MDR EXAKT Tödliche Raserei: Zahl illegaler Autorennen steigt

Der Nervenkitzel des Schnellfahrens wird wohl selten als so stark empfunden wie bei einem Autorennen. Oft sind es junge Fahrer mit PS-starken Autos, die Unbeteiligte in tödliche Gefahr bringen. Den Fahrern wird häufig erst nach einem Unfall das Ausmaß ihrer Tat bewusst – wenn es schon zu spät ist.

Vater und Sohn am Grab der überfahrenen Mutter 7 min
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In der Vorweihnachtszeit 2019 sorgte ein Fall aus Halle für Aufsehen: Bei einem mutmaßlich illegalen Autorennen wurde die 43-jährige Kathrin Bagger getötet. Die Fahrer der zwei Wagen rasten durch Halle und hielten auch dann nicht an, als die Frau von einem der Autos frontal erfasst wurde. 30 Kilometer hinter der Unfallstelle wurde der erst 19-jährige Fahrer gestellt.

Der Grabstein von Kathrin Bagger ist mit Blumen und Kerzen geschmückt. Sie wurde 43 Jahre alt.
Kathrin Bagger wurde nur 43 Jahre alt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Ehemann des Opfers und die drei Söhne sind bis heute damit beschäftigt, das Geschehene zu verarbeiten. Das Leben von Familie Bagger wurde seit dem Tod der Mutter aus den Angeln gehoben.

Amon Bagger, der älteste Sohn, sagt: "Da zieht dich noch mal alles runter. Und da denkst du wieder darüber nach, warum das alles so ist. Das ist ja nur, weil er zu schnell gefahren ist, geflüchtet ist. Nicht mal angehalten hat er."

Zahl illegaler Autorennen verdoppelt

Der Fall aus Halle reiht sich in eine lange Liste von illegalen Straßenrennen ein. Die Zahl der Ermittlungen hat sich bundesweit von 2018 zu 2019 von 1000 auf fast 2000 Fälle verdoppelt. In Sachsen sogar mehr als vervierfacht: 2018 waren es noch 21 polizeilich registrierte Fälle, 2019 wurden in 92 Fällen die Ermittlungen aufgenommen.

Dieter Müller ist Professor für Verkehrsstrafrecht an der Polizeihochschule in Bautzen. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit "verbotenen Kraftfahrzeugrennen" und meint, wer an einem illegalen Rennen teilnimmt, will bewusst provozieren. Er betont die Gedankenlosigkeit der Täter:

Prof. Dr. Dieter Müller von der Hochschule der Sächsischen Polizei im Interview
Illegale Autorennen seien nichts anderes als ein Imponiergehabe, das im Straßenverkehr nichts zu suchen habe, sagt Prof. Müller von der Polizeihochschule in Bautzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es geht um den Kick im Straßenverkehr, es geht darum zu beweisen, dass man der Stärkere, der Bessere, der Schönere, der mit dem stärkeren Auto ist.

Dr. Dieter Müller, Hochschule der Sächsischen Polizei

Täterprofil wird bisher nicht erfasst

Dass dieser Kick unberechenbar ist und anderen ein Leben lang Schaden zufügen kann, zeigt nicht nur der Tod von Kathrin Bagger aus Halle. Auch in Dresden geschah ein dramatischer Vorfall: Dort spielte ein Kind an einer Haltestelle und wurde von einem Wagen erfasst. Wieder war vermutlich ein Autorennen Anlass der Raserei, wieder wurde ein unbeteiligtes Opfer getötet.

Gibt es bei den Tätern ein bestimmtes Profil?, fragen Reporter von Exakt bei Dieter Müller nach. Bei den Fällen aus Halle und Dresden, aber auch aus Berlin, sind es junge Männer mit Migrationshintergrund, die gefahren sind. Hat Herkunft und Sozialisation also etwas mit dem Fahrverhalten zu tun?

Prof. Müller sagt, solch ein Profiling, wie zum Beispiel bei Mord und Totschlag, gebe es im Straßenverkehrsrecht nicht. Inzwischen gebe es aber Ideen, Informationen aus allen Bundesländern zu illegalen Rennen zusammenzutragen, zentral zu untersuchen und herauszufinden, welcher Täterkreis ausgemacht werden kann. Es ginge um die Frage, welcher potenzielle Täterkreis angesprochen werden müsse, um illegale Rennen zu verhindern.

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Keine harte Strafe für mutmaßlichen Täter aus Halle

Diese Ideen zur Prävention kommen für die bisher geschädigten oder getöteten Opfer und deren Familien zu spät. Besonders schwer für Familie Bagger ist, dass der mutmaßliche Täter wohl nicht hart bestraft werden kann. Beim Nachweis eines illegalen Rennens liegt das Strafmaß bei bis zu zehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft in Halle konnte das dem Fahrer nicht nachweisen. Die Zeugenaussagen reichen nicht aus, heißt es dort.

Familie Bagger, bestehend aus dem Vater und drei Söhnen, sitzt am Wohnzimmertisch. Sie schauen sich alte Zeitungsberichte über den Tod der Mutter an
Oliver Bagger, der Ehemann des Opfers, fordert, dass der mutmaßliche Täter wegen Mordes angeklagt wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Täters äußerte vor Gericht, der Unfall sei unvermeidbar gewesen. Sein Mandant hätte keine Chance gehabt auszuweichen. Ob ein neues Gutachten zum Tathergang in diesem Fall ein Urteil erwirken kann, bleibt abzuwarten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | EXAKT | 13. Januar 2021 | 20:15 Uhr

27 Kommentare

Eulenspiegel vor 45 Wochen

Hallo REXt
Nichts anderes. Denn dieser Punkt ist wichtig.
Um es noch ein mal klar zu sagen:
Personen mit Immigrationssteuerung ist nun mal ganz was anderes als Immigranten.
Bei Personen mit Immigrationssteuerung handelt es sich in der Regel um deutsche Staatsbürger deren Wurzeln teilweise nicht in Deutschland sind und die das Geld für diese bescheuerten Autos in der Regel auch selbst erarbeitet haben.

aus Sachsen und denkt vor 45 Wochen

Nun geht doch einmal grundlegender heran. Warum muss es diese PS-Raketen überhaupt geben? Hätten wir vernünftigerweise ein Tempolimit von 120 oder 130 auf der Autobahn, würden sich Autos über 75 PS oder so gar nicht mehr lohnen. Ja, ok, die armen Autobauer blabla, das ist aber auch nur ein Scheinargument, denn wir haben genug Arbeitszweige, wo Leute fehlen und langfristig eine Umorientierung nötig wäre. Bei Lehrern und Polizisten fängt es an und hört bei Pflegekräften noch lange nicht auf

Janes vor 45 Wochen

@Kritiker: Raser und solche, die Rennen in der Innenstadt fahren wollen, rasen ja nicht, weil sie davon ausgehen, dass etwas passiert und ihnen nicht nachgewiesen werden kann.

Solche Täter rasen, um irgend etwas zu kompensieren.

Da sie den Fall praktisch nicht kennen, sollten sie sich mit Spekulationen zurück halten.

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