Pro und Kontra Das spricht für mobiles Arbeiten – und das dagegen

Arbeiten im Homeoffice oder von unterwegs ist für viele in der Coronakrise zum Dauerzustand geworden. Ist mobiles Arbeiten das Modell für die Zukunft? Der Gesetzesvorstoß des Bundesarbeitsministeriums für eine staatliche Garantie stößt auf viel Gegenwind. Arbeitgeberverbände lehnen das entschieden ab. Zu Recht?

Symbolfoto zum Thema Home office, ein laptop auf einem Wohnzimmertisch
Abwarten und Tee oder Saft trinken? Das verkneifen sich Mitarbeiter im Homeoffice. Sie arbeiten meist mehr und produktiver als Kollegen im Büro. Ihr wichtigstes Arbeitsmittel: der Laptop. Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Vorschlag zum Recht auf Homeoffice

In anderen europäischen Ländern haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schon länger das Recht, einen Teil ihrer Arbeitszeit auch zu Hause zu erledigen. 2015 wurde etwa in den Niederlanden das Recht auf flexible Arbeitszeiten gesetzlich verankert. Hierzulande hat Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erst kürzlich einen Gesetzentwurf für ein Recht auf mobiles Arbeiten vorgelegt.

Im Frühjahr hatte der SPD-Minister noch einen generellen Rechtsanspruch angekündigt: "Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Homeoffice arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist." Nach Widerspruch aus dem CDU-geführten Wirtschaftsministerium hat Heil nun seinen Entwurf für das "Mobile-Arbeit-Gesetz" abgeschwächt: auf 24 Tage Mindestanspruch im Jahr für Vollzeitbeschäftigte. Aus der Union kommt weiter scharfe Kritik. Ob Beschäftigte künftig zeitweise und staatlich garantiert mobil oder im Homeoffice arbeiten dürfen, wird in der Bundesregierung kontrovers diskutiert. Ausgang ungewiss.

Im Bundesarbeitsministerium beruft man sich mit dem Entwurf auf die aktuell von vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Pandemie gewonnen Erfahrungen, und auf eine im eigenen Auftrag gefertigte Studie, laut der Beschäftigte mehrheitlich einen Rechtsanspruch auf Homeoffice und mobiles Arbeiten fordern. Auch im Koalitionsvertrag wurde für diese Legislaturperiode eine Regelung in Aussicht gestellt. Darin heißt es: "Wir wollen mobile Arbeit fördern und erleichtern."

Kurz erklärt: das "Mobile-Arbeit-Gesetz"

Das "Mobile-Arbeit-Gesetz" sieht für Arbeitnehmer "dort, wo es möglich ist" einen Rechtsanspruch auf mindestens 24 Tage mobiles Arbeiten im Jahr vor. Die 24 Tage möchte Arbeitsminister Heil als Untergrenze verstanden wissen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber könnten sich individuell in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen auf mehr mobiles Arbeiten verständigen. Ein Arbeitgeber könne aber auch den Wunsch nach mehr Arbeit aus dem Homeoffice ablehnen, wenn er nachvollziehbare organisatorische oder betriebliche Gründe anführt. Heil sagte im "Deutschlandfunk", er wolle den Beschäftigten rechtlich den Rücken stärken. Es solle nicht mehr möglich sein, willkürlich den Wunsch eines Arbeitnehmers zu verwehren, an einzelnen Tagen von zu Hause aus zu arbeiten.

Kein Anspruch auf Homeoffice – auch in Pandemie-Zeiten

Heils Pläne sind umstritten: Nicht jede Beschäftigung lässt sich zu Hause erbringen und nicht jeder Arbeitgeber ist bereit, Homeoffice zu gewähren. Die Coronakrise hat zwar gezeigt, dass Arbeiten im Homeoffice in vielen Bereichen möglich ist, ein rechtlicher Anspruch darauf besteht bisher nicht. So entschied das Arbeitsgericht Augsburg unter Berufung auf das Weisungsrecht des Arbeitgebers, dass ein Arbeitnehmer auch während der Corona-Pandemie weder einen Anspruch auf Homeoffice, noch auf ein Einzelbüro hat.

Was genau bedeutet es, mobil zu arbeiten?

Mobile Arbeit ist räumlich entgrenzte Arbeit, die an jedem beliebigen Ort und zeitlich flexibel stattfinden kann: Arbeit zu Hause, beim Kunden, unterwegs, irgendwo in der Welt. Mobil ist Arbeit auch dann, wenn nicht nur viele Dienstreisen anfallen, sondern auch der Arbeitsinhalt mobil ist, z.B. bei virtuellen Projektteams. Mobile Arbeit kann entweder an einem Ort, der vom Arbeitnehmer selbst gewählt wird oder an einem fest mit dem Arbeitgeber vereinbarten Ort (z.B. Homeoffice) erbracht werden. Mobile Arbeit setzt die Nutzung mobiler Endgeräte voraus. Vom Grundsatz her erfolgt mobile Arbeit außerhalb von definierten und geregelten Arbeitsumgebungen. Sie ist daher auch nicht Gegenstand der Arbeitsstättenverordnung. Dennoch gilt das Arbeitsschutz- und auch das Arbeitszeitgesetz.

