Herdenimmunität Unterschiedliche Impfquoten – wo stehen wir tatsächlich?

In den vergangenen Tagen gab es viel Verwirrung um die Impfquote – auch bei MDR-AKTUELL-Hörer Rolf Geyer. Nach seiner Rechnung müssten wir in Deutschland bereits bei einer Impfquote von 88 Prozent sein. Er fragt sich, woher der Unterschied zu den offiziellen Zahlen kommt.

Impfbuch
Wie wird die Impfquote bestimmt? Bildrechte: dpa

Taschenrechner raus, jetzt wird gerechnet: Die Impfquote beschreibt den Anteil der Bevölkerung in Deutschland, der vollständig gegen das Coronavirus geimpft worden ist. Wir haben also in etwa 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben. Gut 54,5 Millionen von ihnen gelten aktuell als vollständig geimpft. 54,5 von 83 sind fast 66 Prozent.

Wer da – anders als in der Rechnung des Hörers – nicht reinzählt und auch nicht reinzählen darf, sind diejenigen, die sich nicht impfen lassen können, also Kinder, und auch nicht die rund 4,2 Millionen Genesenen. Die zählen erst dazu, wenn sie sich nach einem halben Jahr eine Impfdosis abgeholt haben.

Professor Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärt warum: "Davor ist es ein großes Fragezeichen, weil bei den Genesenen haben sie von gar keine Immunantwort bis ganz hohe Antwort alles dabei. Also man kann nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch, der mal einen positiven PCR-Test für Sars-Cov-2-Virus hatte, auch eine wirklich schützende Immunantwort hat."

Warum die Impfquote nicht eindeutig zu bestimmen ist

Soviel also zur grundsätzlichen Rechnung. Dennoch gibt es tatsächlich eine gewisse Unsicherheit bei den Zahlen. Das RKI selbst geht davon aus, dass die Zahl der vollständig Geimpften etwa fünf Prozent höher sein könnte. Die Impfquote würde dadurch um rund drei Prozent steigen – also von fast 66 auf fast 69 Prozent. Die Immunologin Christine Falk erklärt die Diskrepanz: "Es durften ja auch Hausärzte und Hausärztinnen und die betriebsärztlichen Dienste impfen. Und da war zwar eine Vorgabe, dass das gemeldet wird, aber das ist nicht immer zu 100 Prozent auch so durchgeführt worden."

Das RKI sieht hier auch die schleppende Digitalisierung des Gesundheitswesens in der Schuld. So haben zum Beispiel bisher nur etwa die Hälfte der beim Meldesystem registrierten Betriebsärzte Impfungen über die Web-Anwendung gemeldet. Die Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen und Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer, Doktor Ellen Lundershausen, glaubt, dass man in Zukunft die Meldekette anders organisieren könnte.

Die Frage ist nun aber, ob diese Abweichung zurzeit einen Unterschied macht? Ellen Lundershausen verneint: "Ich glaube, dass entscheidend ist, wenn wir uns die Krankheitszahlen angucken und in welcher Altersgruppe sich Covid-Erkrankungen abspielen, wie die Belegung in den Krankenhäusern und den Intensivstationen ist und auch dort in Abhängigkeit vom Alter. Ich glaube, das ist jetzt die entscheidende Frage." Darauf, ob es drei oder vier Prozent sind, komme es dabei nicht an, das sei eher von akademischem Interesse.

Inzidenzen könnten bei aktueller Impfquote drastisch steigen

Insgesamt sind wir noch lange nicht bei einer Quote angekommen, bei der sich das Virus im Herbst und im Winter nicht wieder ping-pong-artig vermehren wird. Noch gebe es zu viele ungeimpfte Andockstellen in der Bevölkerung, warnt Professorin Christine Falk. Erst ab einer Impfquote von 75 Prozent werden wir in der kalten Jahreszeit bei Inzidenzen unter 100 bleiben. Alles, was darunter liegt, kann schnell zu Sieben-Tage-Werten von über 400 führen. "Das ist also ein riesen Sprung mit 'nur' 10 Prozent mehr geimpften Leuten."

Wer also bislang ohne Infektion durch die Pandemie gekommen und ungeimpft ist, dessen Chance gehe in diesem Herbst/Winter gegen Null, ohne Infektion durchzukommen, erklärt Falk. Denn die Politik wird wahrscheinlich Ende November die Corona-Notlage beenden und dann keine gravierenden schützenden Maßnahmen mehr ergreifen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Oktober 2021 | 06:23 Uhr

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