Immer heißere Sommer Pläne der Städte zum Schutz gegen Hitze

Hitzetage und tropische Nächte nehmen zu – eine immer größere Belastung vor allem in Städten. Bauliche Maßnahmen und hitzebeständige Pflanzen sollen für ein erträglicheres Klima sorgen. Wir stellen einige Ideen aus Dresden, Erfurt, Halle, Magdeburg und Leipzig vor.

Leicht bekleidetes Pärchen
Auf den versiegelten Betonflächen in Städten wird die Hitze immer unerträglicher. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

39,2 Grad Hitzerekord in Dresden-Strehlen

Die Messstation Dresden-Strehlen hat am 19. Juni 39,2 Grad im Schatten gemeldet. Das war der deutsche Hitzerekord für den gesamten Monat. In der Innenstadt dürfte es noch ein paar Grad heißer gewesen sein. Längst ist bekannt, dass sich Städte stärker aufheizen als das Umland und die Wärme bis tief in die Nacht speichern, insbesondere in Tallagen. Solche Hitzetage gibt es immer häufiger. Laut Prof. Dr. Uwe Schlink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig-Halle ist das eine Folge des Klimawandels: "Wir wissen, dass es in der Region schon um 1,9 Grad wärmer ist als das langjährige Klimamittel. Und die Klimaprojektionen zeigen, dass bis 2050 die zwei Grad erreicht werden. Der Anstieg des Mittelwertes, der ja relativ gering ist, kommt dadurch zustande, dass insbesondere die Nachttemperaturen hochgehen. Dadurch haben wir sehr häufig Tropennächte. Das ist ja gerade für die Menschen in der Stadt so sehr belastend." 

Wir wissen, dass es in der Region schon um 1,9 Grad wärmer ist als das langjährige Klimamittel. Und die Klimaprojektionen zeigen, dass bis 2050 die zwei Grad erreicht werden.

Prof. Dr. Uwe Schlink, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig-Halle

Wann spricht man von Hitzetagen und Tropennächten?

Sinkt die nächtliche Temperatur nicht unter 20 Grad, spricht man von einer Tropennacht. Hitzegeplagte Stadtbewohner erleben solche Nächte meist schlaflos nach ohnehin schon anstrengenden heißen Tagen. Und davon gibt es immer mehr. Zwischen 1970 und 1990 gab es deutschlandweit gerade mal 13 Hitzetage – das sind Tage, an denen die Temperatur über 30 Grad stieg. Die zwei Jahrzehnte danach waren es schon 90 Hitzetage. Doch allein in den letzten elf Jahren erlebte Deutschland bereits 126 Hitzetage. Tendenz steigend.

Projekt in Dresden-Gorbitz: Stadt soll "hitzebeständig" werden

An der TU Dresden läuft derzeit ein breit angelegtes Forschungsprojekt, um die Stadt "hitzebeständig" zu machen. Es trägt den englischen Namen: "Heat resilient City". Und so sind in Dresden-Gorbitz, einer typischen Plattenbausiedlung aus den 1980er-Jahren, Meteorologen wie Astrid Ziemann mit mobilen Messstationen unterwegs. Sie koppelt GPS-Daten mit der Messung der Temperatur, Luftfeuchte und Wärmestrahlung von Gebäuden und Bodenbelag: "Wir können dann diese Messwerte auf Karten eintragen, um heiße Orte festzustellen oder auch kühlere Orte. Damit können wir auch Empfehlungen geben, wie das Stadtquartier hitzeverträglich umgestaltet werden kann." Das Forschungsprojekt begleitet auch bauliche Anpassungen an die klimatischen Veränderungen in der Stadt. Beispielhaft ist die Sanierung der Blöcke der "Eisenbahner Wohnungsbaugenossenschaft" mit ganz konkreten Maßnahmen – wie einer speziellen Isolierung am Dach und Außenjalousien auf allen "Sonnenseiten."

Erfurt-Oststadt: Purpur-Erlen gegen die Hitze

Die Erfurter Oststadt, ein typisches Gründerzeitviertel, ist Gegenstand des Forschungsprojektes "Heat resilient City", ebenso wie Dresden. Hier gibt es eigentlich einen guten Baumbestand, doch viele der Stadtbäume sind krank, kämpfen mit Trockenheit und Hitze. Deshalb wurden unter der Führung von Guido Spohr vom Umwelt- und Naturschutzamt 50 Purpur-Erlen angepflanzt, eine Baumart, die eigentlich aus südlicheren Gegenden Europas stammt. "Wir wollen mehr auf Vielfalt setzen und auf das Thema Klimaresilienz, Resistenz, Widerstandsfähigkeit", so Spohr zu MDR Umschau. "So eine Straße mit Baumbestand hat im Vergleich zu einer Straße ohne Bäume zehn Grad Unterschied bei der gefühlten Temperatur", erklärt der Umweltexperte.

So eine Straße mit Baumbestand hat im Vergleich zu einer Straße ohne Bäume zehn Grad Unterschied bei der gefühlten Temperatur.

