Corona-Pandemie Effekte einzelner Lockdown-Maßnahmen unklar

Zum Lockdown gehören Kontaktbeschränkungen, Schul- und Geschäftsschließungen, Maskenpflicht und vieles mehr. Die Opposition im Bundestag, aber auch Wirtschaftsverbände oder Mediziner kritisieren an den Maßnahmen, dass deren Wirksamkeit nicht belegt sei. Auch MDR AKTUELL-Hörerin Angelika Hüppe aus Kassel fragt, warum die Datengrundlage für gezielte Entscheidungen in Bezug auf die Corona-Pandemie nicht gegeben sei.

Fahrgäste mit medizinischen Masken im Nahverkehr in Brandenburg
Mit ihren Vorhersagen des Corona-Verlaufs im Januar lag die Leopoldina weitgehend richtig. Bildrechte: IMAGO / Eibner / Lakomski/Eibner-Pressefoto

Das Problem räumt auch die Bundesregierung ein. Im Januar wollten FDP-Abgeordnete in einer kleinen Anfrage wissen, welche Erkenntnisse es über die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen gebe. Die Antwort blieb allgemein. Wahrscheinliche Infektionswege würden regelmäßig vom Robert Koch-Institut veröffentlicht. Aber: "Bei einer Auswertung ist zu berücksichtigen, dass die Ansteckungsumstände aktuell in einem Großteil der Fälle keinem konkreten Ausbruchsgeschehen zugeordnet werden können."

Wirkung von Schulschließungen unklar

So gab es beispielsweise in der abgelaufenen Kalenderwoche mehr als 75.000 neue Infektionen, aber nur in jedem siebten Fall konnte ein Ansteckungsort ermittelt werden, am häufigsten in Alten- und Pflegeheimen.

Für einen Statistiker wie Helmut Küchenhoff ist das unbefriedigend. Sein Institut an der Universität München wertet seit Beginn der Pandemie Daten aus, von täglichen Fallzahlen bis zu aktuellen Studienergebnissen. Sein Fazit: "Es gibt eigentlich nur eine klare Evidenz für die Wirkung des Verbots von Massenveranstaltungen und das Verhindern der Verbreitung durch Masken. Unklar bleibt insbesondere in Deutschland die Rolle von Schulschließungen, von Geschäftsschließungen und der Kultur."

Modellrechnungen sind plausibel

Doch was spielt dann eine Rolle bei den Beschlüssen der Politik – abgesehen von Neuinfektionen, Todesfällen und belegten Intensivbetten? Beispiel: der verschärfte Lockdown im Dezember. Davor gab es eine Stellungnahme der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina. Mit einem mathematischen Modell, das die Entwicklung der Fallzahlen bis in den Januar vorhersagte – je nachdem, ob nun strenge, milde oder gar keine Verschärfungen folgen würden.

Hier sagt Helmut Küchenhoff rückblickend: gute Arbeit: "Damit hatten sie Recht, mit diesem Schluss. Und interessanterweise – ich hab mir das jetzt nochmal angeschaut – ist der Verlauf der Kurve für Bayern durchaus ähnlich zu den Szenarien, die die damals gerechnet haben. Also, wir sind jetzt auch bei einem R-Wert, der so zwischen 0,8 und 0,9 liegt – und das sind ja genau die Annahmen, die die gemacht haben."

Studie soll Wissenslücke schließen

Doch auch da ging es um ein Bündel an Maßnahmen, um Kontakte zu reduzieren – ihre Wirkung im Einzelnen lässt sich schwer beziffern. Diese Wissenslücke will das Robert Koch-Institut nun zumindest verkleinern mit der sogenannten StopptCOVID-Studie. Federführend ist unter anderem der Epidemiologe Kayvan Bozorgmehr von der Universität Bielefeld. "Wir machen es uns zunutze, dass im Vergleich mit anderen europäischen Ländern andere Maßnahmenpakete ergriffen werden. Das heißt, wir werden für größere Gesellschaftsbereiche Aussagen treffen können, aber sicherlich nicht in einer Auflösung, die jetzt eine Aussage zulässt, ob die Schließung von Friseursalons sinnvoll war oder nicht."

Sieben Kategorien wird die Studie laut Bozorgmehr erfassen, darunter Geschäftsschließungen im Allgemeinen oder Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr. Erste Ergebnisse über deren Wirkung sollen in sechs bis acht Wochen vorliegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Februar 2021 | 06:00 Uhr

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