Hörer machen Programm Kindliches Immunsystem leidet nicht unter Corona-Maßnahmen

Albrecht Wagner
Bildrechte: Tobias Thiergen

Abstand, Hygiene und Alltagsmaske – seit Monaten bestimmen die AHA-Regeln unser Leben. Sie sollen helfen, eine Infektion mit dem Coronavirus zu vermeiden. Nebenbei verhindert das offenbar auch andere Infektionskrankheiten. Eigentlich ein positiver Effekt. Oder? Das treibt auch MDR-AKTUELL-Nutzer Marcel Schneider aus Dresden um. Er will wissen: "Wenn Kinder viel weniger Infekte als sonst üblich durchmachen, bekommen sie dann nicht ein schwächeres Immunsystem?"

Eine Kinderärztin untersucht ein Mädchen.
Zurzeit infizieren sich Kinder seltener mit Masern, Magen-Darm-Viren und Co. Bildrechte: imago/Westend61

Die laufende Nase oder der Magen-Darm-Infekt – Eltern von kleinen Eltern wissen: Das passiert regelmäßig. Und das ist auch normal, sagt Markus Knuf, Kinderarzt und Professor für Infektiologie an der Uni Mainz: "Kinderimmunologen haben bis zu acht Infektionskrankheiten pro Jahr im Kleinkindesalter als normal ausgemacht. Damit kommt das kindliche Immunsystem bestens zurecht."

Weniger Infekte bei Kindern in der Pandemie

Dass mit Corona die Zahl der Infekte zurückgeht, sieht Professor Knuf in seiner täglichen Praxis. "Wir beobachten insgesamt viel weniger Atemwegsinfektionen bei Kindern und Jugendlichen. Ich nenne hier zum Beispiel die Grippe, oder auch das sogenannte RS-Virus, das viel seltener auftritt als in den Jahren zuvor."

Neben diesen Atemwegsinfekten sind es Masern, Windpocken oder Magen-Darm-Geschichten wie Noro- und Rotavirus, die zurückgehen. Das Robert Koch-Institut verzeichnet für März bis August letzten Jahres 35 Prozent – also ein gutes Drittel – weniger Infektionen im Vergleich zu den Jahren zuvor.

Speziell Kinder und alte Menschen hätten weniger Infekte, sagt Epidemiologin Sonia Boender vom Robert Koch-Institut: "Wir haben bei allen Altersgruppen einen Rückgang beobachtet. Trotzdem haben wir eigentlich die größten Veränderungen in den Altersgruppen der unter 14-Jährigen und über 80-Jährigen."

Immunsystem braucht Infekte zur Weiterentwicklung

Für Kinder fehlen damit die Infekte, die ein gesundes Immunsystem zur Entwicklung braucht. Unser Immunsystem ist auf zwei Säulen aufgebaut, beschreibt Kinderarzt und Infektiologe Markus Knuf. "Wenn ein Mensch geboren wird, dann hat er eine Grundausstattung des Immunsystems, das nennen wir angeborene Immunität. Und das ist ein Teil unseres Immunsystems, der dann ergänzt wird durch das sogenannte adaptive Immunsystem, das kann man erwerben über die Auseinandersetzung mit verschiedenen Infektionskrankheiten."

Das Immunsystem lernt dabei die Erreger kennen und produziert Abwehrstoffe. Diese Abwehrstoffe müssten dann als Kopie und einer Art Gedächtnis "abgelegt werden im immunologischen Gewebe – wie Lymphknoten, Milz oder Mandeln – und dann bei Bedarf wieder herangezogen werden, wenn es um einen erneuten Kontakt mit einem solchen Erreger geht."

Was ist, wenn wegen fehlender Infektionen dieser Prozess nicht stattfindet? Infektiologe Markus Knuf kann in vieler Hinsicht beruhigen. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Coronabeschränkungen nur vorübergehend sind: "Aus Sicht des Immunsystems ist das immer noch ein sehr kurzfristiger Prozess, das heißt: Die Fähigkeit, sich im nächsten oder übernächsten Jahr mit Erregern auseinanderzusetzen, geht ja nicht verloren."

