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Erzieherinnen haben das Gefühl, nicht "wirklich pädagogisch arbeiten" zu können, heißt es von Verdi. Bildrechte: dpa

TarifkonfliktRund 26.000 Kita-Fachkräfte im Warnstreik

von Kristian Schulze, MDR AKTUELL

Stand: 04. Mai 2022, 18:12 Uhr

Seit Ende Februar verhandeln Gewerkschaften und Kommunen über einen neuen Tarifvertrag der Sozial- und Erziehungsdienste in den Städten und Gemeinden – aus Sicht von GEW und Verdi bisher ohne Erfolg. Vor der dritten Verhandlungsrunde in Potsdam am 16. und 17. Mai haben sie nun ihre Warnstreiks noch einmal intensiviert.

In der bundesweit laufenden Tarifrunde der kommunalen Sozial- und Erziehungsdienste haben die Gewerkschaften Verdi und GEW am Mittwoch mit Warnstreiks in ganz Deutschland noch einmal Druck gemacht. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen waren Hunderte von Kitas und Grundschulhorte den ganzen Tag über geschlossen.

Laut Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren in Mitteldeutschland mehr als 1.000 Erzieherinnen und Erzieher dem Aufruf gefolgt. Etwa 500 seien zur Kundgebung in Leipzig gekommen.

Bundesweit insgesamt beteiligten sich nach Angaben der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) rund 26.000 Kita-Fachkräfte, rund 3.700 in Baden-Württemberg, in Niedersachsen-Bremen rund 3.500, in Hamburg mehr als 2.000 und geschätzt rund 8.000 in Nordrhein-Westfalen.

Warnstreikwoche auch in anderen Bereichen

Am Montag hatte es Warnstreiks in der Sozialarbeit gegeben und am Donnerstag sollen weitere in der Behindertenhilfe folgen. Bundesweit geht es um etwa 330.000 Beschäftigte bei den Kommunen. Für sie führt Verdi die Verhandlungen gemeinsam mit dem Beamtenbund dbb. Ihnen gegenüber steht die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA).

In den bisherigen zwei Verhandlungsrunden am 25. Februar und 22. März hatte es keine Einigung gegeben. Die Gewerkschaften fordern unter anderem bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere finanzielle Anerkennung.

"Wirklich pädagogisch arbeiten"

Verdi-Vizechefin Christine Behle beschrieb die Lage in den Kitas als "seit Jahren angespannt". Platzausbau und Ausweitung der Öffnungszeiten beim "gleichzeitigen Versäumnis, die Bedingungen in den Einrichtungen und in der Ausbildung zu verbessern", hätten die Fachkräfte an ihr Limit gebracht.

Verdi-Vize Behle: Die Situation ist seit Jahren angespannt." Bildrechte: dpa

Auch die Coronavirus-Pandemie habe Spuren hinterlassen. Derzeit fehlten 20 Prozent des Personals, und nach Krankenkassen-Angaben litten Kita-Beschäftigte besonders häufig unter Burnout.

Laut Verdi haben Kita-Fachkräfte das Gefühl, ihren pädagogischen Aufgaben und den Kindern nicht gerecht werden zu können. Um "wirklich pädagogisch arbeiten" zu können, fehlten rund 173.000 Fachkräfte. Auch das führe dazu, dass 25 Prozent der ausgebildeten Berufsanfängerinnen und -anfänger schon nach den ersten fünf Jahren dieses Arbeitsfeld wieder verließen.

Deshalb fordert Verdi nun unter anderem mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, um mehr Zeit für Kinder zu haben – neben der "finanziellen Anerkennung der gestiegenen Herausforderungen". Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert eine höhere Eingruppierung der Erziehungsdienste im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst.

Sachsen: Demos in Dresden und Leipzig

In Sachsen hatte die GEW in Leipzig, Chemnitz, Dresden, Döbeln und Markkleeberg zum ganztägigen Warnstreik aufgerufen. In Leipzig fand zudem eine gemeinsame Demonstration mit Kolleginnen und Kollegen aus Sachsen-Anhalt und Thüringen statt. Verdi veranstaltete eine Kundgebung in Dresden.

Verglichen mit Kita-Warnstreiktagen am 8. März und am 14. April waren sie dieses Mal in Sachsen noch ausgeweitet worden. Allein in Dresden waren laut GEW rund 80 Prozent der kommunalen Einrichtungen betroffen, in Leipzig bis zu 80 Kitas und Grundschulhorte. Die GEW hatte deshalb auch einen Brief an die Eltern gerichtet, in dem sie unter der Überschrift "Wir sind die Profis" um Solidarität und Unterstützung der Eltern auch für Streiks warb.

Sachsen-Anhalt: Kundgebung auch in Halle

In Sachsen-Anhalt gab es laut Verdi ganztägige Kita-Warnstreiks in Halle, Dessau und Köthen. Verdi-Sekretär Johannes Mielke sagte, die Arbeitgeber seien uneinsichtig und verstünden auch nicht, dass es hier nicht allein um Lohnsteigerungen gehe, vielmehr um konkrete Entlastung. Während die GEW im Land die Streikenden zur Beteiligung an der Kundgebung in Leipzig aufrief, veranstaltete Verdi einen Demonstrationszug mit Kundgebungen in Halle.

Thüringen: Kitas in drei Städten bestreikt

Auch in Thüringen hatte GEW und Verdi zu Warnstreiks aufgerufen, in kommunalen Kindergärten in Gotha, Weimar und Erfurt auf. Seit Jahren werde im Sozial- und Erziehungsdienst "am Limit" gearbeitet, hieß es auch von GEW-Landeschefin Kathrin Vitzthum: Frühkindliche Bildung brauche tatsächlich jedoch weitaus "bessere strukturelle Bedingungen".

Arbeitgeber: Streiks sind unverhältnismäßig

Aus Sicht der Gewerkschaften haben die Arbeitgeber in den bisherigen zwei Verhandlungsrunden kein Angebot vorgelegt und ihre zentralen Forderungen zurückgewiesen. VKA-Präsidentin Karin Welge erklärte dagegen, der neue Warnstreik-Aufruf passe "nicht zum tatsächlichen Verhandlungsstand", denn man habe "zu einigen Themen ganz konkrete Vorschläge" gemacht.

Nach Jahren der Pandemie und enormen Herausforderungen für Elternteile und Familien ist das Vertrauen in die Daseinsvorsorge ein hohes Gut, das nicht durch unverhältnismäßige Streiks belastet werden sollte.

VKA-Präsidentin Karin Welge

Arbeitskampf müsse "immer das letzte Mittel" bleiben, sagte Welge. Ziel sei aber eine Einigung am 17. Mai: "Hieran arbeiten wir mit Hochdruck." Höhere tarifliche Eingruppierungen lehnte sie aber erneut ab. Schon jetzt verdienten die Erzieherinnen und Erzieher mehr als andere im kommunalen öffentlichen Dienst und im Vergleich zu anderen Trägern um bis zu zehn Prozent.

"Wir können keine höhere Eingruppierung pauschal für alle Gruppen vornehmen, sondern nur dort, wo tatsächlich die Anforderungen gestiegen sind", erklärte Welge am Montag. Mehr könnten die kommunalen Träger nicht leisten. Auch seien die geforderten Entlastungszeiten keine Lösung: Bei dem realen Fachkräftemangel müsse die Arbeit "an den zusätzlichen freien Tagen" von anderen geleistet werden, wodurch "niemandem geholfen" sei.

mit dpa, AFP

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 04. Mai 2022 | 09:30 Uhr