Guido Spohr, Umwelt- und Naturschutzamt Erfurt

Halle-Lutherviertel: Abkühlung durch Verdunstung

Im Lutherviertel von Halle setzt man auf die Temperaturabsenkung durch Verdunstungskühle. Acht große Innenhöfe des Bauvereins Halle-Leuna werden seit 2020 klimawirksam umgestaltet. Das Regenwasser der Dachflächen soll nicht mehr in die Kanalisation fließen, sondern in ober- oder unterirdischen Becken in den Höfen gespeichert werden. Die bald gefüllten Becken verändern dann das Mikroklima, hofft Guido Schwarzendahl, vom Bauverein Halle-Leuna: "Unsere Zielvorstellung hier ist, dass wir in den heißen Nächten und Tagen, wo wir über 30 Grad haben, zu einer Temperaturabsenkung von bis zu zwei, maximal drei Grad kommen. Und das schaffen wir durch eine erhöhte Verdunstungsleistung." 

Unsere Zielvorstellung hier ist, dass wir in den heißen Nächten und Tagen, wo wir über 30 Grad haben, zu einer Temperaturabsenkung von bis zu zwei, maximal drei Grad kommen. Und das schaffen wir durch eine erhöhte Verdunstungsleistung.  

Guido Schwarzendahl, Bauverein Halle-Leuna

Magdeburg-Wissenschaftshafen: Vertikale Klima-Kläranlage

Mit dem Thema Wasser und Vegetation beschäftigt man sich auch im Magdeburger Wissenschaftshafen. Dort steht eine noch sehr kleine, grüne Wand. "Das ist eine Vertikale Klima- Kläranlage", erklärt Sebastian Wöckel vom dortigen Institut für Automation und Kommunikation. "Das ist ein Forschungsprojekt, das versucht, eine Fassadenbegrünung mit einer Kläranlage zu kombinieren, um beispielsweise Wasser, was im Haushalt anfällt, direkt vor Ort zu klären und dann dem Haushalt wieder zuzuführen." Leicht verschmutztes Wasser, wie zum Beispiel Duschwasser, wird der Grünen Wand zugeführt. Über ein Granulat im Pflanzenträger wird es gereinigt. Gleichzeitig nutzen die Pflanzen die Feuchtigkeit. Am Ende wird das gefilterte Wasser wieder aufgefangen. Trinkwasserqualität hat es nicht, aber es ist vorgeklärt, so dass es städtische Klärwerke entlasten kann

Leipzig: Kletterpflanzen für besseres Gebäudeklima

Um grüne Wände kümmert man sich in der Leipziger Initiative "Kletterfix". Christiane Heinichen ist Fachberaterin für Kletterpflanzen beim Verein Leipziger Ökolöwen. Sie weiß um die Vorteile grüner Wände für das Stadtklima: "Eine Fassadenbegrünung bringt ganz viele Vorteile für das Haus selber aber auch für die gesamte Stadt. Der grüne Mantel schützt das Haus selber vor der enormen Sonneneinstrahlung. Dadurch werden einerseits die Innenräume deutlich weniger aufgeheizt und andererseits ist das Grün auch dafür da, Wasser permanent zu verdunsten und damit auch die Umgebungstemperatur zu kühlen. Weiterhin filtert das Grün den Feinstaub aus der Luft und absorbiert Lärm. Das sorgt für mehr Ruhe."  Christiane Heinichen berät nicht nur die städtische Wohnungsbaugesellschaft bei der Giebelbegrünung. Bei ihr kann sich jedermann Rat holen.

Eine Fassadenbegrünung bringt ganz viele Vorteile für das Haus selber aber auch für die gesamte Stadt. Der grüne Mantel schützt das Haus selber vor der enormen Sonneneinstrahlung.

Christiane Heinichen, Ökolöwe - Umweltbund Leipzig e.V.

Politik unternimmt zu wenig

Eigentlich ist klar, was hilft und es mangelt nicht an Ideen. Doch gefühlt passiert viel zu wenig. Das ist auch das Ergebnis einer Befragung von MDRfragt. Fast zwei Drittel sind der Meinung, dass das Thema Hitze nicht genug Aufmerksamkeit durch die Politik erfährt. Dabei hat die Wissenschaft auf die Fragen zur "überhitzten Stadt" Antworten parat: "Man kann die Wärmespeicherung verringern, in dem man weniger versiegelt. Das ist ein ganz wichtiger Effekt", mahnt Prof. Schlink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Und dann hätten wir noch die Durchlüftung der Stadt: Es gibt im Umland der Stadt in der Nacht die Entstehung von Kaltluft. Und diese Kaltluft würde dann gerade in der Nacht in die Stadt hereingetragen werden, wenn es Frischluftschneisen gibt. Wenn die allerdings zugebaut sind, dann funktioniert das nicht mehr."

Genug Aufmerksamkeit durch Politik
60% der Teilnehmer einer MDRfragt-Befragung sind der Meinung, dass die Hitze nicht genug Aufmerksamkeit durch die Politik erfährt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 19. Juli 2022 | 20:15 Uhr

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