Das "Corona-Homeoffice" ist meist kein "Telearbeitsplatz"

Mobile Arbeit unterscheidet sich von der Telearbeit, die ortsgebunden erfolgt. Diese Unterscheidung ist vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie relevant. Im Fall des derzeit typischen Homeoffice gibt es keinen vom Arbeitgeber fest eingerichteten Bildschirmarbeitsplatz. Vielmehr werden die Beschäftigten relativ spontan mit dem Laptop in der Hand nach Hause geschickt und müssen dort aus Platzmangel nicht selten am Küchentisch arbeiten. Dieses Szenario entspricht in der Regel keinem Telearbeitsplatz laut Arbeitsstättenverordnung. Aus einem solchen vorübergehenden Homeoffice kann mit der Zeit aber durchaus ein fest eingerichteter und entsprechend regulierter Telearbeitsplatz werden.

Homeoffice für 35 Prozent der Beschäftigten beruflicher Alltag

Die gesellschaftspolitische Debatte um ein Recht auf Homeoffice hat coronabedingt erheblich Schwung aufgenommen, so sehr, dass die Arbeit in den eigenen vier Wänden diesmal wohl wirklich auch für nicht selbständig tätige Menschen Teil des Berufsalltags bleiben dürfte. Laut Umfragen gehen fast 90 Prozent der Befragten davon aus, dass nach der Pandemie deutlich mehr Arbeit von daheim aus erledigt wird als davor. Bei sehr vielen Beschäftigten ist das durchaus erwünscht. Die Frage ist: Was spricht für die Heimarbeit oder mobiles Arbeiten und was dagegen?

Eine Frau arbeitet während der Corona-Einschränkungen im Homeoffice
Geringverdiener und Beschäftigte mit niedrigeren Qualifikationen haben erheblich seltener die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Bildrechte: imago / imago images / Hans Lucas

Über das Gesetzesvorhaben des Arbeitsministers wird breit diskutiert, doch auf welchen Fakten basiert die Debatte? Die wichtigste Zahl ist wohl diejenige, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bereits im Frühjahr 2020 ermittelt hat und die nach Angaben des Arbeitsministeriums weiterhin gilt. Rund 35 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ist derzeit ins Homeoffice gewechselt, ganz oder zumindest tageweise. Das sind etwas mehr als 14 Millionen Arbeitnehmer.

Besserverdienende häufiger in Heimarbeit

Das DIW hatte schon Jahre vor der Pandemie geschätzt, dass rund 40 Prozent aller abhängig Beschäftigten hierzulande theoretisch von zu Hause aus arbeiten könnten. In Vor-Corona-Zeiten hatte das Institut festgestellt: "In den meisten Fällen scheitert der Wunsch nach Heimarbeit an den Arbeitgebern. Würden sie umdenken, könnte der Anteil der Heimarbeiter auf über 30 Prozent steigen." Tatsächlich lag die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die gelegentlich oder immer den heimischen Schreibtisch nutzten vor der Coronakrise Schätzungen des SPD-geführten Bundesarbeitsministeriums zufolge bei etwa 24 Prozent. 2016 lag der ermittelte Wert demnach nur halb so hoch, bei rund zwölf Prozent. Vor allem Beschäftigte mit höheren Einkommen und höherer Bildung hätten ihre Arbeit im Homeoffice erledigt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Oktober 2020 | 14:30 Uhr

5 Kommentare

ElBuffo vor 25 Wochen

Da macht möglicherweise auch so mancher AN mit, spart er sich da die tägliche Fahrerei hin und in der Regel ja auch wieder zurück. Letztlich wird es sich aber öfter um Arbeiten handeln, wo der Markt sich jetzt nicht so vor Bewerbern überschlägt. Klar, Gebäudereiniger oder Gastgewerbler würden da leichteres Spiel haben. Aber da sieht es mit Home-Office echt schwierig aus.

Realist62 vor 26 Wochen

+Bin mal gespannt, ob die Kosten für das Homeoffice steuerlich vernünftig anrechenbar sind, vor allem ohne extra Arbeitszimmer.+
Oh ja, da müsste der Herr Scholz ein Gesetz kippen, das sein Parteikollege Steinbrück 2005 eingeführt hat( 2010 etwas entschärft). Damit wäre schon Heils ,,Home-Office" fast erledigt und der Hubertus könnte sich dann weiter den Hartz-4-Reformen widmen. ,,So einfach und man macht es komplizierter"( frei nach Karl Valentin).

Anni22 vor 26 Wochen

Vorteil beim Homeoffice, man spart den Fahrweg und die Zeit. Nachteil man trägt alle anderen Kosten selber; Strom, Heizung; Möbel usw. Wer ein seperates Zimmer hat kann das gut machen. Homeoffice im Wohnzimmer mit Kindern ist eher schwierig. Bin mal gespannt, ob die Kosten für das Homeoffice steuerlich vernünftig anrechenbar sind, vor allem ohne extra Arbeitszimmer.

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