Ausbreitung invasiver Arten Nach dem Riesenbärenklau kommt die Nosferatu-Spinne

Mal sehen sie niedlich aus wie Grauhörnchen und Nutrias. Mal wirken sie bedrohlich wie die Nosferatu-Spinne. Doch Experten warnen, einige dieser so genannten invasiven Arten bedrohen unser Ökosystem.

Nosferatu-Spinne erstmals auch in Sachsen gesichtet

Wer sie zum ersten Mal sieht, dürfte beeindruckt sein. Nicht nur ihre Größe ist heimischen Arten überlegen. Auch ihr Name und ihr Antlitz verschaffen Respekt. Ein Grusel-Klassiker stand Pate, erklärt der Spinnenforscher Robert Klesser: "Sie heißt Nosferatu-Spinne, weil man mit etwas Fantasie auf dem Vorderkörper der Spinne das Gesucht des Nosferatu, also des Vampirs, erkennen kann.“

Eine Nosferatu-Spinne.
Ein Gruselfilm als Namensgeber – die Nosferatuspinne Bildrechte: Q/R: MDR Wissen

Obwohl ihr Äußeres dem Betrachter Respekt einflößt, ist sie für den Menschen ungefährlich. Nur Insekten kann ihr Gift den Garaus machen. Sie gehört nach neuesten Erkenntnissen zu den sogenannten invasiven Arten, also zu den Tierarten, die in unser Ökosystem einwandern und heimische Arten verdrängen.

Sie heißt Nosferatu-Spinne, weil man mit etwas Fantasie auf dem Vorderkörper der Spinne das Gesicht des Nosferatu, also des Vampirs, erkennen kann.

Robert Klesser, Arachnologe

Die Nosferatu-Spinne ist mittlerweile schon im Süden Deutschlands entdeckt worden, aber auch in Nordrhein-Westfalen und in Bremen. Jüngst sorgte sie auch in Sachsen für Schlagzeilen. Das Naturkundemuseum Leipzig bestätigte den ersten Fund einer Nosferatu-Spinne.  

Eine Nosferatu-Spinne in einem Glas.
Die Nosferatuspinne stammt aus dem Mittelmeerraum, wurde nun aber erstmals auch in Sachsen gesichtet. Bildrechte: Q/R: MDR Wissen

Es gibt eine Vielzahl tierischer und pflanzlicher Einwanderer. Nicht alle bedrohen unsere Tier- und Pflanzenwelt, sagt Invasionsbiologe Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: "Also wir haben viele hundert Arten, die gebietsfremd sind und zu uns kommen. Aber im Moment sind es nur wenige Dutzend, die tatsächlich Probleme machen.“ Diese wenigen problematischen Arten bereiten umso ernstere Schwierigkeiten.

Nutria vermehren sich explosionsartig

Ein bekannter Unruhe-Stifter in Mitteldeutschland ist die aus Südamerika stammende Nutria. Sie gefährdet unser Ökosystem. "Das ist eine Art, die gerade zu DDR-Zeiten für die Fellgewinnung gezüchtet worden ist", erklärt der Biologe Ingolf Kühn. "Die Tiere haben sich dann entlang der Flüsse weiter ausgebreitet und führen dazu, dass einheimische Pflanzen und Tiere weniger werden."

Zwei Nutrias an einem steinernen Flussufer unter einer Brücke
Einst zur Fellproduktion importiert, vermehren sich Nutria nun auch in der freien Natur rasant. Bildrechte: Simankfilm

Finger weg vom Riesenbärenklau

Auch Pflanzen zählen zu den Invasoren und verdrängen heimische Arten. Er gehört zu den größeren Exemplaren: der Riesenbärenklau. Diese Art stammt aus dem Kaukasus und kam über botanische Gärten nach Deutschland.

"Dann breitete sich die Pflanze von den Gärten weiter aus - insbesondere in feuchte Wiesentälchen, wo sie andere Pflanzenarten verdrängt", beschreibt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Riesenbärenklau
Niemals anfassen! Der Riesenbärenklau kann großflächige Brandblasen auf der Haut hinterlassen. Bildrechte: IMAGO

Der Riesenbärenklau stellt auch eine schmerzhafte Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Streicht man an der Pflanze entlang, kann das Verbrennungen dritten Grades auslösen.

Fast überall in Deutschland ist der Riesenbärenklau schon entdeckt worden. Er hat sich zum flächendeckenden Problem ausgewachsen. Auch die Population der Nutria explodiert förmlich. Beide Arten sind von Menschen absichtlich nach Deutschland gebracht worden.

Riesenbärenklau
Der Name ist Programm: Bis zu vier Meter hoch wächst der Riesenbärenklau. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Mensch trägt Schuld an rasanter Ausbreitung

Viele gebietsfremde Arten werden aber heutzutage unabsichtlich eingeschleppt – als blinde Passagiere, im Gepäck von Touristen oder im Ballastwasser von Frachtschiffen. Wöchtenlich werden es mehr.

