Straßenverkehr Fahrradclub: Zu wenige Radwege in Leipzig

Gerade in Corona-Zeiten sind in Leipzig, Sachsens Radfahrer-Hauptstadt, mehr Radfahrer denn je unterwegs. Nicht immer zur ungeteilten Freude anderer Verkehrsteilnehmer. MDR-AKTUELL-Hörer Sebastian Neumann stören vor allem Radfahrer auf dem Gehweg der Leipziger Zeppelinbrücke. Er will wissen, wieso diese nicht den neu angelegten Radweg benutzten und wieso das niemand kontrolliere.

Radfahrer fahren auf dem Radweg neben Lkws
Die Stadt Leipzig will den Rad- und Fußverkehr entzerren. Bildrechte: imago/Frank Sorge

Zunächst können wir unseren Hörer ein wenig mit den aktuellen Zahlen des fest installierten Fahrradzählers auf der Zeppelinbrücke beruhigen. Der Radfahrbeauftragte der Stadt Leipzig, Christoph Waack, stellt fest, dass nur noch rund 25 Prozent der Radfahrer auf dem Gehweg fahren würden. "Das liegt oft an den Gewohnheiten, also dass Radfahrer noch nicht verstanden haben, dass es jetzt einen Radstreifen auf der Fahrbahn gibt", erklärt Waack.

Verdrängungswettbewerb im Straßenverkehr

Aber Leipzigs oberster Radfahr-Verantwortlicher weiß auch, dass Radfahrer auf Fußwegen ein Ärgernis sind, das nicht ab-, sondern zunimmt. Es handele sich um einen Verdrängungswettbewerb zulasten der Fußgänger, meint Waack. Laut der Straßenverkehrsordnung müssten Radfahrer prinzipiell auf der Straße fahren, aber weil sich Radfahrer von Autofahrern bedroht fühlten, die zu schnell oder zu knapp überholten, suchten sie auf dem Gehweg Schutz, sagt Waack.

Ein Verdrängungswettbewerb, der vor allem daran liege, dass es in Leipzig nicht annähernd genug Radwege gebe, fügt Alexander John vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in der Stadt hinzu. "Man muss ja bis zum achten Lebensjahr auf dem Gehweg fahren, bis zum 10. Lebensjahr darf man, und das bleibt im Kopf." Das wieder aus den Köpfen herauszubekommen sei schwierig, sagt John. Zumal der Glaube, auf dem Fußweg sicherer unterwegs zu sein, ein Irrtum sei.

Unfälle nehmen nicht zu

Die Statistiken zeigen aber auch, dass die Zahl der Unfälle, in die Radfahrer verwickelt sind, nicht zugenommen hat. Und das, obwohl mittlerweile jeder fünfte Verkehrsteilnehmer in Leipzig auf dem Fahrrad unterwegs ist. Von daher sind Radfahrer auch kein Schwerpunkt für Leipzigs Polizei. Auch nicht die, die auf dem Fußweg fahren.

Um die kümmert sich dann schon eher die Radstaffel von Leipzigs Ordnungsamt. Deren Kompetenzen stehe denen der Polizei in nicht viel nach, sagt Claudia Hille, stellvertretende Chefin des Ordnungsamts Leipzig. Dazu gehöre das Feststellen von Personalien, die Aussprache von Verwarnungen und das Erheben von Verwarnungs- und Bußgeldern – insbesondere für Fußweg-Fahrer.

Radfahrbeauftragter: "Rad- und Fußverkehr entzerren"

Es fehlt also nicht an Kontrolle, sondern an ausreichend Radwegen für Leipzigs Radfahrer. Das solle nun besser werden, verspricht der Radfahrbeauftragte Christian Waack: "Wir arbeiten daran, den Rad- und Fußverkehr immer weiter zu entzerren, dafür separate Anlagen zu bauen und den Radfahrer in den Mischverkehr zu bringen." Zum Beispiel in Straßen mit Geschwindigkeitsbegrenzung: Dann werde auch der Fahrzeugverkehr vom Radfahrer nicht mehr als so bedrohlich empfunden.

Alexander John vom ADFC will das erst glauben, wenn er es sieht. Zu oft habe es in den letzten Jahren große Ankündigungen und Versprechen aus Leipzigs Rathaus gegeben. Bis dahin setzt er lieber auf den Selbst-Lernprozess unter Radfahrern: "Je mehr Menschen Fahrrad fahren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Radfahrer regelkonform verhalten." Man merke auch in Leipzig, dass man mittlerweile mit zehn bis 15 Leuten an der Ampel stehe "und niemand fährt drüber".

Vielleicht ist der Tag also nicht fern, an dem kein Radfahrer mehr unseren Hörer auf dem Fußweg über die Zeppelinbrücke stört.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Dezember 2020 | 06:28 Uhr

5 Kommentare

Jakob T. vor 51 Wochen

Untaugliche Fahrräder sind definitiv ein Problem. Ihr Kommentar ist aber schon etwas polemisch: Die tödlichen Unfälle dieses und letztes Jahr sind zu einem Gutteil bei Tageslicht passiert. Fehlendes Licht ist keine Entschuldigung für unachtsame Autofahrer.

Harka2 vor 51 Wochen

Das ist grundsätzlich das Problem, es gibt genug Regeln, aber niemanden, der sie kontrolliert und Verstöße ahndet.

Aber was bei ihrer Aufzählung fehlt ist eine Kontrolle der Fahrräder auf ihre Verkehrstauglichkeit. Jeden früh begegnen mir reichlich Radfahrer die bei Dunkelheit ohne oder nur mit unzureichender Beleuchtung auf der Straße unterwegs sind. Wenn die dann mal wieder unter einem Auto liegen, ist das Geschrei groß!

Jakob T. vor 51 Wochen

Was nichts daran ändert das er Recht hat. Verkehrswende gelingt nur, wenn ÖPNV und Fahrrad attraktiver werden. Das bedeutet auch mehr Platz fürs Rad. Wenn nötig auch auf Kosten des motorisierten Individualverkehrs (der jetzt schon ca. 90% des Straßenraums für sich beansprucht.) Die Stadtverwaltung schafft es noch nicht mals geltendes Recht durchzusetzen im Moment (Fahrradstraßen, zugeparkte Radwege, Überholabstände, Radwegmindestbreiten) Da ist es vollkommen richtig, die Stadt zu kritisieren. Insbesondre in einer Stadt, die sich selbst für eine "Fahrradstadt" hält. Aufgrund der Topographie mag Leipzig das sein, aber in der Stadtverwaltung zeigt sich davon wenig.

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