Zukunft des Homeoffice Gewerkschaften befürchten neue Ungerechtigkeiten

Es gab eine Zeit, in der Berufstätige um die Möglichkeit kämpfen mussten, von zu Hause aus zu arbeiten. Das war vor der Krise. Viele Arbeitgeber wollen auch künftig Homeoffice ermöglichen. Siemens plant gar, für weltweit 140.000 Beschäftigte das mobile Arbeiten zur Dauerlösung zu machen. Gewerkschafter sehen aber nicht nur Vorteile, sondern warnen auch vor neuen Ungerechtigkeiten.

Eine Frau arbeitet mit Kopfhörern im Homeoffice
Die Corona-Krise hat das Arbeiten nachhaltig verändert. Viele Firmen wollen dauerhaft auf das mobile Arbeiten von Zuhause setzen. Gewerkschafter warnen vor neuen Ungerechtigkeiten. Bildrechte: dpa

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise hat Peter Ledermann alle nach Hause geschickt – mehr als 500 Leute. Kein einziger Mitarbeiter saß mehr in den Büros des Leipziger Onlinehändlers Mercateo. Ledermann, Vorstand für Personal und Finanzen, war neugierig, ob das mit dem Homeoffice klappt.

Es hat erstaunlich gut funktioniert.

Peter Ledermann vom Onlinehändler Mercateo

Ledermann sagt, es sei "interessant" gewesen. Etwa habe er mit einem neuen Kollegen zusammengearbeitet, der schon sechs Wochen dabei gewesen sei, aber noch nie die Büros oder einen Kollegen persönlich gesehen hatte. "Aber er hat gut mit uns zusammengearbeitet." Außerdem habe man versucht, Flur und Kaffeeküche zu ersetzen. Man habe einen virtuellen Treffpunkt "Kaffeetrinken" eingerichtet, erklärt der Personalverantwortliche.

Viele Firmen wollen Heimarbeit beibehalten

Statt in der Kantine plaudern die Mitarbeiter seither über die Kamera. Für Ledermann ist klar, dass in seinem Unternehmen Mercateo die Möglichkeit zum Homeoffice bleiben wird. Damit ist er in guter Gesellschaft.

Glaubt man einer Umfrage des Ifo-Instituts, wollen 54 Prozent der befragten 7.000 Firmen Homeoffice dauerhaft ermöglichen. Studienautor Jean Victor Alipour verwundert das nicht. Ihm zufolge zeigen Untersuchungen aus den USA, "dass Beschäftigte im Homeoffice im Durchschnitt produktiver sind". Unternehmen könnten damit perspektivisch auch Büroflächen einsparen. "Und durch das Ausschreiben von Homeoffice-fähigen Jobs kann man weltweit fähige Fachkräfte rekrutieren", sagt der Autor der Ifo-Studie Alipour.

Befürchtungen bei der Gewerkschaft

Doch die Begeisterung ist nicht überall so groß. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) macht Sachsens Landesvorsitzender Markus Schlimbach ein paar Fragezeichen hinters Homeoffice. Denn es drohten neue Ungerechtigkeiten. Schlimbach mahnt: "Es gibt diejenigen, die Homeoffice machen können. Und es gibt diejenigen, die überhaupt nicht ins Homeoffice können. Das sind all die Produktionsberufe, all die Berufe im sozialen Bereich, wo an Menschen gearbeitet wird. Die können kein Homeoffice machen."

Das ergibt eine Spaltung, auch innerhalb einer Belegschaft.

Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach

Grundsätzlich befürwortet Schlimbach Homeoffice. Doch der Gewerkschafter sagt, es müsse klare Vereinbarungen in den Betrieben geben, wer welche Flexibilität für sich in Anspruch nehmen dürfe. Wann auch zu Hause Feierabend ist. Und aus dem zuletzt diskutierten Recht auf Homeoffice dürften Unternehmer keine Pflicht machen. Denn manches Zuhause sei zum Arbeiten gar nicht geeignet.

Im Büro werde darauf geachtet, dass man einen ordentlichen Bürostuhl habe, dass der Schreibtisch höhenverstellbar sei oder dass ein ordentlicher Monitor sowie ein Drucker da seien, erklärt der DGB-Landeschef. Außerdem müsse der Arbeitgeber das alles den Beschäftigten auch zur Verfügung stellen, wenn Homeoffice zum Regelfall werden sollte.

Neue Arbeitskultur: reale Distanz – digitale Nähe

Schlimbach erzählt, auch für die Angestellten der Gewerkschaft habe es Homeoffice gegeben. Doch nach ein paar Wochen hätten viele ihre Kollegen vermisst, die persönlichen Begegnungen.

Bei Mercateo in Leipzig sind die Erfahrungen anders. Vorstand Ledermann erzählt, man sei sich auf Distanz sogar nähergekommen. Es sei ihm selbst so ergangen. "Ich habe in so kurzer Zeit noch nie so viele Kinder von Mitarbeitern kennengelernt. Die einfach auch mal in die Kamera winken wollen." Inzwischen können die Mitarbeiter von Mercateo wieder in ihren Büros arbeiten. Die Mehrheit aber zieht das Zuhause weiterhin vor, sagt Ledermann. Zurückgekehrt seien bislang etwa 30 bis 40 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juli 2020 | 05:00 Uhr

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland