Nach Ende der Priorisierung Kaum Daten über Impffortschritt bei Risikogruppen

Am 7. Juni lief die Impfpriorisierung aus. Schon zuvor wurde kritisiert, dass es nur wenige Daten über den genauen Impffortschritt bei den Risikogruppen gibt – geändert hat sich das nicht.

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze
Noch immer sind nicht alle aus den ehemaligen Priorisierungsgruppen geimpft, konkrete Zahlen gibt es dazu aber keine. Bildrechte: dpa

Von rund eineinhalb Wochen war es soweit: In Deutschland lief die seit Monaten geltende Impfpriorisierung aus. Damit sollte die Immunisierungskampagne beschleunigt werden. Inzwischen können sich damit zwar alle Menschen in der Bundesrepublik um einen Impftermin bewerben, doch die Kritik an der mangelnden Datengrundlage für die Entscheidung reißt nicht ab. Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte dem MDR, viele noch immer Ungeimpfte aus den Priorisierungsgruppen hätten das Nachsehen. Also diejenigen, die eigentlich aus verschiedenen Gründen vor allen anderen den Impfschutz erhalten sollten.

Seit dem 7. Juni können sich in den meisten Bundesländern, darunter auch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen theoretisch alle Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen – vorausgesetzt sie bekommen einen Impftermin bei einem Hausarzt oder in einem Impfzentrum. Für Kinder unter zwölf Jahren gibt es allerdings bisher keinen zugelassenen Impfstoff.

Patientenschützer Brysch bemängelt vor allem die fehlende Datengrundlage, auf der die Entscheidung zum Wegfall der Impfpriorisierung fiel. So lägen über die dritte Prioritätsgruppe mit fast 15 Millionen Menschen so gut wie keine Informationen vor. "Seit dem 1. April fehlen detaillierte Daten zum Impffortschritt bei systemrelevanten Berufsgruppen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Seitdem veröffentlicht das RKI lediglich dürftige Zahlen zu bestimmten Altersgruppen", sagt Brysch.

Kaum Daten zu Risikofaktoren erhoben

Tatsächlich veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) nur noch die vollständigen Zahlen zu Erst- und Zweitimpfungen und Angaben über den für die Immunisierung genutzten Impfstoff. Darüber hinaus werden lediglich drei Altersangaben (unter 18 Jahren, 18-59 Jahre, 60 Jahre und älter) ausgewiesen. Das Problem dabei: Nicht alle Bundesländer melden überhaupt Zahlen zum Alter, darunter auch Sachsen. Zudem gehören zu den verschiedenen Prioritätsgruppen nicht nur Menschen in einem gewissen Alter, sondern eben auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen und aus bestimmten Berufsgruppen.

Das zeigen auch Daten der Bundesländer: Aus dem Sozialministerium Sachsen-Anhalt heißt es, der Anteil der bereits durchgeführten Impfungen von Impfberechtigten der drei Priorisierungsgruppen an der Gesamtzahl der Impfungen lasse sich nicht exakt ermitteln.

Das Thüringer Sozialministerium ging mit Stand vom 1. Juni bei den älter als 60-Jährigen von einer Erstimpfungsquote von knapp 70 Prozent aus, vollständig geimpft waren demnach rund ein Drittel. Unklar ist hingegen die Lage bei den einzelnen Berufen und bei vorerkrankten Menschen. Zahlen gibt es nur für das Krankenhauspersonal, allerdings sind auch diese lückenhaft. Das sächsische Sozialministerium beantwortete eine entsprechende Frage des MDR gar nicht.

Kaum Angaben zum Alter

Bezogen auf alle Altersgruppen lag die Impfquote am Donnerstag (17.6.) nach Angaben des RKI bei 49,6 Prozent (Erstimpfungen) beziehungsweise 29 Prozent (vollständig geimpft). Hinweise zum bundesweiten Impffortschritt in gewissen Altersgruppen gab es zuletzt in einer Sonderauswertung des RKI am 2. Juni. Demnach waren zu dem Zeitpunkt geschätzt zwar 87 Prozent der über 80-Jährigen vollständig geimpft. In der Altersgruppe der 70-79-Jährigen hatten aber erst rund ein Drittel den vollständigen Impfschutz (90 Prozent hatten die erste Impfung).

