Nilgans, Tigermücke und Co. Was sind invasive Arten? Was kosten sie uns?

Immer wieder ist die Rede von invasiven Arten. Dazu zählen auch die Quagga-Muschel und die asiatische Tigermücke. Wie kamen sie nach Deutschland? Welche Kosten entstehen durch den Wandel im Ökosystem?

Asiatischer Marienkäfer
Der asiatische Marienkäfer kam nicht ganz von alleine: Er wurde bewusst zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, breitete sich dann aber großflächig ungewollt aus. Bildrechte: imago images/STAR-MEDIA

Was sind invasive Arten?

Deutschlands Flora und Fauna verändern sich auch durch immer mehr eingeschleppte Pflanzen und Tiere aus fernen Ländern. Das wirbelt vielerorts das Ökosystem durcheinander, schadet der Wirtschaft und gefährdet unsere Gesundheit.

Streifenhörnchen, Nilgänse oder Asiatischer Marienkäfer – das eine oder andere dieser Tiere hat jeder schon mal gesehen. Doch eigentlich gehören sie nicht nach Deutschland. Sie sind sogenannte invasive Arten – "gebietsfremde" Pflanzen und Tiere, aber auch Pilze und Mikroorganismen. Diese Arten werden durch den Menschen bewusst oder unbewusst eingeschleppt und es gelingt ihnen, in ihrer neuen Umgebung zu überleben und sich fortzupflanzen. Als invasiv gelten diese Arten, wenn es durch sie in ihrem neuen Lebensraum zu Veränderungen kommt. Der Goldschakal etwa ist zwar auch eine neue Art in Mitteldeutschland, aber ist von alleine gekommen und zählt daher nicht zu den invasiven Arten.

Charles Darwin bemerkte zuerst Einfluss neuer Arten auf Ökosystem

Gebietsfremde Arten können auf vielen Wegen zu uns kommen, z.B. durch den zunehmenden weltweiten Handel, durch Tourismus und ganz simpel durch Aussetzen von Zuchttieren. Und die Anzahl der Arten, die eingeschleppt werden, wird durch Globalisierung und Klimawandel zunehmen.

Charles Darwin war wohl der erste Wissenschaftler, der bemerkte, dass das Einbringen neuer Arten einen Einfluss auf die heimische Pflanzen- und Tierwelt hat. Aber erst in den 1980er-Jahren entstand der Bereich der Invasions-Biologie.

Probleme mit invasiven Arten

Der Biologe Dr. Phillip Haubrock vom Senckenberg-Institut forscht zu invasiven Arten und ihren Folgen für unser Ökosystem: "Das Hauptproblem mit invasiven Arten ist der Biodiversitätsverlust (Anmerkung der Redaktion: Artenvielfalt), gefolgt von wirtschaftlichen und soziokulturellen Folgen." Das wird deutlich, wenn man sich einige der Eindringlinge näher anschaut.

Asiatischer Marienkäfer

Der asiatische Marienkäfer (siehe Bild ganz oben) ist eine invasive Art, die den heimischen Siebenpunkt-Marienkäfer bedroht. Weil die asiatischen Käfer Unmengen an Blattläusen vertilgen, wurden sie in den 1980er-Jahren zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. 1988 tauchten dann erste Exemplare der Art in den USA im Freiland auf und ab Anfang der 2000er-Jahre auch in Europa. Das Problem: Der asiatische Marienkäfer frisst nicht nur fünfmal so viel wie der heimische Siebenpunkt, sondern vermehrt sich auch doppelt so schnell. Der asiatische Marienkäfer droht die heimischen Zwei- und Siebenpunktkäfer zu verdrängen und ist in einigen Regionen schon in der Überzahl.

