Tierschutz Tierrechtsorganisation PETA fordert bundesweite Pflicht zum Hundeführerschein

In Baden-Württemberg müssen Hundebesitzer künftig einen sogenannten Hundeführerschein vorweisen können. So steht es im neuen Koalitionsvertrag von CDU und Grünen. Auch in Mitteldeutschland werden immer wieder Forderung laut, den Hundeführerschein verpflichtend für alle zu machen. Wie haben das die einzelnen Bundesländer bislang geregelt? Und: Wozu ist so ein Hundeführerschein überhaupt gut?

American Staffordshire Terrier
Der American Staffordshire Terrier gehört zu den Hunden, für die es in Sachsen und in Sachsen-Anhalt jetzt schon einen Hundeführerschein braucht. Bildrechte: Colourbox.de

Wie verhält sich mein Hund gegenüber Fremden? Wie reagiert er in stressigen Situationen? Das sind Fragen, mit denen sich Hundebesitzer auskennen sollten. In Baden-Württemberg müssen sie das künftig auch unter Beweis stellen und einen sogenannten Hundeführerschein machen. Damit soll nicht nur sichergestellt werden, dass der Hund keine Gefahr für andere Menschen darstellt, sondern auch, dass der Halter die Bedürfnisse seines Hundes kennt.

Diese Regeln gelten für Hundebesitzer in Mitteldeutschland

Bislang war der Hundeführerschein nur in Niedersachsen für alle Hundebesitzer verpflichtend. In anderen Bundesländern – auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt – gilt eine ähnliche Nachweispflicht nur für Halter bestimmter Hunderassen. Hundebesitzer, deren Hunde auf der Liste gefährlicher Hunde stehen, müssen einen sogenannten Sachkundenachweis erbringen. Dieser kann über den Hundeführerschein erworben werden. Für alle anderen ist der Hundeführerschein freiwillig. Je nach Bundesland gelten für Hundebesitzer von Rasselistenhunden zusätzlich noch weitere Vorgaben.

Regeln für Rasselistenhunde in Mitteldeutschland

Sachsen: Hier stehen der Pitbull Terrier, der Bullterrier und der American Staffordshire Terrier sowie deren Kreuzungen auf der Liste. Wer einen dieser Hunde halten möchte, muss volljährig sein und ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis sowie einen Sachkundenachweis erbringen können. Außerdem darf der Hund außerhalb des eigenen Geländes nur mit Leine und Maulkorb geführt werden.

Sachsen-Anhalt: Hier stehen ebenfalls der Pitbull Terrier, der Bullterrier, der American Staffordshire Terrier und dazu noch der Staffordshire Bullterrier auf der Liste. Auch hier muss der Hundehalter volljährig sein und einen Sachkundenachweis vorlegen. Außerdem muss er seinen Hund mit einem Transponder kennzeichnen lassen. Eine generelle Leinen- und Maulkorbpflicht gilt seit 2016 nicht mehr.

Thüringen:
2019 hat der Landtag die Rasseliste abgeschafft. Seitdem gelten die Vorgaben und Beschränkungen nur für Hunde, die schon einmal auffällig geworden sind und aggressives Verhalten gezeigt haben. In einem solchen Fall muss der Hundebesitzer einen Sachkundenachweis erbringen.

In allen drei Bundesländern verlangen die Behörden bei gefährlichen Hunden einen Wesenstest, bei dem nachgewiesen wird, dass der Hund ein sozial verträgliches Verhalten zeigt.

American Staffordshire Terrier
Der American Staffordshire Terrier steht in Sachsen und in Sachsen-Anhalt auf der Liste gefährlicher Hunde. Bildrechte: Colourbox.de

Jana Hoger, Haustier-Expertin bei der Tierechtsorganisation PETA, sieht diese Listen kritisch: "Ein Pitbull ist nicht unbedingt gefährlicher als ein Pudel oder ein Schäferhund. Das sind einfach Hunde, die von uns Menschen zu etwas abgestempelt werden, was sie nicht sind. Das Problem ist viel eher, dass diese Hunde oft aus dubiosen Quellen stammen, dass mit denen auch Missbrauch passiert." Die Statistik gibt ihr recht: In Sachsen wurden im vergangenen Jahr knapp 400 Menschen durch Hunde verletzt. Nur sieben davon durch Listenhunde.

Debatte um Hundeführerschein in Sachsen

In Mitteldeutschland wird immer wieder darüber diskutiert, ob der Hundeführerschein nicht auch hier verpflichtend für alle sein sollte. In Sachsen kochte die Debatte darüber erst kürzlich wieder hoch, nachdem in Taucha ein Ehepaar und ihr Hund von ein paar Hirtenhunden angegriffen worden waren. Aktuell gibt es aber keinerlei Bestrebungen in die Richtung.