Bei den 60-69-Jährigen hatten zu dem Zeitpunkt rund 14 Prozent den vollständigen Impfschutz, rund 60 Prozent waren einmal geimpft. Unklar bleibt aber auch hier, wie weit die Impfkampagne bei den priorisierten Berufsgruppen und den Vorerkrankten vorangeschritten ist.

Genaue Zahlen zu den Geimpften haben auch die Berufsverbände nicht. Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen winkt man aber ab. Es gebe keine Beschwerden von Mitgliedern – zu denen viele Lehrer und Erzieher gehören – dass trotz Priorisierung kein Impftermin bekommen wurde, sagte ein Sprecher. Ähnlich äußert sich der Sprecher der Gewerkschaft Verdi für den Bereich Einzelhandel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Eugen Brysch sieht das Problem noch woanders: Denn auch die Kassenärztlichen Vereinigungen seien nicht verpflichtet, detaillierte Zahlen zum Impfgeschehen in den 35.000 Arztpraxen zu liefern. "Somit bleibt ungewiss, wie viele Menschen noch ohne Impfschutz sind, deren Leib und Leben das Virus am meisten bedroht", sagt er.

Heckemann: Auch bei Kassenärzten Reihenfolge

Der Vorstandvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Klaus Heckemann, widerspricht dem nicht grundsätzlich. Aus der ersten Priorisierungsgruppe seien im Grund alle Menschen geimpft worden, die das wollten. "Bei den anderen beiden ehemaligen Priorisierungsgruppen gibt es noch Lücken", sagte Heckemann dem MDR.

Aus seiner Sicht aber war der Wegfall der Impfpriorisierung bei den Kassenärzten kein Problem. "Denn dort gibt es ja weiter eine Reihenfolge, nur eben eine, die der Arzt bestimmt. Und der weiß am besten, welche Patienten am dringendsten eine Impfung benötigen", so Heckemann. "Bei den Impfzentren sehe ich das eher als Problem. Denn dort sind es die Jüngeren, die es schaffen, sich schnell Termine zu besorgen."

Auch Eugen Brysch sieht die Mediziner weiter in der Verantwortung, zu priorisieren, denn diese würden die Krankheitsgeschichte und Lebensumstände ihrer Patienten am besten kennen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juni 2021 | 18:00 Uhr

10 Kommentare

ElBuffo vor 5 Wochen

Sicher, dass die Corona-Impfungen bei den Krankenkassen abgerechnet wird? Aber selbst wenn, befürchte ich, dass man trotzdem kein Daten hätte. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wird doch seit Jahren erfolgreich verschleppt.

catvin.mobile vor 5 Wochen

Ich bin selber Risiko Patient, 2 Vorerkrankungen Gruppe 2 (ab 70) und eine Gruppe 3 (ab60)
Alleinerziehend 53 Jahre mit einen Grundschulkind. Ich hatte keine Nebenwirkungen. Ich wohne auf dem platten Land. Da hat Corona eh keinen grossartig Interessiert. Mein Hausarzt hat zu mir gesagt "Sie sind noch lange nicht dran" ich musste mir Bescheinigungen von meinen Fachärzten schicken lassen und hatte 3 Tage später die erste Impfung im Zentrum...... Soviel zu Hausärzte wissen das schon. Ja aber mein Ex Hausarzt hat es nicht interessiert wer prioriesiert war. Leider zählt auf dem Land "Ausschließlich Vitamin B"

AlexLeipzig vor 5 Wochen

Also das würde mich auch brennend interessieren. In meinem Umfeld sind bis auf Kinder mittlerweile alle geimpft, auch chronisch Kranke mit Medikamenten. Keiner hatte ernstzunehmende Nebenwirkungen!

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