MDR Garten - Marienkäfer 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Quagga-Muschel

Beheimatet im Schwarzmeerraum, ist die Quagga-Muschel vermutlich per Schiff nach Deutschland gelangt und breitet sich jetzt hier in Gewässern aus. Im Bodensee ist die Muschel 2016 das erste Mal gesichtet worden. Inzwischen kommt sie flächendeckend im Seegebiet vor. Da die Quagga-Muschel Plankton frisst, steht dieses Plankton anderen Planktonfressern, z.B. Fischen, nicht mehr zur Verfügung, was Auswirkungen auf die kommerzielle Fischerei im Bodensee hat. Außerdem setzen sich die Muscheln auch in Becken und Rohren von Trinkwasseranlagen fest, weshalb die Wasserbetriebe mit einem dreistelligen Millionenbetrag für die Reinigung und den zukünftigen Schutz vor den Quagga-Muscheln rechnen.

Quagga-Muscheln und Wandermuscheln auf einer Handfläche
Vorsicht beim Strandspaziergang: Die Quagga-Muschel ist scharfkantig. Bildrechte: Csilla Balogh

Verschiedene invasive Krebsarten

Wer heute an Gewässern Flusskrebse entdeckt, sieht in vielen Fällen leider nicht mehr die heimischen Edelkrebse, sondern einen Marmorkrebs, roten amerikanischen Sumpfkrebs, Viril-Flusskrebs, Kamberkrebs (in Sachsen z.B. weit verbreitet) oder Signalkrebs. Diese fünf Arten invasiver Schalentiere sind extrem wanderfreudig, vermehren sich schnell und sind Allesfresser. Dabei bedienen sie sich auch gern am Laich von Amphibien oder Fischen. Früher waren diese Arten beliebte Haustiere. Sie sind wahrscheinlich ausgesetzt worden und so in unsere heimischen Gewässer gelangt.

Ein weiteres Problem mit diesen invasiven Arten ist, dass sie die Pilzkrankheit Krebspest übertragen, gegen die sie selbst weitestgehend immun sind. Das führt zum Auslöschen ganzer Flusskrebspopulationen. Rückgängig zu machen ist die Invasion der Krebse nicht mehr, aber man kann versuchen, ihre Population durch Fangen in Schach zu halten. Das geschieht mittels Reusen, die in betroffenen Gewässern ausgelegt werden. In Berlin z.B. wird der rote amerikanische Sumpfkrebs eingefangen, getötet und an Restaurants verkauft.

EU hat reagiert Um die Verbreitung der invasiven Flusskrebse zu verlangsamen, hat die Europäische Union die fünf invasiven Flusskrebsarten in eine "Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung" aufgenommen. Die Tiere dürfen nicht mehr gehalten, gezüchtet oder gehandelt werden.

Asiatische Tigermücke

Die asiatische Tigermücke ist eine Stechmücke und gehört zu den 100 bedeutendsten invasiven Arten der Welt. Der Klimawandel mit wärmeren Wintern und heißeren Sommern begünstigt die weitere Ausbreitung des Insekts. Auch in Deutschland ist die Mücke inzwischen anzutreffen. Sie ist Überträger von bis zu 20 verschiedenen Krankheitserregern, darunter Dengue- und Zika-Virus. Müssen Betroffene behandelt werden, geht das zu Lasten des Gesundheitssystems.

Die Tigermücke legt ihre Eier in stehenden Gewässern jeder Art ab. Weil die Mücke so gefährlich ist, wird aktuell geforscht, wie man ihre Verbreitung eindämmen kann. Für den Menschen ungefährliche Bakterien z.B. sollen ihre Larven töten oder winzige Krebse selbige fressen.

