Wissenschaft Warum gibt es so wenige Frauen in der Spitzenforschung?

Die Träger des diesjährigen Medizin-Nobelpreises heißen Harvey, Charles und Michael. Drei Männer – wie so oft. Frauen haben es gerade in den naturwissenschaftlichen Bereichen noch immer schwer, an die Spitze zu kommen. Auch wenn es inzwischen Büros für Gleichstellung an Unis, Hochschulen und Forschungsinstituten gibt. Woran liegt das?

Der Sekretär des Nobelkomitee gibt die Nobelpreisträger 2020 in Medizin auf einer Pressekonferenz bekannt. Bilder der Personen sind auf einem großen Bildschirm zu sehen.
Der Nobelpreis für Medizin ging in diesem Jahr an Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus. Bildrechte: dpa

Johanna Weber ist als Vize-Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz für das Thema Gleichstellung zuständig. Kommt man auf fehlende Nobelpreis-Trägerinnen zu sprechen, wird sie sauer: "Die Entscheider machen etwas falsch. Wir haben mittlerweile einen Anteil von Professorinnen – also wirklich von Spitzenforscherinnen, Hochschullehrenden – von knapp einem Viertel."

Es sind ausreichend exzellente Frauen zur Verfügung, die dann auch für höchste Ehrenämter und Auszeichnungen zur Verfügung stehen. Wenn sie nicht ausgewählt werden, liegt das an den dubiosen Auswahlstrukturen und dann fehlt schlicht und einfach der Wille, eine Frau zu nominieren.

Johanna Weber Universität Greifswald

Es braucht mehr Vorbilder

Man könne nur mehr Frauen für die Spitzenforschung gewinnen, wenn auch es auch Vorbilder gebe, findet Weber. Auch Roswitha Böhm will Frauen sichtbarer machen. Sie ist die Prorektorin für Universitätskultur an der Technischen Universität Dresden: "Um ein Beispiel zu nennen: Alle Gebäude auf dem TU-Campus sind nach herausragenden Forschern, also männlichen Forschern, benannt. Und da gibt es im Rektorat jetzt die Idee, da halt einen Gegenpol zu setzen, also in jedem Gebäude etwa eine Stelle für eine herausragende Forscherin."

Seit dem Sommer hat die TU Dresden eine Rektorin und das Rektorat ist paritätisch besetzt. In der Forschung gibt es verschiedene Programme zur Frauenförderung.

Gehaltsunterschiede, Sexismus und weitere Baustellen

Uschi Kruse, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen, sagt, an den sächsischen Hochschulen gebe es noch viel zu tun, damit es mehr Frauen in der Wissenschaft an die Spitze schafften: "Die wissenschaftlichen Karrieren an Hochschulen entscheiden sich im Alter zwischen 30 und 40, also in der Familiengründungsphase." Nach wie vor seien Frauen durch Schwangerschaft, Elternzeit, aber auch durch die Kinderbetreuung insgesamt benachteiligt, was die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen betrifft. Vor allem die hohe Anzahl an befristeten Stellen stelle eine riesige Planungsunsicherheit für Frauen dar.

Georg Teichert kann das bestätigen. Seit zehn Jahren ist er an der – übrigens auch von einer Frau geleiteten – Universität Leipzig Gleichstellungsbeauftragter. Auch Gehaltsunterschiede, intransparente Auswahlprozesse bis hin zu sexueller Diskriminierung seien für die Frauen oft ein Thema: "Da geht es um, wenn wir an Corona denken, ganz massive Benachteiligung von Frauen, die im Homeoffice ganz oft die Verantwortung getragen haben, Kinderbetreuung und Homeschooling gemacht haben und dann ihre Kollegen, die das dann nicht hatten, häufig männlich natürlich, Zeit hatten, zu publizieren, Artikel zu schreiben, und da ist natürlich ein signifikanter Nachteil für Frauen entstanden."

Der Uni Leipzig gibt Teichert in Sachen Gleichberechtigung eine Zwei Minus. Außerhalb der Geisteswissenschaften gebe es noch immer zu wenige Frauen in der Spitzenforschung.

Notaufnahme 5 min
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

15 Kommentare

AnitaR vor 41 Wochen

Vorurteile haben die Eigenschaft, als unveränderbare Fakten wahrgenommen zu werden. Deutschland liegt in dem Gender Gab Ranking (WEF) auf der 10. Platz. Wären nicht soviele Frauen auf wichtigen politischen Posten, wäre Deutschland auf dem Wirtschaftsranking auf dem Platz 49 von 158 Staaten. 2018 war Deutschland noch auf dem Platz 38. Die Dynamik ist rückläufig -oder anders ausgedrückt: Deutschland hält nicht Schritt mit Ländern wie Ruanda, Nicaragua oder Mexiko.

CrizzleMyNizzle vor 41 Wochen

""Die Entscheider machen etwas falsch. Wir haben mittlerweile einen Anteil von Professorinnen – also wirklich von Spitzenforscherinnen, Hochschullehrenden – von knapp einem Viertel." "
ja in Deutschland... der Nobelpreis wird weltweit vergeben. Mal davon ab dass dann immer noch statistisch nur alle 4 Jahre eine Frau in einem Wissenschaftsgebiet einen Preis erhält.
Das Mimimi von gestern ist ja dann wohl weggewischt mit der Bekanntgabe heute:

"Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna erhalten den Nobelpreis für Chemie. Sie werden für die Entwicklung von Methoden zur Erbgut-Veränderung geehrt." *zeit

Bei den 8 "Gewinnern" bis jetzt 07-10-2020 12:30 sind 3 Frauen dabei...
Finde dass die Frauen ganz schön überpräsent sind (lol) oder liegt es ggf. doch an den wissenschaftlichen Themen, welche die Nominierung ausmachen? Ach ne kann nicht sein ...

goffman vor 41 Wochen

Ich denke Sie beide betrachten die Situation zu einseitig.
1. Abschluss (Zertifikat) ist nicht gleich Qualifikation.
2. Gleichheit ist nicht gleich Gerechtigkeit. Bsp. Physik der Anteil an Frauen unter den Studierenden liegt bei ca. 22-23%. Im Verlauf des Studiums bis zur Promotion sinkt er aber nicht, sondern steigt eher (auf 24%). Statistisch haben wir hier somit zwar eine Ungleichheit, aber keine Diskriminierung oder Ungerechtigkeit. (Der Nobelpreis für Physik ging in diesem Jahr an 2 Männer und an eine Frau.)
3. Wenn im Vorstand 30% Frauen sitzen, haben wir Ungleichheit. Wenn wir unter den Bewerbern 30% Frauen haben, der Frauenanteil unter den angenommenen Bewerbern aber 50% beträgt haben wir Chancenungleichheit, in meinen Augen Ungerechtigkeit.
4. Möglicherweise kann die Einführung einer 50/50 Quote Vorurteile, Diskriminierung und Ungerechtigkeit an anderer Stelle bekämpfen. (Beweis?)
5. Menschen werden immer noch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Handlungsbedarf besteht.

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