Bettina Krist ist Hundetrainerin in Leipzig und würde sich einen verpflichtenden Hundeführerschein für Sachsen sehr wünschen: "Weil sich dadurch, glaube ich, viele Menschen im Vorfeld viel intensiver mit der Anschaffung eines Hundes beschäftigen würden, weil man gezwungen wird, sich zu fragen: Was kommt da eigentlich auf mich zu? Was muss ich alles beachten?" In ihrer Hundeschule bietet Krist auch Vorbereitungskurse für den Hundeführerschein an. Dabei beobachtet sie immer wieder, wie Hund und Halter davon profitieren: "Gerade durch die Vorbereitung schweißt man natürlich auch als Team mit seinem Hund zusammen. Die gemeinsame Arbeit stärkt die Bindung. Es ist auch einfach immer schön zu sehen, wie sich das Verhalten zum Hund positiv verändert."

Der Verband für das Deutsche Hundewesen, der größte Lobbyverband für Hundehalter, spricht sich allerdings seit Jahren gegen eine Hundeführerschein-Pflicht für alle aus. Im Interview mit dem MDR-Nachrichtenmagazin "exakt" plädiert Geschäftsführer Jörg Bartscherer für Freiwilligkeit: "Ich halte es für richtiger, jedem zu sagen, der sich einen Hund kauft, dass er so einen Kurs besuchen müsste, wo er sich über Rassen, Hunde, Hundehaltung und Ernährung erkundigt. Aber das mit einer Prüfung zu machen, halte ich für schwierig. Auch für ältere Menschen, die solche Prüfungen scheuen werden und aufgrund ihres Alters nicht mehr in eine Prüfungssituation möchten."

PETA: Weniger Beißvorfälle durch Hundeführerschein-Pflicht

Jana Hoger von der Tierrechtsorganisation PETA, hält nichts von der Freiwilligkeit: "Wir sehen, dass es wenig angenommen wird." PETA fordert schon lange, dass der Hundeführerschein bundesweit für alle Hundebesitzer verpflichtend wird. "Weil einfach das große Problem ist, dass Hunde ja nicht von Natur aus aggressiv oder böse sind, sondern dass wir Menschen das Problem sind", so Hoger. "Das heißt, dass das Problem auf der anderen Seite der Leine hängt, weil wir die Kommunikation, das Verhalten der Vierbeiner nicht richtig verstehen und es dadurch dann häufig zu Beißvorfällen kommt, die eigentlich vermieden werden könnten."

Jana Hoger mit ihrer Hündin Emmi
Jana Hoger mit ihrer Hündin Emmi Bildrechte: PETA Deutschland e.V.

Das Verhalten des Hundes verstehen – genau darum geht es in der Vorbereitung für den Hundeführerschein und am Ende auch in der Prüfung. Im theoretischen Teil muss der Hundehalter 35 Multiple-Choice-Fragen zu Themen wie zum Beispiel Kommunikation, Pflege oder Ernährung beantworten. Im Praxistest gibt es eine Gehorsamkeitsprüfung, die auch mal in einer hektischen Fußgängerzone stattfinden kann, wo sich der Hund nicht aus der Ruhe bringen lassen darf. Das sei alles machbar, sagt Hundetrainerin Bettina Krist: "Es ist eine Sache, die man locker schaffen kann."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 17. März 2021 | 19:50 Uhr

6 Kommentare

dieFroehliche vor 6 Wochen

Man muss ja als gewerbliche Hundeschule beim Vetamt eine Prüfung ablegen. Leider sind die Trainer von Hundevereinen größtenteils davon befreit, was leider zur Folge hat, das manchmal dort die Trainer ihr Unwesen treiben, die man eigentlich nicht mehr mit ihren Uraltmethoden haben möchte.

dieFroehliche vor 6 Wochen

Ich arbeitete mehr als 30 Jahre mit Hunden und ihren Menschen. Die Ansprüche der Gesellschaft an "gut angepasste" Hunde wuchs besonders in den letzten 10 Jahren, da ja Dank "Fernsehhundeprofis" Probleme augenscheinlich mit Fingerschnipsen behoben werden.
Hundetraining entwickelte sich mehr zur Bespaßung der Hundehalter am Wochenende und sorgte in den Sommermonaten für volle Vereinskassen. Das manche Hunde aber den Anforderungen nicht gewachsen sind, viele Halter zu auch überfordert sind, wird gern übersehen. Strassenhunde die sich plötzlich an den Menschen binden sollen, Tiere aus Arbeitslinien die als Familienhund glücklich werden sollen, Hunde mit besonderen Charakteren, Hunde aus Beissvorfällen, viele von Ihnen landen irgendwann im Tierheim. Das Tier "Hund" selbst hat nichts von diesem Führerschein, denn aus meiner Erfahrung heraus setzen die meisten Hundehalter das Erlernte zu Hause nicht um. Und wer soll letztendlich das kontrollieren?

Stefan Der vor 6 Wochen

Ein Hundeführerschein sollte für alle Menschen, die einen Hund halten wollen verpflichtend sein. Zum einen lernt der künftige Hundebesitzer seinen Hund (egal welche Rasse) besser kennen und erkennt Signale besser. Zum anderen werden Menschen, die diesen Hundeführerschein als zu große Hürde für die Haltung eines Hundes betrachten, von der Anschaffung abgehalten. Natürlich muss dieser Führerschein zum Teil VOR der Anschaffung des Hundes erfolgen. Wenn man so will, ein theoretischer Teil vor der Anschaffung und der praktische Teil mit dem angeschafften Hund.

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