Kein Grund zur Beunruhigung

Außerdem bekommt das kindliche Immunsystem auch im häuslichen Kontakt mit Eltern oder Geschwistern genug Dinge, an denen es trainieren kann. "Also es ist nicht immer so, dass man zwingend eine Infektionskrankheit durchmachen muss, sondern das Immunsystem ist ein System, das permanent in Bewegung ist und sich auch mit nicht ganz so gravierenden Infektionen oder Stimulationssituationen auseinandersetzt."

Für Kinder mit Immundefekten oder anderen schweren Krankheiten ist der Rückgang der Infektionszahlen sogar positiv, weil für sie selbst einfache Infekte gefährlich sind. Kinderarzt und Infektiologe Markus Knuf bleibt insgesamt gelassen. "Ich bin im Moment nicht in großer Sorge, dass das jetzt zu einer dramatischen Entwicklungsbeeinträchtigung führt, weil das Immunsystem dann zu schwach ist. Es ist aus Sicht des Immunsystems noch kein Zeitraum, den man als höchst besorgniserregend betrachten muss. Für ein gesundes Immunsystem sind die im Moment fehlenden Infekte unproblematisch.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. März 2021 | 06:22 Uhr

10 Kommentare

Silent_John vor 36 Wochen

Es lauert KARL der Bedenkenträger Lauterbach ... , Mister "Besorgnis und Angst" persönlich.

Diese Leute sind allesamt bestens abgesichert, sie haben nicht den geringsten Plan wie es den normalen Menschen ergeht. Da ist es auch völlig Wurscht, wer aus der Reihe der Postklimakterierinnen oder Prävorruheständler nochmal einen besonders großen Schluck aus der Pulle - die vom Steuerzahler reichlich befüllt , nehmen wird.

Ich habe so derart den Kanal voll, nicht von der Krankheit, nicht von der Pandemie (das kennt man als Arzt sein ganzes Berufsleben lang, auch Unheilbares und den Tod) ,sondern von der Art, wie unmündig das Volk (wir) behandelt wird von Leuten die für Ihre Entscheidungen keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben aber bereit sind, die wirtschaftliche Existenz anderer nicht nur zu gefährden sondern voll aufs Spiel zu setzen.
Wo bleibt die Kreativität , der Mut, die Fachkompetenz .

Kritische vor 37 Wochen

Ganz gruselig, diese Konferenz. Eigentlich wundert man sich, dass das Volk so duldsam ist. Mir platzt hier auch bald der Schnutenpulli. Vor allem dass Kinder und Familien dauerhaft geschädigt werden, sollten wir uns langsam nicht mehr gefallen lassen. Keine Schule, kein Freizeitsport, kein Chor, kein Schwimmen, kein Kindergeburtstag, zu Oma und Opa sollen sie auch nicht, draußen bitte allein joggen oder mit riesigem Abstand Rad fahren. Ansonsten nur Bildschirm, basteln und lernen am PC, aber bitte mit Elan und Freude. Ferien? Keine Ahnung, werden vielleicht verschoben. Ferienlager? Wird es wahrscheinlich nicht geben. Die Freundin nach drin zum Spielen, verboten.... Ob wir damit ernsthaft auch nur ein einziges Menschenleben gerettet haben? Und wenn wir jemanden gerettet haben, dieser aber alle Regeln missachtet hat, in der Schrauberwerkstatt oder im LKW oder beim Schwätzchen in der Garage den MNS nicht aufhatte? Muss mein Kind diesen retten? Ist nicht jeder auch selbst verantwortlich?

Critica vor 37 Wochen

Wenn man die Bundespressekonferenz verfolgt, hat man den Eindruck, am Wochenende gibt es einen Wechsel auf dem Posten des Bundesgesundheitsministers...
Und dann wird alles gut... :)

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