt Hoffmann, und ein Raum geschaffen werden, in dem Frauen sich sicher fühlen würden. Die Anwältin Sabrina Diehl kritisiert vor allem, dass die Schmerzensgeld-Beträge noch viel zu niedrig seien. Wenn dieser Druck größer wäre, seien die Kliniken auch gezwungen, etwas zu ändern.

Maries Sohn liegt im Arm seiner Mutter und trinkt an ihrer Brust.
Mutter und Sohn einträchtig beieinander. Die Geburt möchte Marie noch aufarbeiten. Bildrechte: Sarah Bötscher

Für Marie bleibt die Geburt ihres Sohnes eine Erinnerung, die sie noch aufarbeiten will. Anderen Müttern rät sie, gut die eigenen Rechte zu kennen: "Man sollte sich bei bestimmten Sachen bewusst sein, dass sie nicht okay sind. Und dann kann man vielleicht der Begleitperson sagen: Kannst du bitte schauen, dass sie mich über Medikamente oder Handgriffe aufklären. Und dass deine Person, weil du natürlich mit den Wehen und dem Schmerz beschäftigt bist, für deine Rechte einsteht. Das ist glaube ich total wichtig."

Die Klinik hatte ein Interview mit MDR AKTUELL abgelehnt – der jungen Mutter hat sie jedoch ein Gespräch angeboten. Marie möchte die Hebamme und Ärztin zunächst nicht wiedersehen, überlegt aber, einen Brief zu schreiben. Vielleicht legt sie ja eine Rose dazu.

*Der Name der Betroffenen wurde geändert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. September 2021 | 19:05 Uhr

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