Interview mit Frauenärztin Gebärmutterhalskrebs: Kritik an WHO wegen HPV-Impfempfehlung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vor wenigen Tagen eine neue Empfehlung zur Impfung gegen HPV-Viren ausgesprochen. Dr. Cornelia Hösemann ist Frauenärztin und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Sie kritisiert scharf, dass sich diese nur an Mädchen und junge Frauen richtet. Denn auch Jungen und junge Männer können humane Papillomviren übertragen, welche zu Gebärmutterhalskrebs führen können.

Impfung einer jungen Frau
Gegen HP-Viren lassen sich vor allem Mädchen impfen – dabei können sie auch für Jungen gefährlich sein. Bildrechte: imago images/photothek

Gebärmutterhalskrebs durch HPV: vierthäufigste Krebsart bei Frauen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ihre Impfempfehlung zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs erneuert. Die Empfehlung stützt sich auf neue Studien-Daten, die zeigen, dass Mädchen und Frauen unter 21 Jahren mit einer Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) gut geschützt seien, die für den Krebs fast immer ursächlich sind. Bisher waren zwei Impfdosen empfohlen. Im Jahr 2020 starben weltweit mehr als 340.000 Frauen an der Erkrankung. Es ist die vierthäufigste Krebsart bei Frauen.

Für die Landesvorsitzende vom Berufsverband der Frauenärzte Sachsen, Dr. Cornelia Hösemann, greift die Empfehlung allerdings deutlich zu kurz. Sie kritisiert, dass Jungen und junge Männer in der Empfehlung keine Rolle spielen. Im Interview mit dem MDR-Magazin "Hauptsache Gesund" erläutert sie außerdem, warum die Empfehlung der WHO nicht ab sofort in Deutschland umgesetzt wird. Dr. Hösemann ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission (SIKO) und Sprecherin der Projektgruppe HPV-Schulimpfung in Sachsen.

Interview mit Dr. Cornelia Hösemann zur neuen Impf-Empfehlung

- Die WHO hat nun empfohlen, die Impfung gegen HPV für Mädchen und junge Frauen unter 21 auf eine Dosis zu beschränken. Heißt das nun für diese Gruppe: Ab morgen nur noch eine Impfung?

Dr. Cornelia Hösemann: Nein. Die WHO hat empfehlenden Charakter, keinen durchsetzenden Charakter und hat damit keine Verfügungsmöglichkeit darüber, wie die Empfehlung in den einzelnen Ländern umgesetzt wird. In Deutschland werden solche Empfehlungen zunächst von der STIKO (Ständige Impfkommission) geprüft und dann wird darüber entschieden. Nur weil die WHO Daten vorliegen hat, aus denen sie diese Empfehlung ableitet, heißt das noch nicht, dass es in Deutschland auch umgesetzt wird.

Frauenärztin Cornelia Hösemann
Dr. Hösemann ist Mitglied der Sächsischen Impfkommission (SIKO) und Sprecherin der Projektgruppe HPV-Schulimpfung in Sachsen. Bildrechte: Cornelia Hösemann

- Wie lange dauert denn der Prozess?

Dr. Cornelia Hösemann: Das kann schon mal ein bis zwei Jahre dauern. Die Datenlage muss genau geprüft werden, auch die zugrunde liegenden Quellen. Das ist keine Sache, die von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Außerdem muss man bedenken: Das Impfschema, also ob zwei oder drei Dosen notwendig sind, wird in den Zulassungsstudien der Impfstoffhersteller festgelegt. Eine Empfehlung der WHO ändert auch daran erstmal nichts.

- Wir schätzen Sie die Empfehlung ein?

Dr. Cornelia Hösemann: Die WHO hat für diese Dekade den Kampf gegen den Krebs ausgerufen bis 2030, und auch der durch die HP-Viren ausgelöste Gebärmutterhalskrebs steht auf der Agenda. Weltweit möchte man daher die Impfquote bei jungen Frauen erhöhen. Die Frage ist: Wie sinnvoll ist das angelegt? Denn die Empfehlung gilt nur für Mädchen und junge Frauen bis 21 Jahre. Das ist in meinen Augen fast ein Rückschritt.

- Wieso sehen Sie die Empfehlung fast als einen Rückschritt?

Dr. Cornelia Hösemann: Die Empfehlung berücksichtigt überhaupt nicht Jungen und junge Männer. Diese Empfehlung gibt es für Deutschland durch die Stiko schon seit 2018. Denn Männer sind genauso Überträger der Viren wie Frauen. Das in dem Papier nur Mädchen und junge Frauen erwähnt werden, ist einfach zu kurz gedacht. Wenn wir über die Impfung etwas erreichen wollen, dann sollten alle ab neun Jahren geimpft werden, ob nun Junge oder Mädchen. Natürlich kann man sich dann die Daten angucken und beraten, ob nun eine oder zwei Impfungen für den vollständigen Schutz notwendig sind. Aber das Entscheidende ist: Beide Geschlechter müssen geimpft werden. Man würde ja auch die Empfehlung, einen Gurt anzulegen, nicht nur auf Männer beschränken, weil die vielleicht im Durchschnitt mehr Unfälle haben und deswegen gefährdeter sind.

- Wie ist denn die Impfsituation in Deutschland?

Dr. Cornelia Hösemann: Ich würde sagen: mittelprächtig. Deutschland ist von den Spitzenreitern weit entfernt. Die Impfquote bei den 15-jährigen Mädchen beträgt aktuell 42%. Da Jungen erst seit 2018 geimpft werden, dort noch viel weniger. Für einen Kollektivschutz bräuchten wir eine Quote von 80-90%. Da sind wir meilenweit von entfernt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 12. April 2022 | 06:00 Uhr

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