Interview Kaum Daten über Symptome bei neu mit Corona Infizierten

Wie viele neu mit dem Coronavirus Infizierte tatsächlich Symptome haben, darüber gibt es so gut wie keine Daten. Dabei wäre dieses Wissen "hochrelevant" – sagt Lungenexperte Klaus F. Rabe im Interview.

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt einen Abstrich von einer Reiserückkehrerin
Entnahme eines Rachenabstrichs bei einer Reiserückkehrerin. Bildrechte: dpa

MDR AKTUELL: Sind Ihnen Zahlen bekannt, wie viele der Corona-Neuinfizierten auch tatsächlich Symptome haben?

Klaus Rabe: Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil es für verschiedene Bevölkerungsgruppen tatsächlich unterschiedliche Annahmen und unterschiedliche Zahlen gibt. Wir gehen davon aus, dass die Kinder, auch wenn sie infiziert sind, deutlich weniger Symptome haben als zum Beispiel ein Erwachsener, der auch Begleiterkrankungen hat. Von daher muss man vorsichtig sein. Wir gehen aber davon aus, dass im Großen und Ganzen ungefähr 80 Prozent der Patienten wenige Symptome haben, beziehungsweise Symptome haben, die sie gar nicht unbedingt mit einer Infektion in Verbindung bringen würden.

Zur Person Klaus Friedrich Rabe ist Wissenschaftler und Arzt mit den Fachgebieten Innere Medizin, Allergologie, Pneumologie. Rabe ist seit 2011 Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) sowie Direktor des DZL-Standortverbunds Airway Research Center North (ARCN).

Wenn Sie sagen, Sie gehen davon aus, dann heißt das, es gibt nicht wirklich handfeste Zahlen des Robert Koch-Instituts?

Es gibt noch nicht gut belastbare Zahlen, das muss man ehrlich sagen. Es gibt mehrere Initiativen, die dem begegnen. In Schleswig-Holstein fragen wir in einer Studie systematisch, ob tatsächlich jemand Symptome gehabt hat, in welcher Form sie aufgetreten sind und wie lang anhaltend diese waren. Sie müssen sich das so vorstellen: Jemand, der schwer erkrankt war, der hat natürlich nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation und einer Beatmung noch sehr lange Symptome. Aber eine ganze Menge Leute, die kommen erst auf den Gedanken, dass sie Covid-19 hatten, wenn man sie gezielt fragt, wie das denn eigentlich mit dieser Infektion oder jener Erkältung gewesen war. Das ist natürlich auch etwas Subjektives, das da mit reinspielt.

Aber nun könnte man diese zwei, drei Nachfragen doch als Hausarzt einfach bei jeder Infektion stellen. Warum macht man das nicht?

Ich glaube, dass die Hausärzte das natürlich im Einzelfall tun. Die Hausärzte müssen natürlich auch ein Gefühl dafür entwickeln, wer denn nun getestet werden und wo man größere Vorsicht walten lassen sollte. Fakt ist allerdings, dass es eine ganze Menge Leute gibt, die vermeintlich erstmal sagen, dass ihnen eigentlich nicht viel gefehlt hat. Erst strukturelles Nachfragen wird dort einen Hinweis auf eine Coronainfektion geben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Tatsache, dass der Geruchs- und Geschmackssinn tatsächlich bei einer ganzen Anzahl von Patienten eingeschränkt ist, war am Anfang nicht so furchtbar klar. Mittlerweile würde man natürlich sehr spezifisch danach fragen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass lückenloses Zahlenmaterial erarbeitet wird, auch über den Verlauf von Patienten, die eine vermeintlich milde Erkrankung hatten.

Wie wichtig ist es denn aber zu wissen, wie viele derjenigen, die an Covid-19 erkrankt sind, tatsächlich Symptome haben? Ist es überhaupt eine interessante Kenngröße, um das Infektionsgeschehen einschätzen zu können?

Ich glaube, das ist eine hochrelevante Frage. Denn im Umgang mit Erkrankungen ist es wichtig zu wissen, wie viele sogenannte asymptomatische Infizierte trotzdem in der Lage sind, die Infektion weiter zu verbreiten. Sie haben zum einen die Anzahl der Neuinfizierten, die gerade einen PCR-Test gemacht haben. Und zum anderen haben Sie die Patienten, die möglicherweise eine Infektion gehabt haben, ohne etwas zu merken, und den Erreger so weiter übertragen konnten. Das ist eine Frage der Risikoabschätzung. Von daher ist es sehr wichtig, diese Daten und Zahlen zu erarbeiten.

Und wer ist jetzt gefragt, wer kann das leisten?

Man muss ganz klar sagen: Die Forschung, die auch sehr viel Unterstützung von der Regierung bekommt, um dies in großen Kohorten zu untersuchen. Zum Zweiten sind die Hausärzte und die Gesundheitsämter gefragt. Wir versuchen zurzeit machbare strukturierte Fragebögen einzuführen, um in der nächsten Zeit systematische Daten zu erhalten. Das ist wichtig für den schulischen Betrieb, für die Lehrer, für die Patienten, für die Schwerkranken. Aber da muss noch viel gearbeitet werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. September 2020 | 05:00 Uhr

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