 Die Asiatische Tigermücke - hier unter dem Mikroskop. 3 min
Die Asiatische Tigermücke - hier unter dem Mikroskop - ist inzwischen auch in Teilen Deutschlands verbreitet. Sie ist gefürchtet, denn sie ist ein Vektor - also Überträger - für rund 20 Tropenkrankheiten, dazu gehören das Chikungunya- und das Dengue-Fieber, sowie das West-Nil-Virus. Bildrechte: MDR/Heike Dickebohm

Internationale Studie über Kosten für sechs Jahrzehnte

Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus 17 internationalen Institutionen hat der am Senckenberg-Institut forschende Biologe Dr. Phillip Haubrock in einer Studie untersucht, welche Kosten durch invasive Arten zwischen 1960 und 2020 entstanden sind. Diese sind in der globalen Datenbank InvaCost aufgelistet und dabei unterteilt in beobachtete und potenzielle Kosten. Das heißt, anhand konkret erfasster Gelder für zum Beispiel die Entnahme eines Tieres aus einem Teich wurden die erwartbaren Aufwendungen für die Entnahme dieses Tieres aus allen vergleichbaren Teichen in Deutschland hochgerechnet. Erfasst sind die Beträge in US-Dollar zum Wechselkurs von 2017 und inflationsbereinigt, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten.

Allein 16,85 Milliarden US-Dollar für Deutschland

Im betrachteten Zeitraum von 1960 bis 2020 sind für Deutschland 16,85 Milliarden US-Dollar an Kosten durch invasive Arten aufgeführt. Davon sind allerdings lediglich 86,99 Millionen US-Dollar für durch Prävention, Schadensbeseitigung und Management ausgegeben worden.

"Wenn man die Kosten betrachtet, sehen wir, es sind bereits beträchtliche Summen. Aber auch diese sind mit sehr viel Vorsicht zu genießen, weil es einfach an vielen Informationen fehlt, die in Deutschland noch nicht erhoben worden sind", so Phillip Haubrock. Im Klartext heißt das, die Zahlen könnten noch weit höher sein.

Weltweit verzeichnen die Wissenschaftler Kosten von 6.953,5 Milliarden US-Dollar – eine Zahl, die jedem die Tragweite der Probleme mit invasiven Arten klarmachen sollte.

Wirtschaftliche Schäden durch Prävention vermeiden

Um wirtschaftliche Schäden und einen Verlust der Vielfalt in Flora und Fauna zu verhindern, sind vorbeugende Maßnahmen und ein reflektierter Umgang mit bereits bekannten Invasoren nötig.

Die EU-Liste invasiver Arten ist inzwischen auf 66 Tier- und Pflanzenvertreter angewachsen. Für diese müssen die EU-Mitglieder Mindeststandards in Vorbeugung, Früherkennung, Überwachung und Bekämpfung einhalten. So sollen aktuelle Schäden besser kontrolliert und künftige verringert werden. Kritisch scheint der Umfang der Liste, denn sie umfasst nur einen Bruchteil der in Europa vorkommenden invasiven Arten. Allein in Deutschland sind etwa 1.150 fremde Tier- und 12.000 Pflanzenarten gelistet. Gefragt sind Bund und Länder in der Schaffung von Strukturen und Maßnahmen zum Management invasiver Arten. Dazu sind Investitionen nötig.

DNA invasiver Arten erfassen und Ausbreitung stoppen

Tier- und Pflanzenarten hinterlassen in Boden und Wasser Spuren ihrer DNA. Sind diese von den potenziell invasiven Arten bekannt, kann anhand von Wasser- oder Bodenproben festgestellt werden, ob sie in einem bestimmten Gebiet schon vorhanden sind. Ist das der Fall und die Größe des Gebietes der Verbreitung der invasiven Art ermittelt, kann aktiv versucht werden, die weitere Ausbreitung zu verhindern.

Aufklärung in der Schule

Dr. Phillip Haubrock sieht noch eine andere Art der Prävention: "Bereits in den Schulen könnte man auch Kinder darüber informieren, was es eigentlich bedeutet, eine invasive Art zu haben, welche Schäden diese anrichten und wo sie herkommen. Denn viele invasiven Arten, das muss man ganz klar sagen, sind einfach durch Unwissenheit eingebracht worden."

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 20. Juli 2022 | 20:15 Uhr

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