"Der Hauptweg des Eintragens findet über den Handel statt", beschreibt Hanno Seebens vom Senckenberg-Forschungsinstitut. "Wir handeln mit allen Ländern auf der ganzen Welt. Die Schiffe verbinden Häfen auf der ganzen Welt, Flugzeuge fliegen um die Welt. Damit werden automatisch auch Arten mittransportiert."

Ein kleines Motorboot fährt die Elbe aufwärts in Höhe Övelgönne. Im Hintergrund sind die Kräne am Parkhafen zu sehen
Durch den wachsenden weltweiten Warenverkehr verbreiten sich auch invasive Arten immer schneller. Bildrechte: dpa

2.500 neue Arten bis 2050 in Europa erwartet

Etwa 2.500 neue Arten werden bis 2050 in Europa erwartet. Ein Problem, das noch immer unterschätzt wird, sagt Ingolf Kühn. "Das Ganze findet jetzt viel schneller statt, als es natürlicherweise stattgefunden hätte. Die Klimaerwärmung ist zehnmal so stark und auch die Einführung gebietsfremder Arten ist um ein Vielfaches höher."

Ganze Kontinente, Meere oder Gebirge – all das können wir heute in wenigen Stunden überwinden. "Das heißt, die Einführungsrate von Arten liegt viele hundert Male höher und die Geschwindigkeit viele hundert Male höher als, dass das natürlicherweise der Fall wäre“, so Kühn.

Exotische Holz-Schädlinge als blinde Passagiere importiert

Vor allem Insekten schaffen es auf diese Weise zu uns nach MItteldeutschland und können aufgrund des Klimawandels auch überleben. Ein Teil davon meint es nicht gut mit uns, wie der Asiatische Laubholzbockkäfer, ein Holzschädling. Die Art ist in China heimisch, wird aber mit Holzpaletten oder Holzprodukten importiert.

In Magdeburg und Umland hat der Käfer dafür gesorgt, dass in den vergangen Jahren fast 10.000 Bäume gefällt werden mussten. Seine Larven bleiben bis zu zwei Jahren unter der Rinde und zerstören den Baum von innen.

Quarantäne-Zone Asiatischer Laubholzbockkäfer
Dem Asiatischen Laubholzbockkäfer ist nur mit drastischen Maßnahmen beizukommen. Bildrechte: imago/Peter Widmann

Invasion unter Wasser

Auch unter Wasser gibt es Ärger. In der Elbe im Jerichower Land hat sich die Schwarzmundgrundel angesiedelt. Der Fisch, der eigentlich aus dem Schwarzen Meer stammt, vermehrt sich rasant und frisst kleine, einheimische Fische. Biologen haben auch in Dresden über 400 Schwarzmundgrundeln entlang einer Strecke von nur 450 Metern entdeckt.

Die Schwarzmundgrundel findet sich schon in allen großen Flüssen Deutschlands. Weil viele Gewässer über Kanäle verbunden sind, haben die Invasoren leichtes Spiel, sich noch weiter zu verbreiten.

Schwarzmundgrundel
Angler in Mitteldeutschland werden die Schwarzmundgrundel künftig immer häufiger zu Gesicht bekommen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Europaweit sind Milliarden-Schäden zu verzeichnen

Gebietsfremde  Arten verursachen auch erheblichen wirtschaftlichen Schaden. Rund zwölf Milliarden Euro Schaden entstehen jährlich europaweit in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei.

Seit einigen Jahren gibt es eine sogenannte schwarze Liste der EU. Auf ihr stehen 66 invasive Pflanzen- und Tierarten. Die EU-Länder sind dazu verpflichtet, diese zu beseitigen.

Allerdings dauert es, bis eine neu entdeckte Art auf dieser Liste landet, erklärt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: "Wenn viele darauf stehen, die auch schon sehr weit verbreitet sind, wird das sehr teuer. Erst nach und nach sind einige Arten, wie zum Beispiel unterschiedliche Arten von Bärenklau, auf diese Liste gekommen. Damit wird auch die Bekämpfung dieser Arten teuer. Das Problem ist lange nicht ernst genug genommen worden und ein ökonomisches Problem."

Das Problem ist lange nicht ernst genug genommen worden und ein ökonomisches Problem.

Ingolf Kühn, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Grauhörnchen
Grauhörchen sind putzig, könnten für einheimische rote Eichhörchnchen aber zur Bedrohung werden. Bildrechte: NDR/Simon de Glanville

Problemfall Grauhörnchen - Einfach zu niedlich?

Biologen beschreiben ein weiteres, überraschendes Problem. Die Grauhörnchen stammen ursprünglich aus Nordamerika. Auf den britischen Inseln führten sie zum Aussterben der einheimischen roten Eichhörnchen, weil sie Überträger der Eichhörnchenpocken sind.

"Einzelne Individuen sind nach Italien eingeführt worden und in Italien hat man dann gesagt: Oh, dann müssen wir eben schnell diese Grauhörnchen töten. Weil die aber extrem niedlich sind, hat es ganz große Widerstände des Tierschutzes gegeben. Das heißt diese Grauhörnchen aus Italien haben sich ausgebreitet." Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung prognostiziert, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch nach Deutschland kommen.

Quelle: MDR UMSCHAU

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 23. März 2021 | 20:15 Uhr

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