Corona-Pandemie Verschlingen Impfstoffe Kapazitäten für andere Präparate?

Viele Pharma-Unternehmen haben ihre Produktion auf Corona-Impfstoffe umgestellt. Das gilt auch für Firmen in Mitteldeutschland. In Dessau forscht IDT Biologika an einem eigenen Impfstoff und füllt aktuell das Serum von Johnson & Johnson ab. Mibe in Brehna produziert den Wirkstoff von Biontech. Unsere Userin Nancy Walden fragt sich daher: "Wenn so viel Impfstoff produziert wird – leidet dann die Produktion der Impfstoffe und Medikamente, welche die Firmen normalerweise produzieren?"

In Schutzanzügen sind Mitarbeiter im Werk des Impfstoffherstellers IDT Biologika in Dessau-Roßlau in der Impfstoffabfüllung beschäftigt.
Impfstoff-Produktion bei IDT Biologika in Dessau. Bildrechte: dpa

Eigentlich sollte IDT Biologika in Dessau einen Impfstoff gegen das Dengue-Fieber herstellen. Dort einigte man sich mit dem Auftraggeber darauf, die Produktion zu verschieben – so entstanden nach eigenen Angaben die Kapazitäten, die jetzt dem Impfstoff von Johnson & Johnson zugutekommen.

Die Firma Mibe in Brehna hat bisher Vitamin-D-Tabletten, Wundsalben oder gynäkologische Medikamente hergestellt. Ein Impfstoff war dort neu. Was das bedeutete, erklärt Firmenchef Hans-Georg Feldmeier: "Wir haben natürlich technologische Umstellungen machen müssen – die waren aber, was bestimmte Anlagenkäufe betrifft, auch schon von Biontech vorbereitet gewesen." Außerdem sei Personal aus den Forschungs- und Entwicklungsbereichen verstärkt in die Produktion eingebunden worden.

Projekte bleiben liegen

Vernachlässigt Mibe also seine eigene Forschung? Feldmeier sieht keine Probleme: "Dass in einer pandemischen Situation Prioritäten neu gesetzt werden, das dürfen die Menschen von uns erwarten. Natürlich bleiben in so einer Zeit andere Projekte auch einmal liegen." Grundsätzlich, beteuert Feldmeier, werde sich die Versorgung mit anderen Arzneimitteln aber nicht verschlechtern.

Der Stellenwert der Impfstoff-Produktion in Deutschland ist bei der Bundesregierung allerdings gestiegen. Im März verkündete sie das Ziel, Deutschland solle sich ab 2022 selbst mit Impfstoffen versorgen können. Feldmeier, der auch Vorsitzender beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie ist, begrüßt den Ansatz, vermisst aber noch einen konkreten Plan.

Fachkräfte fehlen

Andere sehen das durchweg kritisch. Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel nennt das Vorhaben "naiv". Er sagt: "Es ist jetzt zwar mit der Herstellung von Biontech und dann letztlich auch Curevac in Deutschland Kapazität geschaffen worden. Aber man sollte das jetzt auch nicht übertreiben. Das ist jetzt ein ganz konkretes Ziel, ein ganz konkretes Thema."

Der Pharmakologe, Doping-Experte und Leiter des Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), Fritz Sörgel.
Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) Bildrechte: dpa

Laut Sörgel fehlt es in Deutschland an ausgebildeten Fachkräften, an Herstellungsleitern für die Impfstoff-Produktion. Jede Firma, die dort einsteigt, müsse sich deshalb fragen, welches Präparat sie dafür zurückstelle. Das hänge natürlich auch davon ab, welchen kommerziellen Interessen das folge. "Eine Firma, die sich auf Schmerzmittel konzentriert hat, die wird natürlich versuchen, weiter ihr Schmerzmittel herzustellen."

Langfristiger Effekt unklar

Mibe-Chef Hans-Georg Feldmeier lässt sich nicht allzu tief in die Karten blicken. Aber er hat Gefallen gefunden am neuen Standbein seiner Firma. "Wir lernen dazu, bauen jetzt neue Anlagen auf zur Abfüllung von Impfstoffen und auch zur optischen Prüfung von Impfstoffen. Insofern vergrößern wir hier die Kapazitäten, um schnellstmöglich auf pandemische Situationen reagieren zu können."

Der Anreiz, an den Corona-Impfstoffen mitzuverdienen, ist zur Zeit groß. Andere Arzneimittel verlieren in dieser Phase an Bedeutung. Wie stark sich dieser Effekt aber langfristig auswirkt, wenn zum Beispiel regelmäßige Nachimpfungen gegen Corona gefragt sind, das ist noch schwer vorherzusagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Juni 2021 | 08:24 Uhr

1 Kommentar

AlexLeipzig vor 7 Wochen

Zunächst ist es doch erstmal positiv, daß mit Brehna und Dessau zwei Ostdeutsche Produktionsstätten gut beschäftigt sind, die dringend benötigten Impfstoffe vor Ort produziert und die Arbeitsplätze gesichert und geschaffen werden. Was Schmerzmittel, Vitamintabletten und Wundsalben angeht, ist der Markt doch übersättigt und der Preisdruck groß (es sind doch meistens Generika-Produkte, die auf einem riesigen internationalem Markt konkurrieren müssen), ich glaube nicht, daß an der Stelle eine Knappheit eintreten würde, wenn einzelne Hersteller andere Prioritäten setzen.

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