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Hörer machen ProgrammKann Sprengstoff bei Waldbränden helfen?

von Niels Bula, MDR AKTUELL

Stand: 04. August 2022, 10:36 Uhr

In der Sächsischen Schweiz kämpfen Feuerwehrleute seit mehr als einer Woche gegen Waldbrände, auch andernorts sind die Wehren im Einsatz. MDR-AKTUELL-User Marcus Schwarz erinnert sich an ein Löschverfahren, bei dem ein Wasserschlauch mit einer Sprengladung zur Explosion gebracht wird – wodurch große Brände schnell gelöscht werden können. Warum wird dieses Verfahren nicht genutzt?

Im Juni 1999 lässt es die Feuerwehr im Odenwald ordentlich krachen. Damals testen die Kameradinnen und Kameraden ein spektakuläres Löschverfahren. Zuvor haben sie Zweige von Nadelbäumen aufgeschichtet und angezündet und damit einen Waldbrand simuliert. Zum Löschen kommt nun Sprengstoff zum Einsatz. Ein mit Wasser gefüllter Schlauch, der vor den brennenden Nadelhölzern liegt, wird in die Luft gejagt.

Der damalige Chef der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, erklärt im Interview mit dem Hessischen Rundfunk, warum diese Methode gerade bei großflächigen Waldbränden effektiv sein soll. Durch die Sprengung würde ein Gleichzeitigkeitseffekt genutzt, sagt Ries: An jeder Stelle, wo das Feuer auflaufe, sei man mit dem Schlauchsystem – über mehrere Kilometer auf beliebige Länge ausgezogen – ohne Weiteres in der Lage, Wassermassen schlagartig und gleichzeitig freizusetzen.

Durch die Explosion bildet sich eine nebelartige Wasserwolke mit einer Vielzahl feinster Tröpfchen, die sich dann auf einer größeren Fläche verteilen und das Feuer schlagartig stoppen sollen. Wenige Jahre vor der Großübung im Odenwald hatte es der Feuerwehrchef Reinhard Ries zusammen mit dem Sprengmeister Winfried Rosenstock entwickelt. Sie nannten es das Rosenstock-Ries-System oder kurz "2RS".

Keine Anwendung von "2RS" in Deutschland

Doch mehr als 20 Jahre später scheint die Idee wie ausgelöscht zu sein. Ulrich Cimolino, Waldbrand-Experte beim Deutschen Feuerwehrverband, sagt, ihm sei nicht bekannt, dass das Verfahren in Deutschland oder im Ausland angewendet werde: "Da ist einmal das Problem mit dem Ausweiten des Feuers. Das Feuer breitet sich weniger in definierten Linien aus, sondern wir haben immer eine unregelmäßige Feuerentwicklung und es ist sehr schwer, das vorher abzuschätzen."

Das heißt, man müsste entweder auf gut Glück eine Schlauchlinie legen und hoffen, dass sich das Feuer dorthin bewegt oder aber man verlegt mehrere Schläuche – das sei dann aber sehr aufwendig, sagt Cimolino.

Einen weiteren Grund nennt der sächsische Landesbranddirektor Dirk Schneider. Löschverfahren mit Sprengstoffen würden in Deutschland generell nicht angewendet: "Das liegt daran, dass man die Einsatzkräfte erst gar nicht dieser Gefahr aussetzen möchte, mit Sprengmitteln umgehen zu müssen. Andererseits ist die Ausbringung von Sprengmitteln mit so hohem logistischen Aufwand verbunden, dass es einfacher ist, gleich mit Wasser zu löschen", erklärt Schneider.

Der Umgang mit Sprengstoff ist in Deutschland streng geregelt. Allein nur für die Lagerung braucht es eine Ausbildung. Der Aufwand dafür sei viel zu hoch, sagt Ulrich Cimolino. Deshalb glaubt er nicht an das 2RS-Verfahren.

Schnellerer Einsatz von Hubschraubern gefordert

Stattdessen sieht er ganz andere Baustellen bei den Feuerwehren. Im taktischen Bereich seien sie momentan noch zu schlecht für die Bekämpfung von Waldbränden aufgestellt: "Wir müssen weg von diesem Klein-Klein am Anfang. Wir müssen die Vegetationsbrandbekämpfung immer groß denken", das heiße, es müssten, wenn es im Wald brennt, gleich mehrere Löschzüge eingesetzt werden. "Ich muss viel schneller die Möglichkeit haben, an Luftfahrzeugunterstützung zu kommen", fordert Cimolino. "Das ist in Deutschland viel zu kompliziert".

Es gebe je nach Bundesland sehr unterschiedliche Regeln zum Anfordern von Hubschraubern. Das führe dazu, dass sie teilweise viel zu spät eingesetzt würden und dann nicht mehr so wirksam seien wie kurz nach Ausbruch des Brandes, erklärt Cimolino. Außerdem müssten Einsatzkräfte geschult werden, wie sie einen Waldbrand bekämpfen – und das am besten zentral an einem Ort in Deutschland.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 04. August 2022 | 06:21 Uhr